Mobbing

Anfeindungen von Kollegen, Übertragung von ungeliebten Aufgaben oder Belästigungen - Mobbing, welcher Form auch immer, greift das Selbstwertgefühl an und führt zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

 

Der Begriff Mobbing leitet sich ab vom englischen Wort "to mob", was soviel bedeutet wie angreifen, anpöbeln, über jemanden herfallen. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz bezeichnete mit Mobbing den Angriff einer Gruppe von Tieren auf einen Eindringling.

 

Die verschiedenen Arten des Mobbing in der menschlichen Arbeitswelt sind weniger eindeutig. Zwischenmenschliche Konflikte im Berufsleben gibt es, seit Menschen arbeitsteilig zusammenarbeiten. Unter Stress kommt es besonders häufig zu Reibereien. Wenn ein Kollege mal nicht grüßt, ist das zwar noch kein Grund, sich als Mobbing-Opfer zu sehen. Doch die Grenzen zwischen Unhöflichkeit, latenten Aggressionen und Mobbing sind fließend, Kriterien zur Unterscheidung deshalb hilfreich.

 

Wie wird gemobbt

Als erster führte 1993 der schwedische Arbeitswissenschaftler Heinz Leymann den Begriff ein und meinte damit absichtliche und systematische Handlungen im Arbeitsleben, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken und darauf ausgerichtet sind, das Opfer zu schädigen. Leymann nennt insgesamt 45 Mobbing-Handlungen aus fünf unterschiedlichen Bereichen. Machen sich eine oder mehrere davon mindestens einmal pro Woche und über sechs Monate bemerkbar, spricht man von Mobbing.

  1. Angriffe auf die Möglichkeiten, sich mitzuteilen:

    Handlungen von Kollegen oder Vorgesetzten wie ständiges Unterbrechen, ständige Kritik an der Arbeits- oder Lebensweise, lautes Anschreien oder Schimpfen, Drohungen und Kontaktverweigerung.

  2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen:

    Der Betroffene wird ignoriert, man spricht nicht mehr mit ihm, lässt sich von ihm wegsetzen und fordert andere Kollegen dazu auf, den Betroffenen zu meiden.

  3. Auswirkungen auf das soziale Ansehen:

    Hinter dem Rücken des Betroffenen wird schlecht über ihn gesprochen, in Form von Gerüchten, Beschuldigungen oder Verdächtigungen. Seine Person wird lächerlich gemacht, seine Entscheidungen in Frage gestellt oder er wird mit entwürdigenden Ausdrücken oder sexueller Annäherung belästigt.

  4. Angriffe auf die Qualität der Berufs- und Lebenssituation:

    Dem Betroffenen werden keine Arbeitsaufgaben mehr zugewiesen. Oder er wird entweder mit sinnlosen, "kränkenden" Aufgaben, die unter seinem eigentlichen Können liegen, beauftragt oder so überfordert, dass er durch sein Scheitern diskreditiert werden kann.

  5. Angriffe auf die Gesundheit:

    Hierzu zählen der Zwang zu gesundheitsschädlichen Arbeiten, die Androhung oder gar Anwendung körperlicher Gewalt, körperliche Misshandlung, finanzielle oder psychische Schädigung des Betroffenen sowie sexuelle Handgreiflichkeiten.

Gesundheitliche Folgen

Infolge von Stress durch Mobbing kommt es besonders häufig zu körperlichen Beschwerden wie Störungen des vegetativen Nervensystems, Übelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit, Magen- und Darmproblemen, Kopfschmerzen, Muskelverspannungen und Herz-Kreislauf-Problemen. Betroffene reagieren auf den Terror am Arbeitsplatz häufig auch mit Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche und Nervosität. Je nachdem, wie lange die Belastungen andauern und wie schwer sie sind, können ernsthafte Störungen bis hin zu Depressionen und Suizidanfälligkeit hinzu kommen.

 

Wer von Mobbing betroffen ist, läuft Gefahr, in einen Teufelskreis aus Verunsicherung und Angst etwas falsch zu machen. Somit kommt es stressbedingt zu schlechteren Leistungen. Die Folge sind häufige Fehlzeiten oder die Opfer kündigen, um dem Psychoterror zu entgehen. Mobbing kann auf diese Weise leicht zum "Karrierekiller" werden.

 

Verbreitung und Ursachen

Untersuchungen ergaben, dass erschreckend viele Beschäftigte am Arbeitsplatz unter dem Phänomen Mobbing leiden und sowohl psychische als auch gesundheitliche Folgen davon tragen. Allein in Deutschland wird von 500.000 bis einer Million Beschäftigter ausgegangen, die einem Mobbing ausgesetzt sind.

 

Diese hohe Opferzahl führt zur "Täterfrage": Wer betreibt den systematischen Terror am Arbeitsplatz und warum? Nach Aufstellungen der IG Metall sind die Mobbing-Verursacher zu 44 Prozent Kollegen, 37 Prozent Vorgesetzte, zehn Prozent Kollegen und Vorgesetzte zusammen und neun Prozent Untergebene.

 

Häufig entzündet sich der Konflikt, aus dem später ein Mobbing-Prozess wird, an arbeitsorganisatorischen Mängeln wie etwa unbesetzten Stellen, starren Hierarchien, hoher Verantwortung bei geringem Handlungsspielraum, Unter- oder Überforderung der Mitarbeiter. Wo Arbeitsplätze abgebaut werden, ist das Risiko wegen des Konkurrenzdrucks unter den Kollegen besonders groß.

 

Konflikte treten besonders häufig auf, wenn es zu personellen Veränderungen in einer Arbeitsgruppe kommt - vor allem, wenn der oder die Neue aus der bisherigen Stelle andere Normen und Verhaltensweisen mitbringt oder sich aufgrund von Persönlichkeit, Geschlecht, Kultur oder Herkunft vom Rest der Gruppe unterscheidet. Grundsätzlich kann Mobbing aber jeden treffen.

 

Manchmal werden Mitarbeiter auch von der Unternehmensführung gezielt gemobbt, um sie loszuwerden: Häufig werden die Betroffenen dadurch dauerhaft krank und so aus dem Job getrieben. So werden Abfindungen umgangen, denn die Firmen zahlen im Krankheitsfall nur sechs Wochen lang den Lohn, danach ist die Krankenkasse und später das Arbeitsamt zuständig.

 

Hilfe und Beratungsstellen

Wird ein Mitarbeiter gemobbt, ist der Vorgesetzte gefragt. Je früher er eingreift, um so besser sind seine Chancen, den Mobbing-Prozess zu stoppen (sofern er selbst nicht Teil des Prozesses ist).

 

Mobbing-Opfer sollten sich auch selbst sofort gegen Schikanen zur Wehr setzen und nicht untätig die Attacken der Kollegen ertragen. Sie können den Konflikt intern - also in Gesprächen mit Kollegen, Vorgesetzten und Personalabteilung beziehungsweise Betriebs- oder Personalrat - zu lösen versuchen, oder sich von außen Hilfe holen. In den meisten größeren Städten gibt es entsprechende Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen.

 

Wer sich aufgrund von Mobbing arbeitslos melden musste, sollte eine Therapie machen. Auf diese Weise lässt sich auch die finanzielle Unterstützung rechtfertigen. Um Vorwürfe vor dem Arbeitgeber oder vor Gericht glaubhaft darzustellen, ist ein sogenanntes Mobbing-Tagebuch hilfreich: Es beweist, wann, wie lange und in welcher Form der Betroffene dem Mobbing ausgesetzt war. Außerdem hilft es, die Erlebnisse zu verarbeiten.

 

Weitere Artikel aus "Gehirn, Nervensystem und Psyche"