Hausärzte dringend gesucht

Die Bundestagsabgeordnete Karin Maag (CDU) im Interview

 

Die medizinische Versorgung spielt für das Leben vor Ort in unseren Städten und Gemeinden eine wichtige Rolle. Doch mit dem Ärztemangel kommen große Herausforderungen. Dabei bieten Innovationen und Telemedizin große Chancen für die Zukunft der ambulanten Versorgung in Baden-Württemberg.

 

Im Interview beschreibt Karin Maag, mit welchen Maßnahmen die Gesundheitspolitik jetzt gegensteuert und welche Vorhaben sie mit in den anstehenden Wahlkampf nehmen will.

 

Karin Maag, MdB (CDU)Karin Maag, MdB (CDU)TK: Frau Maag, Sie sind Berichterstatterin für die ambulante Versorgung. Kurz und knapp zum Einstieg: Wie würde Ihr Status-Tweet zum Thema Hausarzt und Co. in 140 Zeichen lauten?


Maag: Hausärzte dringend gesucht - entscheiden Sie sich für eine erfüllende, Sinn stiftende und gut bezahlte Tätigkeit für Menschen.


TK: Niederlassungsförderung, Terminservicestellen, Innovationsfonds - wie bewerten Sie die gesundheitspolitischen Beschlüsse zur medizinischen Versorgung vor Ort?

 

Maag: Als Motor für Ärzte, Krankenkassen und Selbstverwaltung. Für uns ist die bestmögliche Versorgung der Patienten das Wichtigste. Dazu gehört z. B., dass Patienten überall in Deutschland von guten niedergelassenen Ärzten versorgt werden, nicht nur in größeren Städten. Die Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Selbstverwaltungsgremien vor Ort funktioniert dazu wirklich gut. Die Terminservicestellen garantieren den Patienten, die zum Facharzt überwiesen werden, einen zeitnahen Termin und können gleichzeitig deren Inanspruchnahme auch steuern. Ob sich die Terminservicestellen bewähren, werden wir selbstverständlich evaluieren.

 

Der Innovationsfonds soll neue Versorgungsformen fördern und die Versorgungsforschung verbessern. Dafür stellen wir jährlich 300 Millionen Euro zur Verfügung. Bei vielen Ansätzen finden wir zwar die Ideen gut, wissen aber noch nicht wie sie wirken. Deshalb ist der Innovationsfonds ein guter Weg, um auch mal Neuland zu betreten und einfach mal im kleinen Rahmen ein paar Ansätze, die vielversprechend sind, auszuprobieren. Ich habe mir selbst schon einige Projekte angeschaut, zum Beispiel zur Verbesserung der Hygiene. Ich glaube, da gelingt uns etwas Gutes.

 

TK: In Baden-Württemberg droht ein Ärztemangel, gerade im ländlichen Raum, aber auch in manchen städtischen Bezirken. Sind die bisherigen Maßnahmen ausreichend?

 

Maag: Es gibt da zwei Dinge, die man trennen muss. Erstens war die Anzahl der niedergelassenen Ärzte noch nie so hoch wie heute. Betrachtet man allerdings die Verfügbarkeit der Ärzte am jeweiligen Standort, insbesondere in ländlichen Gegenden, ist ein deutliches Stadt-Land-Gefälle auszumachen. Ansatzpunkt, um diese Versorgungslücke zu schließen, ist die neue Bedarfsplanung. Ich bin davon überzeugt, dass der G-BA und dann die Selbstverwaltungspartner auf Landesebene das auch gut hinbekommen.

 

Zweitens kommt aber tatsächlich mit dem demographischen Wandel und der Veränderung des Berufsbildes ein Mangel an niedergelassenen Ärzten auf uns zu. Da müssen wir noch mehr Anreize setzen, damit sich die jungen Mediziner - vor allem übrigens die Medizinerinnen - auch niederlassen. Wir wollen mit dem Masterplan 2020 das Medizinstudium attraktiver machen, vor allem für diejenigen, die sich vor Ort um die Menschen kümmern wollen. Außerdem sollten wir uns positiv auch auf den Wandel des Berufsbildes einlassen. Die jungen Ärzte wollen eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf, wollen sich nicht auf die nächsten 40 Jahre festlegen Die Kassenärztlichen Vereinigungen reagieren noch nicht überall so, wie es sein könnte. Das Thema wird auch die Politik in den nächsten Jahren begleiten.

 

TK: Die Telemedizin bietet die Chance, Versorgungslücken zu überwinden - gerade auch für den ländlichen Raum. Warum kommt man auf diesem Gebiet nicht schneller voran?

 

Maag: Die Herstellung der Infrastruktur dauert in der Tat noch viel zu lange. Der Statusbericht der Gematik zeigt auch, wo es noch hängt. Ich glaube aber, dass die Sanktionsmechanismen beschleunigend wirken. Die Telemedizin steht zudem im Spannungsfeld zwischen Datenschutz und Datensicherheit auf der einen Seite und der überaus sinnvollen Anwendungsmöglichkeiten auf der anderen Seite. Ich glaube, wir müssen auf dem Gebiet der Telemedizin mehr wagen. Da geht der Druck aber auch von den Patienten selbst aus, die mit der Nutzung von vielen Gesundheits-Apps schon weiter sind als Ärzte und Krankenkassen.

 

TK: Und welche Chancen bietet der Vorstoß der Landesärztekammer Baden-Württemberg zu Modellprojekten mit ausschließlicher Fernbehandlung, auch bundesweit gesehen?

 

Maag: Gerade in Regionen mit wenigen Ärzten entlastet die Fernbehandlung sowohl Patienten als auch die Ärzte. Ich finde es deshalb großartig, dass die Landesärztekammer da mutig vorangeht. Ich unterstütze die Änderung im Berufsrecht, die solche Modellprojekte der Fernbehandlung möglich macht. Es bleibt alles unter Kontrolle, weil die Ärztekammer genehmigen muss und die Projekte evaluiert werden.

 

TK: Im kommenden Herbst kandidieren Sie erneut bei der Bundestagswahl. Was sind Ihre ganz persönlichen (gesundheits-)politischen Vorhaben für die nächsten Jahre?

 

Maag: Ich habe drei Ziele: Erstens unser hervorragendes Gesundheitssystem weiter zu verbessern, indem wir Innovationen noch schneller in die Regelversorgung bringen und auch etwas mehr Wettbewerb – ich denke da z.B. an Selektivverträge – zulassen. Wir müssen die Versorgung chronisch kranker Patienten verbessern. Die Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung mit all den Nachteilen für die Patienten ist nicht mehr zeitgemäß. Dort werden wir nachsteuern müssen.

 

Die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems kann – zweitens – verbessert werden, mit E-Health-Elementen. Die elektronische Gesundheitskarte muss endlich ans Laufen kommen und wir benötigen elektronische Rezepte. Andere Länder sind da schon erheblich weiter.

 

Drittens: Die Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung muss auf sicheren Beinen stehen und zukunftsfest sein. Da kann mehr Wettbewerb zwischen den Krankenkassen um Leistung und Service stattfinden und es sollten auch Elemente der Kapitaldeckung kommen, damit wir Reserven für die junge Generation anlegen.

 

Zur Person

Karin Maag ist seit 2009 Bundestagsabgeordnete der CDU und vertritt den Wahlkreis Stuttgart II als direkt gewählte Abgeordnete in Berlin. Maag ist jahrelanges, ordentliches Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und dort Berichterstatterin für die ambulante Versorgung. Sie ist außerdem Vorsitzende der Gruppe der Frauen ihrer Fraktion sowie Mitglied des Landesvorstands der Frauen Union. Als Juristin war sie zuvor bei der Landeshauptstadt Stuttgart sowie als Ministerialdirigentin im Landtag tätig.