Es muss in der langfristigen Perspektive vor allem darum gehen, "die Gesunden gesund“ zu halten.

Thaddäus Kunzmann ist Demografiebeauftragter des Landes Baden-Württemberg

 

TK: Herr Kunzmann, Sie sind als Demografiebeauftragter des Landes Baden-Württemberg seit diesem Jahr tätig. Was sind Ihre konkreten Aufgaben?

 

Thaddäus KunzmannThaddäus KunzmannKunzmann: Als Demografiebeauftragter bin ich Ansprechperson zu den Herausforderungen des Demografischen Wandels für die Bürgerinnen und Bürger, den Bund, andere Länder, Kommunen, die Wirtschaft und alle Akteure im Land. Besonders im Hinblick auf eine älter werdende Gesellschaft bearbeite ich Themen wie ein altersgerechtes Leben, Wohnen und Bauen, Mobilität im Alter, die Digitalisierung, das Potenzial für das Ehrenamt, die Sicherung der Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum oder die gesundheitliche Prävention.

 

Mein Anliegen ist es, Gesellschaft, Politik und Arbeitgeber für dieses Thema zu sensibilisieren und im Idealfall mögliche Synergieeffekte aufzuzeigen und zu initiieren, indem Vernetzungen angeregt und Doppelstrukturen vermieden werden. Ziel ist es, die Herausforderungen des demografischen Wandels zu erkennen und aktiv anzugehen und soweit möglich ein Gegensteuern anzuregen.

 

TK: Ihr Themenfeld umfasst sicherlich mehr als nur Gesundheit und Sozialwesen und auch mehr als nur Alters- und Seniorenpolitik. Wie würden Sie Ihre Rolle definieren?

 

Kunzmann: Der demografische Wandel wird oft mit dem Thema Pflege gleichgesetzt. Dabei muss es vor allem darum gehen, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden. Die Menschen also in die Lage zu versetzen, ihr Leben soweit möglich eigenverantwortlich zu gestalten. Es darf dabei nicht nur der kurzfristige Blick auf die nächsten 5 oder 10 Jahre genügen. Im Grunde müssen die kommenden Lebensphasen der geburtenstarken Jahrgänge ins Auge gefasst werden.

 

Es bedarf also einer langfristigen Handlungsleitlinie und ich will alle Akteure motivieren, an der Erarbeitung dieser langfristigen Handlungsleitlinie mitzuarbeiten. Wie bereits gesagt sind die Themen im Grunde allumfassend und nicht nur auf den Sozialbereich zu reduzieren. Zudem sind viele Handlungsfelder miteinander verzahnt. So setzt der Ausbau der Telemedizin beispielsweise ein lückenloses und schnelles digitales Netz voraus.

 

TK: Die TK engagiert sich dafür, älteren Menschen ein möglichst langes selbstständiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Welche Maßnahmen stehen hier auf Ihrer Agenda?

 

Kunzmann: Ich will es einmal drastisch formulieren: Die geburtenstarken Jahrgänge sind nicht nur besonders viele, wir leben auch besonders lange. Und die Herausforderung besteht darin, dass die Versorgung von uns Hochaltrigen des Jahres 2040 oder 2050 dann von besonders wenigen geleistet werden muss.

 

Im Durchschnitt ist heute jeder dritte 90jährige an Demenz erkrankt. Viele 90jährige haben somit viele Demenzerkrankte zur logischen Folge. Wenn wir später einmal so dement werden, wie die Menschen heute dement sind, ist unsere Versorgung nicht sichergestellt.

 

Es muss in der langfristigen Perspektive also vor allem darum gehen, „die Gesunden gesund“ zu halten und insbesondere nur leicht mobilitätseingeschränkten Personen möglichst lange ein Wohnen in ihrem häuslichen Umfeld durch technische Hilfsmittel (AAL) zu ermöglichen. So bleibt persönliche Selbstbestimmung länger erhalten und Pflegeheime werden entlastet.

 

Aber um dieses Ziel großräumig zu erreichen, müssen die Handlungsfelder benannt werden: Der Erhalt von Mobilität durch eine barrierefreie Umgebung und einen auch für mobilitätseingeschränkte Menschen attraktiven ÖPNV, die Eigenständigkeit im Wohnen, die Chancen der Digitalisierung und eine Einbettung in ein soziales Gefüge auch dann, wenn die Familie weit entfernt lebt. Und ganz wesentlich: Jeder muss selbst präventiv tätig sein - im eigenen Interesse.

 

TK: Werfen wir einen Blick in die Zukunft einer sich verändernden Gesellschaft. Welche Herausforderungen sehen Sie auf uns zukommen?

 

Kunzmann: Es gibt zwei kritische Jahrzehnte: Zum einen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Dann stehen wir zwar für das Ehrenamt zur Verfügung. Andererseits macht sich dann der Fachkräftemangel ganz besonders bemerkbar. Und das zweite kritische Jahrzehnt kommt dann, wenn wir hochaltrig werden. Dann stellt sich die Versorgungsfrage.


Das Ganze ist eingebettet in einem gesellschaftlichen Wandel, der mit dem Verlust von Bindungen verbunden ist: Verlust an Familienbindungen, an Nachbarschaften, kirchlichen Bindungen, Vereinsmitgliedschaften usw. Und dazu kommt noch der zweite Megatrend: Die Digitalisierung verändert unser Leben, wie wir es uns vor einigen Jahren nicht annähernd vorstellen konnten.

 

Die Digitalisierung ist bei der Bewältigung der Herausforderung des Demografischen Wandels eine Unterstützung. Wir müssen die Chancen beherzt aufgreifen. Mir fehlt bisher aber noch eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, was die Digitalisierung konkret bedeutet, wo sie uns nützt und wo die Grenze zur Fremdbestimmung überschritten wird. Das Thema kommt noch sehr abstrakt daher. Es gilt jetzt, die Zeit gut zu nutzen und die vorhandenen Ressourcen sinnvoll und nachhaltig einzusetzen.

 

TK: Zum Abschluss zwei Fragen im Bereich der Pflege. Wie sieht Ihrer Meinung nach Pflege im Jahr 2030 aus? Und was muss auf dem Weg dorthin getan werden?

 

Kunzmann: Die stationäre Pflege wird es weiterhin geben, weil es für viele Menschen mit einem hohen Pflegebedarf keine Alternative geben wird. Die Versäulung von ambulanter und stationärer Pflege wird bis dahin hoffentlich aufgelöst. Ganz entscheidend ist, dass wir Menschen für den Pflegeberuf gewinnen. Denn jede noch so sinnvolle gesetzgeberische Maßnahme nützt nichts, wenn es nicht genügend Menschen gibt, die dann in diesem Beruf arbeiten. Der Pflegeberuf muss aufgewertet werden.

 

TK: Und wie ist Ihre Position zur TK-Forderung nach einer landesweiten Umsetzung der bisher nur regional existierenden Initiativen zur Reduzierung von Fixierungen in Pflegeheimen?

 

Kunzmann: Das Ziel der TK-Forderung ist richtig und zielweisend. Das Stuttgarter Beispiel zeigt auch, dass die Zahl der Fixierungen deutlich zurückgegangen ist. Deshalb ist es gut und richtig, wenn landesweit entsprechende Netzwerke von MDK, Heimaufsichten, der Justiz und den Pflegeheimen entstehen, wie dies in Stuttgart und Ludwigsburg geschehen ist. Dazu braucht es vor allen Dingen das Bewusstsein, dass hier Handlungsbedarf besteht. Daran wirke ich gerne mit.

 

Zur Person

Thaddäus Kunzmann wurde am 6. Januar 1964 geboren. Er lebt in Nürtingen und ist verheiratet. Der ehemalige Landtagsabgeordnete wurde Anfang 2017 vom Kabinett zum Demografiebeauftragten des Landes bestellt.

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