Die digitale Kompetenz stärken

Gastbeitrag von Hardy Müller, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit und Referent bei der TK.

 

Mit Big Data und Digitalisierung wird eine Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung angestrebt. Da diese Begriffe heute oft als beliebige Schlagwörter gebraucht werden, möchte ich zum besseren Verständnis eine Konkretisierung vorweg stellen. Im Sinne der WHO Definition ist 'Digital Health' die sichere und kosteneffektive Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien zur Optimierung der gesundheitlichen Versorgung. (*)

 

Hardy Müller, Referent Techniker KrankenkasseHardy MüllerOptimierung ist immer erstrebenswert, so ist zum Beispiel ein weiterer Ausbau der Patientensicherheit notwendig. Zu viele vermeidbare unerwünschte Ereignisse mit Schäden für die Patientinnen und Patienten sowie die Behandler werden derzeit akzeptiert. Sehr konservative Schätzungen in einer aktuellen OECD-Studie gehen davon aus, dass alleine im Krankenhaus mindestens 15 Prozent der Ausgaben für die Revision von unerwünschten Ereignissen aufzubringen sind. Aus der Systemperspektive ist der Verlust von gesunden Lebensjahren aufgrund von Patientensicherheitsproblemen ähnlich bedeutend wie jene Belastungen durch chronische Erkrankungen wie etwa Multiple Sklerose oder Gebärmutterhalskrebs. Falls eine konsequente Digitalisierung der Arzneimittelverordnung gelingt, wären rechnerisch zehn Prozent aller Krankenhausaufnahmen vermeidbar.

 

Ziel: Versorgung verbessern, Nutzen für Patienten ausbauen

 

Dies zeigt, welch großes Potenzial die Digitalisierung zum Ausbau der Patientensicherheit hat. Deshalb ist Digitalisierung unverzichtbar und zu Recht ein Schwerpunkt der Innovationsförderung. Dennoch erleben wir Klagen über den Stand der Digitalisierung: Deutschland sei abgehängt, wir befänden uns in der Kreidezeit und so weiter und so fort. Warum geht es trotz der Förderung und der Dringlichkeit nicht voran?

 

Problem: Misstrauen blockiert Digitalisierung

 

Nicht technologische Innovationen sind notwendig, sondern soziale Innovationen: Wir brauchen eine Ermächtigungskampagne zur kompetenten Nutzung der neuen Technologien. Der Schwerpunkt der Förderung der Digitalisierung liegt im Bereich der Technologieförderung - mehr Breitband, schnellere Netze - und verfehlt damit das zentrale Problem. Die beste Technik taugt nichts, wenn sie nicht genutzt wird. Insofern sind sehr viel mehr Anstrengungen notwendig, um das Zu- und das Vertrauen in die Digitalisierung zu stärken. Technologie schafft die notwendige Voraussetzung für die oben genannten Ziele. Erreichen werden wir sie nur, wenn die Verfahren auch genutzt werden.

 

Lösung: Digitale Kompetenz stärken

 

Vertrauen in Angebote fällt nicht vom Himmel, sondern muss geschaffen und immer wieder verdient werden. Nach dem Facebook-Skandal im Zusammenhang mit dem Datentransfer zu Cambridge Analytica wurde nochmals deutlich, was für dramatischen Folgen ein Vertrauensverlust für die weitere Nutzung haben kann. Es kam zum Massenaustritt aus dem Netzwerk, der Aktienkurs brach ein, die weiteren Auswirkungen sind heute noch nicht absehbar.

 

Vertrauen wird weniger enttäuscht, wenn Nutzerinnen und Nutzer Gefahren und Chancen kennen und kompetent mit der Digitalisierung umgehen. Wenn also die Digitalisierung von größter Bedeutung für die gesundheitliche Versorgung ist, dann müssen im Gesundheitswesen die Medien- und Digitalisierungskompetenz gefördert oder zumindest thematisiert werden. Vor allem auch deshalb, weil die Digitalisierung zuerst intensiv im Gesundheitswesen umgesetzt werden soll.

 

Als Nutzer sind hier die Versicherten und Leistungserbringer zu nennen. Aber auch Organisationen haben gestalterischen Einfluss und Verantwortung für die gesundheitliche Versorgung und müssen daher digital kompetent aufgestellt sein.

 

Zum Ausbau der digitalen Kompetenz und als Beitrag für eine soziale Innovation führt die TK das Projekt "TK-DiSK. Digital. Selbstbestimmt. Kompetent." durch. Das Projekt soll die digitale Gesundheitskompetenz von Patienten und Organisationen stärken. Hier wird der Stand der digitalen Kompetenz erhoben und es werden Vorschläge erarbeitet, wie sich die neuen Technologien sicher nutzen lassen. Denn: selbst die besten digitalen Angebote nutzen nichts, wenn sie nicht (richtig) angewandt werden.

 

 

 

* siehe: Vollmar, Horst-Christian; Kramer, Ursula; Müller, Hardy; Griemmert, Maria; Noelle, Guido; Schrappe, Matthias:  Digitale Gesundheitsanwendungen – Rahmenbedingungen zur Nutzung in Versorgung, Strukturentwicklung und Wissenschaft. Positionspapier der AG Digital Health des DNVF. Das Gesundheitswesen, 2017; 79:1-13