Unterzuckerung

Wenn der Blutzucker unter 50 bis 60 mg/dl sinkt, spricht man von einer Unterzuckerung (Hypoglykämie). Das ist die häufigste Nebenwirkung bei der Behandlung eines Diabetes mellitus mit Insulin. Auch unter der Therapie mit blutzuckersenkenden Tabletten wie Sulfonylharnstoffpräparaten oder Gliniden können Hypoglykämien auftreten.

 

Ursache der Unterzuckerung mit zu niedrigen Blutzuckerspiegeln ist ein Überangebot an Insulin bei gleichzeitig zu geringem Kohlenhydratangebot. Unbehandelt kann die Hypoglykämie einen lebensbedrohlichen Verlauf nehmen.

 

Gründe für eine plötzlich auftretende Unterzuckerung sind zum Beispiel:

 

  • Eine zu hohe Dosis von Insulin oder blutzuckersenkenden Medikamenten
  • Ein zu großer Abstand zwischen dem Spritzen von Insulin und der Einnahme der Mahlzeit (zu großer Spritz-Ess-Abstand) beziehungsweise fehlende Nahrungsaufnahme nach dem Spritzen von Insulin
  • Eine zu niedrige Nahrungs- beziehungsweise Zuckermenge bei gleichbleibender Insulin- oder Tablettendosis
  • Zu große körperliche Belastung bei gleich bleibender Insulin- oder Tablettendosis
  • Alkohol, da dieser die Blutzuckerkonzentration zwar zunächst ansteigen, später dann aber stärker abfallen lässt

 

Wie macht sich eine Unterzuckerung bemerkbar?

Das Auftreten einer Hypoglykämie kann sich unter anderem durch folgende Symptome bemerkbar machen: Zittern, Unruhe, Hungergefühl, Kaltschweißigkeit, Schwächegefühl, starkes Herzklopfen, taubes Gefühl oder Kribbeln an Mund, Beinen oder Händen, Verwirrtheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Müdigkeit oder Sehstörungen. Welche der genannten Symptome auftreten, ist dabei individuell sehr unterschiedlich.

 

Wird bei der Unterzuckerung nicht rechtzeitig gegengesteuert, kann es schließlich zu Atem- und Kreislaufstörungen, Bewusstseinsstörungen und Krämpfen bis hin zur Bewusstlosigkeit oder sogar zum Tod kommen.

 

Bei einer länger bestehenden Diabeteserkrankung nimmt der Betroffene die Warnzeichen einer Hypoglykämie unter Umständen nicht mehr so intensiv wahr wie zu Beginn der Erkrankung. Im Einzelfall ist es sogar möglich, dass keines der oben genannten Symptome die zu niedrigen Blutzuckerspiegel anzeigt und der Betroffene ohne weitere Vorwarnung plötzlich Krämpfe erleidet und bewusstlos wird. Dieses Phänomen kommt vor allem bei Patienten vor, die bereits unter einer diabetischen Nervenerkrankung (Neuropathie) leiden.

 

Wie kann man vorbeugen?

Um Unterzuckerungen zu vermeiden, müssen Diabetiker, die Insulin spritzen, regelmäßig ihren Blutzucker kontrollieren. Die Blutzuckerselbstkontrolle erfolgt durch Teststreifen. Dabei entnehmen die Patienten einen Tropfen Blut aus der Fingerbeere des Kleinfingerballens oder dem Unterarm, bringen ihn auf die Teststreifen auf und stecken diesen in ein Messgerät, das dann den Blutzuckerwert anzeigt. Alle wichtigen Details zur Durchführung der Blutzuckerselbstkontrolle lernen die Patienten in der Diabetes-Schulung.

 

Viele Diabetiker, die immer wieder an schweren Unterzuckerungen leiden, haben Schwierigkeiten, die Symptome einer Unterzuckerung zu erkennen. Für diese Patienten ist es empfehlenswert, an einem Blutzucker-Wahrnehmungstraining teilzunehmen.

 

Wie erfolgt die Behandlung?

Leichte Unterzuckerung

Die leichte Unterzuckerung kann der Patient selbst behandeln. Typischerweise bemerkt der Betroffene Anzeichen wie Zittern, Schweißausbrüche, Herzklopfen, plötzlichen Heißhunger, Kribbeln der Finger und Lippen, Blässe oder Angst. Welche Symptome auftreten, ist individuell unterschiedlich.

 

Eine leichte Unterzuckerung lässt sich in der Regel mit 20 Gramm Kohlenhydrate (vorzugsweise in Form von Glukose) in den Griff bekommen, dies entspricht etwa vier Plättchen Traubenzucker oder acht Stück Würfelzucker. Alternativ kann auch ein Glas Fruchtsaft helfen. Man sollte jedoch darauf achten, dass diese Säfte keine künstlichen Süßstoffe enthalten (zum Beispiel bei Diätsäften üblich). Am besten geeignet sind in diesem Fall Fruchtsaftgetränke. Fruchtsaft enthält 100 Prozent Frucht, Fruchtsaftgetränke enthalten 50 Prozent Frucht und zusätzlich viel Zucker. Auch Cola enthält sehr viel Zucker und ist daher ebenfalls geeignet, um den Blutzucker zu erhöhen.

 

Nach 15 Minuten sollten die Patienten ihren Blutzucker messen. Liegt er weiterhin unter 50 bis 60 mg/dl, sollten sie erneut Kohlenhydrate zuführen. Nach Erreichen eines normalen Blutzuckerspiegels ist es sinnvoll, eine Mahlzeit oder einen Snack einzunehmen, um eine erneute Unterzuckerung zu vermeiden.

 

Schwere Unterzuckerung

Bei einer schweren Unterzuckerung ist der oder die Betroffene aufgrund von Verwirrtheit, Krämpfen und einer Bewusstseinstrübung so stark eingeschränkt, dass er sich nicht mehr selbst behandeln kann und auf fremde Hilfe angewiesen ist.

 

Ist der Patient bei Bewusstsein, sollte er sofort etwa 30 Gramm Glukose bekommen.

 

Im Falle einer schweren Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit muss eine geschulte Person dem Betroffenen sofort Glukose in die Vene oder Glukagon in den Oberschenkelmuskel oder unter die Haut spritzen. Dann sollte der Notarzt verständigt werden.

 

Glukagon ist das Gegenhormon des Insulins. Es bewirkt einen raschen (aber nur kurz andauernden) Anstieg des Blutzuckers, indem Reservezucker aus Leber und Muskel freigesetzt wird. Wenn der Patient wieder zu Bewusstsein kommt, muss er daher unbedingt zusätzlich Glukose (zum Beispiel Traubenzucker-Täfelchen oder Fruchtsaft) erhalten, um ein erneutes Abfallen des Blutzucker-Spiegels zu verhindern.

 

Vor allem bei langer Diabetesdauer, aber auch nach starker körperlicher Belastung, Alkoholkonsum, nach längerem Fasten oder bei Lebererkrankungen kann es vorkommen, dass die Glukosespeicher in der Leber nahezu leer sind. In diesem Fall lässt sich mit einer Glukagon-Spritze keine Erhöhung des Blutzucker-Spiegels erreichen.

 

Notfallausweis

Damit der Arzt trotz der Bewusstlosigkeit schnell eine richtige Diagnose stellen und sofort eingreifen kann, ist es wichtig, dass insulinbehandelte Diabetiker immer einen Diabetikerausweis, ein entsprechendes Armband oder eine SOS-Kapsel mit sich tragen.

Diabetische Ketoazidose

Die diabetische Ketoazidose ist eine Komplikation, die überwiegend bei Patienten mit Typ-1-Diabetes auftritt. Die Erhöhung des Blutzuckers ist beim Typ-1-Diabetiker durch einen Mangel an Insulin bedingt.

 

Bei gesunden Personen bewirkt Insulin die Aufnahme der Glukose in die Körperzellen und hemmt den Abbau des Körperfetts. Ein Insulinmangel führt hingegen zu einem vermehrten Abbau von Fett in Fettsäuren. Die Fettsäuren häufen sich im Körper an und werden nur noch unvollständig abgebaut zu Ketonkörpern. Die erhöhte Konzentration an Ketonkörpern geht wiederum mit einer gefährlichen Übersäuerung des Blutes einher (Ketoazidose).

 

Dies kann lebensbedrohliche Folgen haben und zu einem Koma führen, dem sogenannten Coma diabeticum. Eine solche schwere Stoffwechselentgleisung muss umgehend behandelt werden, in der Regel ist die sofortige Einweisung in ein Krankenhaus notwendig! Die Behandlung der Ketoazidose erfolgt unter anderem mit Insulin, Kalium und Flüssigkeit.

 

Woran ist eine Ketoazidose zu erkennen?

Erste Warnzeichen einer beginnenden Ketoazidose sind:

 

  • Starke Übelkeit mit Erbrechen
  • Bauchschmerzen
  • Azetongeruch in der Atemluft (riecht nach Nagellack oder nach fauligem Obst)
  • Starke Müdigkeit oder Schläfrigkeit

 

Ein Beispiel aus der Praxis:

Die täglich benötigte Insulindosis unterliegt einer Vielzahl von Einflussfaktoren. So kann der Insulinbedarf zum Beispiel bei einem fieberhaften Infekt relativ plötzlich ansteigen. Häufig hat der Betroffene in dieser Situation zusätzlich einen verminderten Appetit und glaubt daher, sogar weniger Insulin spritzen zu müssen. Die Folge ist ein Insulinmangel. Der erhöhte Insulinbedarf bei gleichzeitig verminderter Insulinzufuhr führt schließlich zu einer Übersäuerung des Körpers mit der Gefahr einer Ketoazidose.

 

TIPP: Um das Risiko einer Ketoazidose möglichst gering zu halten, sollten Diabetiker bei anhaltenden Blutzuckerwerten über 250 mg/dl oder bei ersten Warnzeichen einer Übersäuerung wie Azetongeruch oder starken Bauchschmerzen der Ketongehalt im Urin mittels Keton-Teststreifen überprüfen.

 

Hyperosmolares Koma

Von dieser Stoffwechselentgleisung sind meist ältere Typ-2-Diabetiker betroffen, bei denen die Bauchspeicheldrüse noch in geringen Mengen Insulin produziert. Die Insulinsekretion ist gerade noch ausreichend, um den vermehrten Abbau von Fett zu hemmen.

 

Sie genügt jedoch nicht mehr, um eine vermehrte Produktion von Glukose in der Leber zu unterdrücken. Die Folge ist eine starke Erhöhung der Blutglukosekonzentration mit Werten, die häufig 1.000 mg/dl und mehr erreichen.

 

Über die Filterfunktion der Nieren wird Glukose wieder in das Blut zurückgeholt. Dies verhindert normalerweise, dass Glukose aus dem Körper in den Urin gelangt. Sehr hohe Glukosewerte überschreiten jedoch die Filtrationskapazität der Nieren, sodass ein Teil des Zuckers schließlich auch mit dem Urin ausgeschieden wird.

 

Durch die Glukoseausscheidung wird dem Körper zusätzlich Wasser entzogen. Die Folge ist ein starker Flüssigkeitsverlust mit Durstgefühl. Wird der Wasserverlust nicht ausgeglichen, besteht die Gefahr, dass der Körper austrocknet, man spricht von einer Dehydration beziehungsweise von einem hyperosmolaren Dehydrationssyndrom.

 

Oft sind es Infektionen, Magen-Darm-Erkrankungen oder bestimmte Medikamente (Entwässerungsmittel, Kortison), die ein hyperosmolares Dehydratationssyndrom beim Diabetes auslösen oder begünstigen. Unbehandelt kann diese Stoffwechselentgleisung zur Bewusstlosigkeit (Koma) oder schlimmstenfalls zum Tod führen.

 

Die Therapie des hyperosmolaren Komas erfolgt in erster Linie durch Flüssigkeits- und Elektrolytgabe durch Infusionslösungen, erst in zweiter Linie durch Insulinzufuhr.

 

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