"Das Gesundheitswesen muss offener für Innovationen werden."

Dr. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands der TK

"Wir müssen Grenzen verschieben."

Im Interview spricht Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, über das Spannungsfeld zwischen Innovation und Verantwortung im Gesundheitswesen. Veränderungen vorantreiben, Innovationen unterstützen und die Versicherten in den Fokus stellen - alles Schlagworte für das Gesundheitswesen.

Welche Innovationen werden Ihrer Meinung nach das Gesundheitswesen nachhaltig verändern?

Dr. Jens Baas: Nicht alle großen Veränderungen kommen mit einem Big Bang, sondern sind oft längerfristige Trends. Genauso wie andere Branchen auch, wird Big Data das Gesundheitswesen grundlegend verändern. Nur ein Beispiel: Wir können heute schon in bestimmten Fällen die Behandlung von Krebs verbessern, indem wir das Erbgut von Tumoren mithilfe großer Datenbanken analysieren. Daraus folgen dann "personalisierte" Therapieempfehlungen, die letztendlich auf einem systematischen Abgleich riesiger Mengen an Erfahrungswerten beruhen.

Das Gesundheitswesen wird sich auch deshalb grundlegend verändern, weil wir Krankheits- und Gesundheitsdaten in Zukunft systematisch zusammenführen können. Als Stichworte seien hier Self-Tracking und die elektronische Gesundheitsakte erwähnt. Und nicht zuletzt werden wir den Service für unsere Kunden durch die Auswertung großer Datenmengen erheblich verbessern können. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Das klingt ein bisschen so, als würde das deutsche Gesundheitswesen digital hinterherhinken. Ist es wirklich so schlimm?

Ja, wir könnten deutlich weiter sein. Während in Dänemark etwa die elektronische Gesundheitsakte längst Standard ist, sind hierzulande die Faxgeräte noch gut ausgelastet. Oft heißt es, unsere hohen Datenschutzstandards bremsen uns - das ist aber nicht das Problem. Hohe Datenschutzstandards und digitale Lösungen schließen sich nicht aus. Es scheitert an einheitlichen Regelungen, etwa bei der langwierigen Debatte um die Telemedizin, aber auch an Ängsten und Vorbehalten. Wir müssen uns fragen: Lassen wir Google & Co einfach Tatsachen schaffen - oder setzen wir selbst die Rahmenbedingungen, bevor es zu spät ist?

 
"Wir brauchen mehr Innovationsgeist bei allen Kassen, Ärzten und Kliniken."

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK

 

Was muss sich an den Rahmenbedingungen ändern, damit wir hier besser werden?

Das Gesundheitswesen muss innovationsfreundlicher werden. Dafür ist auch die Politik in der Pflicht und hat sich ja auch viel vorgenommen, etwa die rigiden Regelungen zur Telemedizin zu prüfen - ebenso wie die Zulassungswege für digitale Anwendungen. Aber die Politik allein wird es nicht richten. Wir brauchen mehr Innovationsgeist bei allen Kassen, Ärzten und Kliniken. Es reicht nicht, neue Produkte zu entwickeln, wir brauchen auch neue Wege der Zusammenarbeit.

Finanziell war 2017 ein gutes Jahr für die GKV - wirkt sich das auf die Innovationskraft aus?

Wir verzeichnen ein positives Jahresergebnis, wobei sich darin natürlich auch die extrem gute Konjunkturlage widerspiegelt. Dennoch zeigt sich auch in diesem erfolgreichen Jahr die Schieflage im Wettbewerb zwischen den Kassen, die durch den Verteilschlüssel 'Morbi-RSA' entsteht. Diese Verzerrung spült den AOKen deutlich mehr Geld in die Kassen als zur Versorgung ihrer Versicherten nötig wäre. Wenn es hier keine Kurskorrektur gibt, wird mittelfristig manchen Kassen schlichtweg das Budget fehlen, um in Innovationen zu investieren.

 

Stichwort "Schieflage im Wettbewerb"

Der morbiditätsorientierte Risikostrukturausgleich - kurz Morbi-RSA - steuert den Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen. Er soll eigentlich seitens der Kassen nicht beeinflussbare Faktoren ihrer Versichertenstruktur ausgleichen. Allerdings ist das System in eine Schieflage geraten. Während die AOKen deutlich mehr Geld erhalten, als für die Versorgung ihrer Versicherten notwendig ist, bekommen bundesweit geöffnete Kassenarten deutlich weniger als sie benötigen, um die Ausgaben für ihre Versicherten zu decken.

 

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