Dr. Johann Brunkhorst: "Die TK setzt auf Digitalisierung"

Im Interview spricht der Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein über die Frage, wie das Land von der Digitalisierung profitieren kann und welche digitalen Lösungen die TK bereits anbietet.

 

Dr. Johann Brunkhorst, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein Dr. Johann BrunkhorstOb Wirtschaft, Politik, Bildung oder Gesundheit: Die Digitalisierung schreitet in allen Branchen voran. Wie kann die Gesundheitsbranche mit dem digitalen Wandel Schritt halten? Wo sehen Sie sich dabei als Vertreter der Techniker Krankenkasse in Schleswig-Holstein?

 

Der digitale Wandel ist längst da, wir stecken inmitten einer spannenden Entwicklung des Gesundheitswesens. Dabei sehen wir die Digitalisierung als enorme Chance, die Effizienz und Transparenz unseres Systems zu steigern und die Versorgungsstrukturen zu verbessern. Wir sind davon überzeugt, dass am Ende alle Beteiligten davon profitieren - Patienten, Ärzte, Krankenhäuser und Kassen. Die TK sieht es als ihre Aufgabe an, den Digitalisierungsprozess voranzutreiben. Wir zeigen uns offen für neue Ideen, gehen mit IT-Firmen und Start-Ups ins Gespräch, fördern diese und bringen gemeinsam innovative Projekte auf den Weg. Für uns steht ganz klar fest: Der digitale Wandel wird die medizinische Versorgung verbessern.

 

Wie kann das Gesundheitswesen - insbesondere in Schleswig-Holstein - von der Digitalisierung profitieren?  

 

Besonders in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein können telematische Angebote dabei helfen,  die medizinische Versorgung zukunftssicher zu gestalten. In fünf Jahren sind Online-Videosprechstunden, wie sie die TK bereits mit Dermatologen und HNO-Ärzten anbietet, vermutlich weit verbreitet. Auch die regelmäßige Übermittlung von Vitaldaten, zum Beispiel bei einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, wird dann die Regel sein. Wenn es gelingt, mit Telemedizin zum Beispiel Krankenhausaufenthalte zu vermeiden, ist das für alle gut: für die Patienten, weil sich ihre Krankheit nicht verschlimmert und sie in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können, aber auch für die Solidargemeinschaft, weil die gesparten Kosten für andere Leistungen verwendet werden können.

 

Welche Rolle spielt für Sie die Teilnahme an Veranstaltungen wie der Digitalen Woche Kiel?

 

Wir wollen damit ein klares Signal setzen: Die TK ist Teil des Digitalisierungsprozesses. Wir bestimmen heute mit, wie die Versorgung von morgen aussehen wird. Dabei bringen wir selbst neue Technologien auf den Markt und stehen smarten Ideen offen gegenüber - von neuen Gesundheits-Apps über die Nutzung von Robotern bis hin zum Einsatz von Virtual Reality. Uns geht es bei der Teilnahme aber auch darum, kreative Köpfe bei ihren Ideen zu unterstützen. Deshalb stehen wir den Teilnehmern der Prototypingweek die ganze Woche über als Ansprechpartner für E-Health-Themen zur Seite. Im besten Fall entstehen daraus später neue digitale Produkte, die den Gesundheitsmarkt nach vorne bringen - vielleicht sogar revolutionieren.

 

Was hat die TK bereits an digitalen Lösungen für die Gesundheitsbranche umsetzen können?

 

Die TK ist mit ihrem Online-Terminservice einem Verbraucherwunsch bereits nachgekommen. Auch Online-Sprechstunden beim Dermatologen, Teletherapie gegen Stottern und chronische Kopfschmerzen, das TK-Diabetes-Tagebuch oder Apps zur Unterstützung bei Pollenallergie oder Tinnitus zeigen, dass digitale Versorgung bereits jetzt funktioniert und dem Patienten Vorteile bringt. Gemeinsam mit der Schmerzklinik Kiel haben wir im vergangenen Jahr die Migräne-App auf den Markt gebracht. Sie hilft Betroffenen u.a. dabei, ihre Kopfschmerz-Attacken zu dokumentieren und den richtigen Moment zur Medikamenten-Einnahme zu ermitteln. Bisher wurde die Migräne-App mehr als 55.000 Mal heruntergeladen.

 

Können Sie konkrete neue digitale Projekte benennen?

 

Ganz aktuell starten wir gerade ein Pilotprojekt in Schleswig-Holstein und Hamburg. Wir testen den elektronischen Versand der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen an die Krankenkasse. Zukünftig müssen unsere Versicherten ihre AU-Bescheinigung dann nicht mehr selbst an die TK schicken - das übernimmt der Arzt schon bei der Krankschreibung mit einem einzigen Klick. Das werden wir auch am TK-Stand während des Healthcare-Hackathons in der Sparkassen Arena am 23. September präsentieren. Bei der Digitalisierung geht es nicht nur darum, neue Versorgungsangebote zu schaffen. Der Abbau von Bürokratie und eine verbesserte Kommunikation sind ebenso wichtig. Prozesse werden erleichtert, Ärzte und Patienten sparen dadurch Zeit.  

 

Welche Voraussetzungen braucht der digitale Wandel?

 

Damit Patienten, Ärzte und Kliniken in Schleswig-Holstein die digitalen Behandlungsangebote nutzen können, sind zwei Dinge wichtig: Patienten und alle an der medizinischen Versorgung Beteiligten müssen sich den neuen Möglichkeiten öffnen. Daneben muss das Internet so ausgebaut werden, dass moderne Technik auch überall nutzbar wird. Wir begrüßen deshalb das Ziel der Landesregierung, bis 2025 flächendeckend Glasfasernetze in den Haushalten und Gebäuden verfügbar zu haben. Die Telematik erlaubt den unkomplizierten Austausch von Informationen im Gesundheitswesen, verbessert den Wissens- und Informationstransfer und muss deshalb möglichst rasch flächendeckend umgesetzt werden.

 

Wo zeigen sich die Grenzen des Digitalisierungsprozesses auf?

 

Die Gesetzgebung muss auf das Tempo der Digitalisierung reagieren. Beispielsweise halten wir das Verfahren, mit welchem Gesundheits-Apps für den Markt zugelassen werden, für zu aufwändig und langwierig. Mit der Zulassung könnte eine qualitativ hochwertige App vom Arzt verschrieben und somit von der Kasse erstattet werden. Die künftige Bundesregierung muss klare Regeln schaffen, damit über die Zulassung von Gesundheits-Apps schneller entschieden werden kann. Die Gesetzgebung muss der Digitalisierung angepasst werden. Ein weiteres Hindernis ist das sogenannte Fernbehandlungsverbot. Damit mehr telemedizinische Leistungen möglich werden, fordern wir daher die Aufhebung. Bisher gilt die Devise: Der erste Kontakt zwischen Arzt und Patient muss direkt in der Arztpraxis stattfinden. Mit der Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes könnte dieser Erstkontakt zum Beispiel auch per Online-Videosprechstunde oder per Telefon möglich sein.