Was ist ein Akustikusneurinom?

Neurinome sind gutartige Tumore, die am häufigsten in der hinteren Schädelgrube des Kopfes vorkommen. Sie stammen von den Zellen der sogenannten Schwann-Scheiden ab. Diese Scheiden umhüllen Nervenfasern. Neurinome bezeichnet man deshalb auch als Schwannome.

 

Am häufigsten ist der achte Hirnnerv, der Hör- und Gleichgewichtsnerv (medizinisch: Nervus vestibulocochlearis), betroffen. Tumoren, die durch das Wachstum der diesen Hirnnerv umgebenden Schwann-Zellen entstehen, nennt man dementsprechend Akustikusneurinome.

 

Akustikusneurinome sind gutartige (benigne) Tumoren, das heißt, sie wachsen langsam, ohne in benachbartes Gewebe einzudringen. Auch bilden sie keine Tochtergeschwülste (Metastasen). Am häufigsten findet man sie im Bereich des inneren Gehörgangs (Meatus acusticus internus). Von dort wachsen sie meist in den Bereich zwischen Kleinhirn und Brücke, einem Bestandteil des Hirnstamms, vor. Diese Region wird als Kleinhirnbrückenwinkel bezeichnet. Daher nennt man das Akustikusneurinom auch Kleinhirnbrückenwinkeltumor.

 

Das Neurinom des achten Hirnnervs ist insgesamt recht selten, macht aber immerhin rund zehn Prozent aller Hirntumoren aus. Es tritt etwa eine Neuerkrankung pro 100.000 Einwohnern jährlich auf.  Das Akustikusneurinom wird in den meisten Fällen bei Menschen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren diagnostiziert. Allerdings geht man davon aus, dass viele der gutartigen Akustikusneurinome zeitlebens unentdeckt bleiben, solange sie keine Beschwerden verursachen oder nicht durch Zufall festgestellt werden.

 

Eine Erbkrankheit, bei der sich zahlreiche Neurinome finden, ist der Morbus Recklinghausen, auch Neurofibromatose Typ II genannt. Diese Krankheit geht zumeist auch mit doppelseitigen Akustikusneurinomen (also Neurinomen des linken und des rechten achten Hirnnerven) einher.

 

Welche Beschwerden treten bei einem Akustikusneurinom auf?

Langsam wachsende Hirntumoren, wie die Akustikusneurinome, entwickeln sich oft über Jahre hinweg und verursachen dementsprechend über einen langen Zeitraum keine oder nur geringe Beschwerden.

 

Typisch für Akustikusneurinome ist eine einseitige Hörminderung. Die Betroffenen bemerken die Hörstörung oft zufällig oder sehr spät, etwa beim Telefonieren oder bei einer Routineuntersuchung. Auffällig wird insbesondere eine Hochtonschwerhörigkeit. Die Hörstörung tritt meist langsam schleichend auf, kann sich aber auch plötzlich im Sinne eines Hörsturzes bemerkbar machen. Die Schwerhörigkeit ist häufig von Tinnitus (Ohrgeräuschen) begleitet, der in bis zu 80 Prozent der Fälle das Erstsymptom sein kann. Eine vorübergehende Besserung ist möglich, es kann aber auch zu einem kompletten Hörverlust kommen.

 

Das Akustikusneurinom kann auch Symptome verursachen, die dem Gleichgewichtsorgan zuzuordnen sind. Diese sind Schwindel etwa ein diskreter Drehschwindel oder ein inkonstanter Schwankschwindel, Gleichgewichtsstörungen, zum Beispiel Gangabweichungen, und Übelkeit.

 

Sehr große Akustikusneurinome können zudem die Gesichtsnerven schädigen: Ist der Fazialisnerv (Nervus facialis) betroffen, kommt es zu halbseitigen Lähmungen der Gesichtsmuskulatur. Bei Schädigungen des Trigeminusnervs (Nervus trigeminus) leiden die Betroffenen unter Taubheitsgefühlen im Gesicht.

 

Im Extremfall können große Akustikusneurinome das Gehirn zusammendrücken und im knöchernen Schädel einklemmen. Dann steigt der Hirndruck. Vor allem wenn der Druck auf dem Hirnstamm lastet, kann dies gefährliche Folgen haben. Denn dort befinden sich die wichtigen Regulationszentren für den Kreislauf und die Atmung.

 

Wie wird ein Akustikusneurinom festgestellt?

Ein ausführliches Gespräch mit dem behandelnden Arzt, in dem der Betroffene seine Beschwerden schildert, steht am Anfang der Diagnostik. So ist zum Beispiel eine plötzliche oder sich langsam entwickelnde einseitige Hörminderung dringend abklärungsbedürftig.

 

An der Diagnostik und Therapie eines Akustikusneurinoms können mehrere Fachärzte beteiligt sein: Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Allgemeinärzte oder Ärzte für Innere Medizin, Neurologen und Neurochirurgen.

 

Zunächst untersucht der Hals-Nasen-Ohren-Arzt das Ohr gründlich. Er wird das Ohr mit einem Ohrtrichter und einem Ohrspiegel betrachten, um andere Ursachen für eine Hörminderung auszuschließen (zum Beispiel einen Fremdkörper im Ohr oder eine Entzündung). Es folgen Hörtests, um die Hörminderung beurteilen zu können, sowie eine sogenannte Hirnstamm-Audiometrie (BERA), um den Ort der Hörminderung lokalisieren zu können.

 

Außerdem führt der Arzt noch Untersuchungen zur Überprüfung des Gleichgewichtssinnes durch. Die endgültige Diagnose stellt der Arzt dann mithilfe einer Magnetresonanztomografie des Schädels. Mit dieser bildgebenden Untersuchung lassen sich Größe und Lokalisation des Tumors exakt feststellen, was dann für die weitere Behandlung eine wichtige Rolle spielt. Ebenso lassen sich mit diesem Verfahren auch sehr kleine Neurinome diagnostizieren.

 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Kleine Akustikusneurinome von weniger als 3,5 cm Durchmesser, die keine Beschwerden verursachen, sollten in halbjährlichen Abständen mittels Magnetresonanztomografie kontrolliert und vermessen werden. So lassen sich ein Wachstum oder eine Veränderung des Tumors feststellen. Bei 60 Prozent der älteren Patienten zeigt sich ab der Diagnosestellung kein signifikantes Tumorwachstum. Auch eine spontane Tumorrückbildung ist möglich.

 

Ein wachsendes Akustikusneurinom wird nach Möglichkeit operativ entfernt. Kleinere Tumoren im Bereich des Gehörgangs oder des Innenohres operiert meist der Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Größere Tumoren und solche, die tiefer im Kleinhirnbrückenwinkel liegen, entfernt der Neurochirurg durch eine Öffnung in der Schädeldecke. Häufig sind sowohl Hals-Nasen-Ohren-Ärzte als auch Neurochirurgen an der Operation beteiligt.

 

Die Operateure versuchen, eine sichere Entfernung des Tumors zu erreichen, ohne dabei das Gehirngewebe, Nerven und Blutgefäße zu verletzen. Neben den allgemeinen Operationskomplikationen wie Blutungen, Infektionen und erhöhter Blutgerinnselgefahr, bergen Eingriffe am Gehirn zusätzlich das Risiko von vorübergehenden bis hin zu bleibenden Schäden des Nervensystems. Im Fall des Akustikusneurinoms kann es vor allem bei sehr großen Tumoren nach der Operation unter Umständen zu Hörminderungen bis hin zum Hörverlust kommen. Auch Beeinträchtigungen des Gleichgewichtssinns (Schwindel) oder Schäden der Gesichtsnerven sind möglich.

 

Bei Patienten, die aus anderen medizinischen Gründen nicht operiert werden können, zum Beispiel wenn sie eine schwere Herzerkrankung haben und eine Narkose nicht überleben würden, kann alternativ zur Operation eine spezielle Strahlentherapie, die sogenannte Gamma-Knife-Therapie, eingesetzt werden. Die hier verwendete Strahlung verursacht Zellschäden, von denen sich gesunde Zellen schneller erholen als Tumorzellen.

 

Bei Menschen, die nicht operiert werden können, ist es - sofern keine Beschwerden oder Beeinträchtigungen bestehen - unter Umständen möglich, zunächst abzuwarten. In diesem Fall muss der Arzt aber mittels Magnetresonanztomografie regelmäßig kontrollieren, ob der Tumor wächst oder sich verändert.

 

Die Prognose des Akustikusneurinoms hängt entscheidend von seiner Größe und seiner Lokalisation ab. Da es nur langsam wächst, sind Prognose und Verlauf in der Regel gut. Auch bei größeren Tumoren ist eine Heilung bei rechtzeitiger Therapie möglich. Normalerweise lässt sich ein Akustikusneurinom entfernen und tritt im Verlauf nicht wieder auf. Es ist aber bei einem großen, chirurgisch unvollständig entfernten Tumor, bei dem die sogenannte Tumorkapsel zurückbleibt, möglich, dass das Akustikusneurinom erneut auftritt (Rezidiv). Zusammenfassend kann man sagen: Bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie sind die Heilungschancen sehr gut.