Interview Dietrich Monstadt

Die Behandlung von Diabetes-Patienten erfordert eine qualitativ hochwertige, flächendeckende und bedarfsgerechte medizinische Versorgung.

 

TK: Sie sind zuständiger Berichterstatter unter anderem für Diabetes der Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Was sind Ihre Schwerpunkte?

Dietrich Monstadt, Mitglied des Deutschen BundestagesDietrich Monstadt, MdB
 

Monstadt: Wir leben in einer "Gesellschaft des längeren Lebens", die gekennzeichnet ist durch einen Wandel der Lebensstile. Heute wird in der Regel nicht mehr so schwere körperlich Arbeit verrichtet wie früher, dadurch haben sich die natürlichen Bewegungsabläufe gewandelt. Auch das Freizeitverhalten vor allem der Kinder ist heute ein anderes. Sport in der Freizeit wird heute oftmals ersetzt durch Computerspiele. Hinzu kommen die Verlockungen der Lebensmittelindustrie. Die Folge ist oft die Entstehung einer chronischen Erkrankung wie Diabetes.

 

Diabetes mellitus gehört zu den großen nicht übertragbaren Volkskrankheiten in Deutschland und stellt für die Betroffenen eine enorme Belastung dar. Bei aktuell rund 10 Millionen Betroffenen (inklusive einer nicht quantifizierbaren Dunkelziffer) ist davon auszugehen, dass sich bis zum Jahr 2025 die Zahl auf 20 Millionen erhöhen wird. Dies bedeutet konkret, dass fast ein Viertel der deutschen Bevölkerung 2025 an Diabetes erkrankt sein wird.

 

Ca. 95 Prozent der Betroffenen leiden an Typ 2 Diabetes, ca. 5 Prozent an Typ 1. Im Bereich der Erkrankung Diabetes verzeichnen wir einen Anstieg um 38 Prozent seit 1998. Rund 750 Neuerkrankungen pro Tag und mehr als 270.000 Neuerkrankungen pro Jahr kommen hinzu. Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Nierenversagen oder Amputationen sind schwerwiegend.
Diabetes und seine Folgeerkrankungen belasten das Gesundheitssystem mit direkten Kosten in Höhe von 48 Milliarden Euro jährlich (2009). Die durchschnittlichen Kosten der Versorgung eines Diabetes mellitus sind bereits jetzt von 4,9 Milliarden Euro (2002) auf 6,3 Mrd. Euro gestiegen.

 

Als Unionspolitiker und selbst insulinpflichtiger Typ-2-Diabetiker ist es mein übergeordnetes Ziel aufzuklären, anzuleiten und die Eigenverantwortung der Betroffenen so zu stärken, dass ein Diabetes mellitus verhindert werden kann. Mindestens 50 Prozent der Typ-2-Diabetiker kann geholfen werden, ohne dass es Medikamente bedarf. Eine gesündere Ernährung und mehr Bewegung reichen dafür oftmals aus.

 

In diesem Zusammenhang haben wir als CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein Konzept entwickelt, das dezidierte Präventionsstrategien sowie Früherkennungs- und Versorgungsmaßnahmen beschreibt, insbesondere zur Stärkung der Selbsthilfe betroffener Patienten. Als übergeordnete Handlungsebene soll eine Nationale Strategie die grundsätzlichen bundesweiten Rahmenbedingungen für eine qualitativ hochwertige Prävention und Versorgung des Diabetes schaffen. Die Auswahl und konkrete Ausgestaltung der jeweiligen Maßnahmen vor Ort könnte in Form von regionalen Diabetes-Plänen erfolgen, z. B. auf Landes- oder kommunaler Ebene. Für die Umsetzung dieser Strategie sind erstmalig im Bundeshaushalt 2016 zusätzliche Mittel in Höhe von 3 Millionen. Euro vorgesehen. Der Aufbau einer Diabetes-Surveillance am Robert-Koch-Institut ist hier ein erster und wichtiger Schritt in Richtung der Diabetes-Bekämpfung.

 

TK: Braucht der Bereich Diabetes Qualitätssicherungsmaßnahmen? Wenn ja, welche und warum?

 

Monstadt: Die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen, flächendeckenden und bedarfsgerechten medizinischen Versorgung der Bevölkerung ist ein zentrales gesundheitspolitisches Anliegen.

 

90 Prozent der Typ 2 Diabetiker werden auf Hausarztebene versorgt, wobei hier der Versorgungsqualität eine entscheidende Rolle zukommt. Die restlichen 10 Prozent werden in Schwerpunktpraxen (ca. 1.100) oder stationär betreut. Mit dem am 11. Juni 2015 im Bundestag verabschiedeten GKV-Versorgungsstärkungsgesetz haben wir eine gut erreichbare, flächendeckende Versorgung der Patientinnen und Patienten in allen Regionen Deutschlands auf hohem Niveau weiter gesichert.

 

Vor dem Hintergrund des drohenden Haus- und Fachärztemangels und der Tatsache, dass lediglich zwei Doppelstunden zu Diabetes im 6-jährigen Medizinstudium gelehrt werden, müssen wir z. B. auch beim Masterplan "Medizinstudium 2020" ansetzen, sowohl im Bereich der Allgemeinmedizin, als auch im Fachbereich der Diabetologie.

 

Zudem wäre eine bessere Verzahnung folgender Fachrichtungen wünschenswert:

  • Diabetologie
  • Allgemeinmedizin
  • Innere Medizin
  • Endokrinologie

Mit dem Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (eHealthG) können sich viele Möglichkeiten für eine bessere Versorgung der chronisch Kranken ergeben. Durch telemedizinische Anwendungen können z. B. lückenlos geführte Diabetes-Tagebücher an den zuständigen Arzt übermittelt werden, der dadurch zunächst auch ohne persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt individuelle Therapien ableiten sowie mögliche Behandlungsfehler frühzeitig erkennen und verhindern kann.

 

Des Weiteren muss die personalisierte Diabetes Medizin immer mehr in den Mittelpunkt der Versorgung rücken. Studien des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung haben gezeigt, dass ca. 30 Prozent der übergewichtigen Menschen mit einem Body-Mass-Index von mehr als 32 kg/qm kein erhöhtes Diabetesrisiko aufweisen, dagegen andere 30 Prozent bei den gleichen Voraussetzungen metabolisch hoch gefährdet sind.

 

In diesem Zusammenhang muss auch das Verfahren der Nutzenbewertung für Antidiabetika hinterfragt und überprüft werden. In den letzten Jahren wurden vier neue Antidiabetika von den Herstellern vom Markt genommen, weil der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) keinen Zusatznutzen bescheinigt hat. Ein strukturelles Problem, da positive Langzeiteffekte vor dem Hintergrund der patientenrelevanten Endpunkte Morbidität und Mortalität nur schwierig nachweisbar sind. Hier muss die Compliance der Betroffenen an Bedeutung gewinnen. Auch über neue Vergleichstherapien als Grundlage der Nutzenbewertung muss nachgedacht werden. Mit den Ergebnissen des Pharmadialogs werden wir hier zeitnah in die gesetzgeberische Prüfung gehen.

 

Darüber hinaus müssen wir die staatliche Anerkennung der Diabetesberater in allen Bundesländern auf den Weg bringen. Derzeit ist dies nur in Rheinland-Pfalz der Fall. Diabetesberater sind herausragend wichtig für die langfristige und nachhaltige Versorgung von Betroffenen. Sie sind oftmals näher an den an Diabetes erkrankten Patienten als der behandelnde Arzt. Zudem verfügen Sie über alle wesentlichen Informationen über mögliche präventive Maßnahmen und bringen Wissen zu den vielen, zum Teil schwerwiegenden Folge- und Begleiterkrankungen mit.

 

TK: Inwiefern profitieren Patienten von den Qualitätssicherungsmaßnahmen?

 

Monstadt: Mit jeder gesetzgeberischen Maßnahme wollen wir die Lebensqualität von betroffenen Patienten und deren Angehörigen steigern, ihnen eine bessere Unterstützung durch Ärzte und medizinisches Fachpersonal ermöglichen und die Kostenträger im Gesundheitswesen entlasten.

 

An Diabetes erkrankte Menschen bedürfen einer kontinuierlichen, wohnortnahen, ambulanten Langzeitbetreuung. Wir müssen künftig viel mehr auf den einzelnen Erkrankten, auf seine genetische Disposition eingehen und eine speziell auf ihn ausgerichtete, individuelle Therapie muss das Ziel sein (personalisierte Diabetesmedizin).

 

Notwendig sind zuverlässige Datengrundlagen zur Versorgungssituation bei Diabetes. In Folge dessen soll am Robert-Koch-Institut (RKI) das Gesundheitsmonitoring zu einem nationalen Diabetes-Überwachungs-System (sog. Diabetes-Surveillance) mit regelmäßiger Berichterstattung ausgebaut werden. Dafür soll eine Zusammenarbeit und Informationsaustausch des Surveillance-Systems mit dem Anfang 2015 gegründeten Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen stattfinden und die Routinedaten aus der gesetzlichen Krankenversicherung - unter Beachtung des Datenschutzes - genutzt werden.

 

Ein wichtiger Ausgangspunkt ist somit die Bestandsaufnahme und Analyse der Versorgungssituation in den jeweiligen Bundesländern. Es soll angestrebt werden, dass die Analysen und Diabetes-Berichte der Länder in die Daten-Basis des o. g. nationalen Diabetes-Überwachungs-Systems beim RKI einfließen und zu einem "Nationalen Diabetes-Bericht" zusammengeführt werden. Eine solche bundesweite Bestandsaufnahme und Analyse der Versorgungssituation ist die wichtigste Grundlage im Hinblick auf die erforderlichen weiterführenden Schritte im Bereich der Diabetesbekämpfung.

 

Die bereits jetzt bestehenden Versorgungsangebote für Diabetes (Disease Management Programme; DMPs) müssen im Rahmen ihrer inhaltlichen Ausgestaltung und Durchführung durch die dafür zuständigen Partner der gemeinsamen Selbstverwaltung besser bekanntgemacht und weiterentwickelt werden, zum Beispiel durch zielgenauere und flexiblere Ausrichtung der DMPs und Schulungen, Stärkung des Engagements der Leistungserbringer und Kostenträger, Gewährleistung einheitlicher und aussagekräftiger Evaluation und Qualitätsberichterstattung der DMPs sowie Weiterentwicklung der DMPs unter Berücksichtigung des aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes.

 

Alle Maßnahmen haben zum Ziel, die heute leider immer noch bestehende Stigmatisierung und soziale Diskriminierung von Menschen mit Diabetes zu beenden. Es herrscht noch immer großes Unwissen in der Bevölkerung. Auch Schulen und Arbeitgeber stehen der Krankheit oft unsicher gegenüber. Viele Betroffene verheimlichen ihre Krankheit, da sie Nachteile befürchten oder sogar Angst haben, entlassen zu werden. Dies kann nicht sein und dem müssen wir entgegenwirken. Wir müssen die Erkrankung Diabetes in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit rücken. Dies ist aber keine rein gesundheitspolitische, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Ressort übergreifend angegangen und umgesetzt werden muss.

 

TK: Wo kann ein Patient qualitätsgesicherte Behandlungen erkennen und vorfinden?

 

Monstadt: Das deutsche Gesundheitssystem bietet bereits allen Menschen mit Diabetes bundesweit den Zugang zu allen notwendigen Leistungen im Rahmen einer guten hausärztlichen und speziellen diabetologischen Versorgung.

 

Um die umfassende medizinische Versorgung und das Selbstmanagement der Betroffenen weiter zu verbessern, wurde das Versorgungsangebot der strukturierten Behandlungsprogramme, sogenannte Disease Management Programme - DMP für Diabetes, eingeführt. Diese Programme bieten den betroffenen Patientinnen und Patienten eine umfassende, qualitativ hochwertige, fachübergreifende und aufeinander abgestimmte Versorgung. Die Versorgung in den Programmen ist individuell ausgerichtet und umfasst auch Schulungsangebote.

 

Durch die Einführung der integrierten und hausarztzentrierten Versorgung wurde eine bessere Vernetzung der Leistungserbringer und Qualitätssteigerung auch der Diabetesversorgung erreicht.

 

Einen weiteren Schwerpunkt zur qualitätsgesicherten Behandlung wird durch die bundesweite Förderung der Diabetesforschung geleistet. Hierzu gehören unter anderem die Förderung von Projekten im Rahmen der Versorgungsforschung und die institutionelle Förderung des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) in Düsseldorf und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) in München. Zudem des Informationsdienstes am DDZ in Düsseldorf und den Diabetes-Informationsdienst am Helmholtz Zentrum München sowie des Deutschen Forschungszentrums für Gesundheit und Umwelt.

 

TK: Stellen Sie sich vor, der neue Landesgesundheitsminister MV wird Sie als Experten fragen, welches Problem oder Gesetz er als erstes angehen und umsetzen sollte. Was würden Sie ihm raten?

 

Monstadt: Ganz eindeutig die schnellstmögliche Umsetzung des Präventionsgesetzes. Das Präventionsgesetz hat zum Ziel, dass Krankheiten erst gar nicht entstehen oder zumindest positiv in ihrem Verlauf beeinflusst werden. Es stärkt die Grundlagen für eine verbesserte Zusammenarbeit der Sozialversicherungsträger, Länder und Kommunen in den Bereichen Prävention und Gesundheitsförderung - für alle Altersgruppen und direkt im Lebensumfeld, wie z. B. in der Kita, der Schule, am Arbeitsplatz und im Pflegeheim.

 

In der Gesellschaft eher als Altersdiabetes bekannt, nimmt die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die an Typ 2 Diabetes erkranken, kontinuierlich zu. Dies ist eine erschütternde Erkenntnis für die Gesundheitspolitik, aber auch für die Gesellschaft in der wir leben. Wir wissen, dass die Manifestation bei vielen Patienten vermeidbar gewesen wäre. Falsche Ernährung und lebensstilbedingte Gewichtszunahme schon im Kindesalter sind dafür eine Ursache. Wenn man richtiges und gesundes Ernährungs- und Bewegungsverhalten bei jungen Menschen von vornherein anerzieht, werden sie ihr Leben lang - selbst wenn sie in schwierigen Rahmenbedingungen aufwachsen - mit einem breiten Fundus an Wissen ausgestattet sein. Dies wird ihnen ermöglichen, richtiges Körperverhalten zu leben, wenn sie selbst Verantwortung tragen. Getreu dem Motto: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

 

Das bedeutet, wir müssen die Menschen noch besser aufklären. Prävention und Aufklärung schon in jungen Jahren halte ich für den Schlüssel, um den "Tsunami", der auf uns zurollt, entgegentreten zu können. Aufgrund der bestehenden föderalen Strukturen müssen die Länder hier ihrer Verantwortung nachkommen und bereits in den Kitas und Schulen die oben genannten Maßnahmen umsetzen. Konkret fordere ich vier Doppelstunden Sport pro Woche, Qualitätsstandards für die Kita- und Schulernährung sowie die Implementierung eines Gesundheitsmoduls im Lehrplan, das nicht nur sexuelle Aufklärung lehrt, sondern auch gesundes Ernährungs- und Bewegungsverhalten.

 

Zur Person

Dietrich Monstadt ist Mitglied des deutschen Bundestages und Rechtanwalt. Er ist zuständiger Berichterstatter der AG Gesundheit der CDU/CSU-Fraktion für Medizinprodukte, Diabetes und Adipositas.