Telemedizin

Interview mit dem Geschäftsführer der Infokom GmbH zu E-Health Lösungen im Gesundheitswesen

 

Rolf-Dietrich Berndt Rolf-Dietrich Berndt Rolf-Dietrich Berndt, Geschäftsführer der Infokom GmbH, ist langjähriger Kooperationspartner der TK in Mecklenburg-Vorpommern. Gemeinsam wurde mit der Universitätsmedizin Greifswald die Dermatologie-App eingeführt. Damit werden Möglichkeiten von telemedizinischen Anwendungen für die Versorgung von Hauterkrankungen im ländlichen Raum erprobt. Die Kooperationspartner möchten einen Anstoß geben, die Telemedizin langfristig und flächendeckend in die integrierte Versorgungslandschaft zu implementieren.

 

In dem folgenden Interview geht Rolf-Dietrich Berndt ausführlich auf aktuelle Entwicklungen in der Telematik ein. Er beleuchtet unter anderem die Entwicklung des E-Health-Gesetzes. Des Weiteren werden die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Telemedizin aufgeführt. Dabei werden die Rahmenbedingungen durchaus kritisch bewertet.

 

Zur Person

Rolf-Dietrich Berndt ist Dipl.-Ing. im Fachbereich Physik/Elektronik und hat viele Jahre als Entwicklungsingenieur gearbeitet. 1991 gründete er die Firma Infokom GmbH, deren Geschäftsführer er seitdem ist. Die Firma hat sich in den letzten Jahren zu einem Spezialisten im Bereich E-Health-Lösungen entwickelt. Infokom ist Partner in verschiedenen deutschen und europäischen Entwicklungsprojekten und hat eigene E-Health Lösungen entwickelt, die heute national und international vermarktet werden. Rolf-Dietrich Berndt ist darüber hinaus zertifizierter Datenschutzbeauftragter und für die diverse medizinische Einrichtungen als externer Datenschutzbeauftragter tätig. Er ist berufenes Mitglied im Fachausschuss Informations- und Kommunikationstechnologie der Deutschen Industrie-und Handeskammer (DIHK) .

Darüber hinaus werden die Vorteile für die Patienten und Ärzte beschrieben. Zentral ist dabei der direkte Draht zum Arzt. Rolf-Dietrich Berndt betont aber auch, dass die Telemedizin keinen Arzt ersetzen kann. Abschließend wird ein Blick in die Zukunft gewagt.

 

Welchen Stellenwert hat nach Ihrer Auffassung die Telematik bereits?

Telemedizin ermöglicht es, unter Einsatz audiovisueller Kommunikationstechnologien trotz räumlicher Trennung z. B. Diagnostik, Konsultation und medizinische Notfalldienste anzubieten. In Zukunft kann Telemedizin vor allem für den ländlichen Raum ein Bestandteil der medizinischen Versorgung werden.

 

Mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz erhielt der Bewertungsausschuss der Ärzte und Krankenkassen die Aufgabe festzulegen, in welchem Umfang durch den Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) definierte ärztliche Leistungen auch telemedizinisch erbracht werden können, und wie demzufolge der EBM entsprechend anzupassen ist. Dieser Prüfauftrag umfasst auch die bundesmantelvertraglich zu vereinbarenden Kostenpauschalen (Portokosten) für den elektronischen Versand ärztlicher Unterlagen (Briefe) an andere Ärzte. Eine Rahmenvereinbarung zwischen den Trägerorganisationen des Bewertungsausschusses legt Eckpunkte für die Überprüfung des EBM fest.

 

Mit dem Entwurf eines Gesetzes für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen sollen telemedizinische Leistungen weiter gestärkt werden.

 

E-Health-Gesetz

Zur Beförderung dieses Prozesses hat das Bundesministerium für Gesundheit einen Entwurf für ein E-Health-Gesetz erarbeitet, das nach Durchlaufen des parlamentarischen Verfahrens voraussichtlich 2016 in Kraft treten wird. Ziel ist es, die Chancen der Digitalisierung für die Gesundheitsversorgung zu nutzen und schneller nutzbringende Anwendungen zu ermöglichen. Die Organe der Selbstverwaltung erhalten darin klare Vorgaben und Fristen, die bei Nichteinhaltung zu Sanktionen führen werden. Die Schwerpunkte der Regelungen sind:

  • Anreize schaffen für die zügige Einführung und Nutzung medizinischer Anwendungen (Notfalldaten, elektronischer Arzt- und Entlassungsbrief und einheitlicher Medikationsplan),
  • Telematikinfrastruktur öffnen und perspektivisch als die maßgebliche sichere Infrastruktur für das deutsche Gesundheitswesen entwickeln,
  • Strukturen der Gematik verbessern,
  • Interoperabilität der Systeme verbessern,
  • Förderung telemedizinischer Leistungen.

Die Vorgaben zur Förderung telemedizinischer Leistungen werden notwendig, nachdem der Bewertungsausschuss bereits 2012 den gesetzlichen Auftrag erhalten hatte zu prüfen, welche Leistungen telemedizinisch erbracht und abgerechnet werden können, aber keine konkreten Ergebnisse vorgelegt hatte. 

 

E-Health-Initiative

Parallel zur Einführung der Telematikinfrastruktur arbeitet das Bundesministerium für Gesundheit daran, die Einsatzmöglichkeiten der Telemedizin im praktischen Alltag zu verbessern. Ziel der im Zusammenhang mit dem IT-Gipfelprozess vom Bundesministerium für Gesundheit 2010 gegründeten E-Health-Initiative ist es, Umsetzungshürden für die Etablierung von Telemedizinanwendungen zu identifizieren und Maßnahmenpakete zum Abbau dieser Hürden zu erarbeiten.  Dazu wurde eine Struktur gewählt, die alle Organisationen, die an der späteren Übernahme und Umsetzung in die Regelversorgung beteiligt sein werden, einbindet. Dies sind die Organisationen der Selbstverwaltung, aber auch die maßgeblichen Unternehmensverbände, deren Mitgliedsunternehmen Informations- und Kommunikationstechnologien und IT-Lösungen für das Gesundheitswesen anbieten. Von der E-Health-Initiative sind viele Arbeiten geleistet und Ergebnisse erzielt worden. Die wichtigsten sind das Nationale Telemedizinportal, ein Kriterienkatalog für Zukunftsprojekte sowie die Planungsstudie Interoperabilität, deren wesentliche Elemente Einzug in das "E-Health-Gesetz" gefunden haben.

 

Nationales Telemedizinportal

Nach Vorgaben der E-Health-Initiative wurde im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Forschungs- und Entwicklungsvorhabens vom Fraunhofer-Fokus-Institut ein Nationales Telemedizinportal entwickelt. Das Portal bündelt Informationen zu mehr als 200 verschiedenen Projekten, die strukturiert und auf die jeweilige Nutzerperspektive ausgerichtet zur Verfügung gestellt werden. Das Portal soll es ermöglichen, dass bei zukünftigen Entwicklungen auf Vorarbeiten zurückgegriffen werden kann und Entwicklungszeiten und -kosten reduziert werden. Das Portal wurde im Rahmen der MEDICA 2012 freigeschaltet.

 

Leitidee Telemedizinkongress

Gesundheitswesen, Medizintechnik und Informations- und Kommunikationstechnologien sind untrennbar miteinander verbunden. E-Health und Telemedizin bieten die Anwendung elektronischer Lösungen an den Schnittstellen von Gesundheitswesen, Medizintechnik und moderner Informations- und Kommunikationstechnik. Durch den konsequenten Ausbau und die Vernetzung der vorhandenen Kompetenzen können gerade über weite Distanzen hinweg neue Wege in Diagnostik und Therapie entwickelt und umgesetzt werden.

 

Um im ambulanten wie stationären Bereich zukunftsfähig zu bleiben, müssen die Strukturen des Gesundheitswesens in Deutschland besser aufeinander abgestimmt sein. Auch der Nationale Fachkongress Telemedizin will erneut einen Beitrag zum Nachdenken und Kommunizieren auf diesem Weg leisten. Evaluation - Qualität - Forschung werden die zentralen Themen der inzwischen 6. Auflage der erfolgreichen Telemedizinveranstaltung sein. E-Health und Telemedizin können eine bessere und wirtschaftlichere Gesundheitsversorgung ermöglichen. Die Bundesregierung will mit dem "Versorgungsstärkungsgesetz" und dem "Gesetz für eine sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen" die Weichen für moderne und vernetzte Patientenversorgung stellen. Dabei müssen traditionelle Geschäfts- und Versorgungsmodelle hinterfragt und eventuell auch in Frage gestellt werden. Der Kongress wird als innovative Plattform für Experten aus Gesundheitspolitik, Wissenschaft und Praxis erneut Gelegenheit zur Diskussion und Erfahrungsaustausch bieten. Anwenderorientierung - als zentrales Anliegen der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed) - wird den Kongress begleiten: traditionell werden erfolgreiche Telemedizinprojekte und telemedizinische Anwendungen im Kongress und in einer begleitenden Industrieausstellung präsentiert. Der Telemedizinpreis 2015 wird am Abend des ersten Kongresstages an die Preisträger vergeben.

Welche Möglichkeiten bietet die Telemedizin und wo sind die Grenzen?

In der Bundesrepublik Deutschland haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Initiativen - häufig getragen von Medizinern - zu Wort gemeldet, die sich mit Telematik und im Besonderen mit Telemedizin beschäftigen.

 

Auch zahlreiche Projekte in unterschiedlichen medizinischen Disziplinen haben das Thema Telemedizin im Fokus. Jedoch gibt es wenige Beispiele dafür, wie innovative Lösungen im Bereich der Telemedizin in allgemeingültige Standards oder in bedürftigen Regionen in einen nachhaltig wirkenden Regelbetrieb überführt werden können.

 

Die breite Anwendung von Telemedizin in Deutschland und im Ausland ist bisher vor allem an den kleinteiligen Organisationsstrukturen im Bereich der stationären und ambulanten Versorgung sowie - das Ausland betreffend - an Binnen- und Lokalorientierung der deutschen Gesundheitsunternehmen gescheitert. Die Überwindung der sektoriellen Grenzen, die Herausbildung von überregionalen leistungsstarken Gesundheitsunternehmen zunächst in der stationären Versorgung - künftig sicher auch im ambulanten Bereich - können und müssen für telemedizinische Anwendungen genutzt werden.

 

Ein Nachteil der Telemedizin ist häufig das Fehlen der therapeutischen Möglichkeiten, da ein Facharzt nicht vor Ort ist. Dies kann aber durch ein System der Einbeziehung von Fachärzten mittels Telemedizin ausgeglichen werden (Zweitmeinung).

 

"Regelung holzschnittartig"

"Das Gros der Ärzte steht dem Thema Online-Sprechstunde derzeitig abwartend oder skeptisch gegenüber", berichtet Dr. Pablo Mentzinis, Experte für das Thema E-Health beim Bitkom, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

 

An kreativen Ideen der Ärzte mangele es nicht, doch seien die Rahmenbedingungen in Deutschland für die telemedizinische Anwendung alles andere als förderlich. Als konkrete Punkte dahingehend sieht er zum einen fehlende finanzielle Anreize, zum anderen sehr starre Vorgaben für die Leistungserbringer im System.

 

In der Musterberufsordnung ist in Paragraf 7 das Fernbehandlungsverbot fest verankert. "Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen", heißt es dort.

 

"Diese Reglungen sind für das 21. Jahrhundert viel zu holzschnittartig", betont Mentzinis. Am persönlichen Erstkontakt mit dem Patienten sei aus guten Gründen nicht zu rütteln, allerdings böten sich für den laufenden Kontakt genug Vorteile, um auf mehr Freiheiten für Telemedizin zu setzen.

Welche Vorteile bietet die Telemedizin für Patienten und Ärzte?

Ein direkter Draht zum Arzt

Telemedizin wird ein Baustein der Medizin-Zukunft sein. Sie kann die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten erhöhen und im Notfall sogar Leben retten. Die Bundesregierung fördert eine Studie der Berliner Charité, die ihren Nutzen für Patienten mit Herzschwäche erforscht.

 

Chronische Krankheiten bestimmen den Alltag vieler Betroffener. Nicht nur die Krankheit selber, sondern auch die regelmäßigen Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte sind belastend. Gerade auf dem Land sind die Wege zum Facharzt oft weit. Der Wunsch vieler Patienten: zuhause ein möglichst normales Leben führen, mit der Sicherheit, jederzeit Hilfe zu bekommen, wenn es nötig ist.

 

Auch in strukturschwachen Regionen sollen die Menschen medizinisch gut versorgt werden. Hier kann Telemedizin eine Lösung sein.

 

Telemedizin ersetzt keinen Arzt

Hinter der Telemedizin steckt eine anwenderfreundliche Technik für das Übermitteln von Daten. Aber der Arzt kann und soll nicht ersetzt werden. Ärzte werten die Befunde aus und bleiben zentrale Ansprechpartner. Je nachdem wie Telemedizin angewendet wird, spielt der Patient eine aktivere Rolle, als wenn er zur Überwachung in ein Krankenhaus geht.

 

In den medizinisch gut versorgten Gebieten wird Telemedizin mit dem Ziel der Qualitätsverbesserung, z. B. durch Einholung einer Zweitmeinung verwendet oder zur Verbesserung der Lebensqualität der Patienten durch eingesparte Wege zum Arzt und Vorbeugung gegen Notfälle durch apparative Beobachtung. Daneben kann Telemedizin auch einen Beitrag zur Verbesserung der Aus-, Fort- und Weiterbildung leisten.

 

Steigende Akzeptanz bei Ärzten

Die Ärzteschaft wird sich sicher auch in Zukunft offener gegenüber telematischen Leistungen zeigen: Eine Studie der Bundesärztekammer im August 2010 zeigte, dass 73 Prozent der Ärzte die Bedeutung der Telemedizin im Allgemeinen sehen und ihr eher Vorteile als Nachteile zuschreiben würden. Die bisherigen, teils sehr kontroversen Diskussionen bezogen sich meist auf die elektronische Gesundheitskarte, heißt es in der Studie. Sie gelte als Symbol einer ungeliebten Gesundheitspolitik und werde als Bedrohung der Rolle des niedergelassenen Arztes empfunden.

 

Wurde bei der Erhebung allerdings nach einzelnen konkreten Anwendungen gefragt, hätten sich viele positiv geäußert. Die Mehrheit der Ärzte habe beispielsweise die elektronische Speicherung der Notfalldaten, den elektronischen Arztbrief, die elektronische Arzneimittelprüfung sowie die elektronische Patientenakte als eine "große Verbesserung" bezeichnet.

 

Innerhalb der Ärzteschaft ist die Zustimmung zur Telematik allerdings recht unausgewogen verteilt: Die Krankenhausärzte lehnen die Telematik praktisch gar nicht mehr ab. Bei den Niedergelassenen hingegen ist nicht nur eine geringere Zustimmung zu verzeichnen, sondern 20 Prozent der Ärzte sind generell gegen telematische Anwendungen.

 

Patienten sind dankbar für Telemedizin

Trotz der Befürwortung vieler Aspekte bestünde laut Studienergebnissen weiterhin die Sorge um den Datenschutz. Weiterhin befürchten viele Ärzte, dass hohe Kosten auf sie zukommen werden, und dass das Arzt-Patienten-Verhältnis in Mitleidenschaft geraten könnte.

 

Auch im Bereich des Telemonitorings scheint die Akzeptanz stark ausgeprägt: Bei Patienten mit Diabetes oder Herzinsuffizienz gibt es die Möglichkeit, Werte wie Blutzucker oder Blutdruck über telemedizinische Applikationen an ein Servicezentrum zu übertragen. Sollten die Werte nicht in Ordnung sein, kann dann direkt reagiert werden. Entweder bekommt der Patient einen Anruf, er solle seinen Hausarzt konsultieren oder es wird direkt der Notarzt informiert.

Warum haben Sie die TK als Kooperationspartnerin gewählt? Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Rolf-Dietrich Berndt: Mit der TK verbindet uns eine mehrjährige enge Kooperation. Wir konnten erste Erfahrungen in einem gemeinsamen Projekt mit der Universitätsmedizin Greifswald bereits sammeln. Die TK erwies sich hierin als innovativer Partner, der bereit ist unkonventionelle Wege zu gehen. In dieser Frage ist die TK anderen Krankenkassen weit voraus.

 

So entstand ein richtungsweisendes Konzept für ein praktisch anwendbares Telemedizinmodul von der Patienteneinbindung über die Therapierung, die technische Telemedizinlösung, den Datenschutz bis hin zur Leistungsabrechnung.

 

Ein besonderer Höhepunkt war zweifelsohne die Präsentation im Bundeskanzleramt im Rahmen des Girlsday 2013. Die Bundeskanzlerin zeigte sich sehr interessiert. Sie brachte ihre Überzeugung zum Ausdruck hinsichtlich des Potentials von innovativen Telemedizinanwendungen. 

Ein Blick in die Zukunft - Was sind weitere Einsatzgebiete der Telemedizin?

Telemedizin wird in zehn Jahren selbstverständlich sein - so wie auch Computer nach und nach in die Arbeit der Ärzte eingebunden wurden. Das erwartet Friedrich Köhler, der das Projekt TIM-HF II an der Charité leitet. Er betont, dass Telemedizin aber nur ergänzend zum heute gewohnten Kontakt zwischen Arzt und Patient existieren werde. Sie nütze vor allem Risikopatienten, die aufgrund ihres Krankheitsverlaufs oder nach einer Operation überwacht werden müssen. 

 

Telemedizin ist nicht nur eine sinnvolle Ergänzung klassischer Versorgungsmethoden. In einem neuen Konzert der staatlichen und privaten Gesundheitsökonomie wird sie sich als feste Größe der modernen Gesundheitsversorgung in der Zukunft fest etablieren. Der Hintergrund dafür sind nicht nur demographische Aspekte oder medizinische Fortschritte in unserer Gesellschaft; das Gesundheitswesen wird darüber hinaus insgesamt zum wirtschaftlich bedeutsamen Faktor. Der Hintergrund dabei ist: In der Marktwirtschaft treten nicht nur kurze und mittlere Wirtschaftsschwankungen auf, sondern auch lange Zyklen mit einer Periode von 40 bis 60 Jahren. Sie beruhen auf Basisinnovationen, welche die Weltwirtschaft in einen kräftigen Wachstumsprozess führen. Sie gelten als Auslöser ganzer Wirtschaftszyklen, die man als Theorie nach dem russischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratieff auch Kondratieff-Zyklen nennt. Die Dampfmaschine, die Elektrotechnik, die Chemie, die Informations- und Kommunikationstechnologie sind Beispiele solcher Basisinnovationen, die man bisher in fünf Kondratieff-Zyklen eingeteilt hat. Sie haben das Tempo und die Richtung des Innovationsprozesses über mehrere Jahrzehnte weltweit bestimmt.

 

Mit bahnbrechenden Entwicklungen und Innovationen in der modernen Medizin steht die Weltwirtschaft nach den oben genannten Basisinnovationen mutmaßlich wieder am Beginn eines neuen Zyklus, dem sechsten Kondratieff. Der Megamarkt des nächsten Kondratieff wird dabei der Gesundheitssektor sein. Gesundheit wird hierbei ganzheitlich verstanden: körperlich, seelisch geistig, ökologisch und sozial. Gerade die Informations- und Kommunikationstechnologien sind hierbei für die Erschließung und Weiterentwicklung der Gesundheitsmärkte unverzichtbar. Gesundheitstelematik und Telemedizin avancieren so zum Zukunftsgut.

 

Angewendet bei chronischen Erkrankungen wie Herzinsuffizienz, Diabetes oder akuten Problemen wie Herzinfarkt steht sie für eine innovative Betreuungsform, die elektronische Mittel für Vorsorge und Beratung nutzt. Ihr Potenzial und weit reichende Erfahrungen in anderen Ländern lassen erkennen, dass sie sich auch in Deutschland langfristig durchsetzen wird. In Israel etwa ist sie flächendeckend im Einsatz. Israel ist Benchmark, da das Land insgesamt ein kohärent organisiertes Gesundheitssystem mit optimierten Behandlungszyklen und Versorgungsmaßnahmen hat, das vergesellschaftete und private Versorgungskomponenten verknüpft und weltweit hinsichtlich Technik und Eigenverantwortung als besonders innovativ gilt.

 

Angesichts der Zunahme des Lebensalters und der Anzahl chronischer Erkrankungen werden medizinische wie gesundheitsökonomische Aspekte der Versorgung immer wichtiger. Alleine in Deutschland leben 1,6 Millionen Menschen mit Herzinsuffizienz und über fünf Millionen Menschen mit koronarer Herzkrankheit, die es heute und in Zukunft gut und ökonomisch vertretbar zu versorgen gilt. Weitere chronische Krankheiten wie Diabetes oder periphere Verschlusskrankheiten kommen zu diesem Potenzial hinzu. Die Gesundheitstelematik zeigt hierfür praktikable Wege und überraschend gute Lösungen auf. Der medizinische Nutzen der Telemedizin ist darüber hinaus durch zahlreiche Studien belegt und sie wird international erfolgreich eingesetzt. Dies gilt auch für die USA. Auch dort ist ein starkes Wachstum des Gesundheitsmarktes zu beobachten und Telemedizin gilt hier als probates Mittel, um die Kosteneffizienz der Behandlung signifikant zu steigern. Telemedizin ist darüber hinaus ein Mittel, um die strategischen Ziele des "E-Health Action Plan" für alle Bürger der Europäischen Union zu erreichen. Diese von der Europäischen Kommission formulierten Ziele sind besserer Zugang, bessere Qualität und höhere Effizienz hinsichtlich der Gesundheitsdienste. Alles dies zusammen - demographischer Wandel, medizinischer Fortschritt, Funktionalität und politischer Rahmen - deutet eine großartige Zukunft gesundheitstelematischer Innovationen an. 

 

Die Zukunft - Telemedizin

Kein Zweifel, die medizinischen Notfälle an Bord werden in Zukunft eher mehr, nicht weniger. Denn die Zahl der Passagiere - und damit auch die Zahl der potenziellen Risikogruppen (alte oder kranke Leute) - wächst ständig.

 

Mit Defibrillatoren hoffen die Airlines, die Gefahr der Herztods zu minimieren. Ein anderer Weg, die Überlebenschancen der Passagiere im Notfall zu erhöhen, bietet die so genannte Telemedizin. Bereits heute können die Piloten via Funk mit Ärzten am Boden kommunizieren. Das System ist jedoch verbesserungsbedürftig.

 

In Phoenix, Arizona, offeriert beispielsweise MedAire medizinische Beratung für Airlines rund um die Uhr. Über Satellit und Ferndiagnose kann anhand der genauen Beschreibung der Symptome eine erste Therapie empfohlen werden. Einige Fluggesellschaften wie British Airways und Continental Airlines nehmen diesen Ärzte-Dienst bereits in Anspruch. Überlegt wird ebenfalls, über moderne Satelliten-Technik künftig medizinische Daten (EKG) des Bord-Patienten an Ärzte am Boden zu übertragen. Doch das ist vorerst noch Zukunftsmusik.

 

Um lebensgefährliche Situationen 10 000 Meter über dem Boden zu verhindern, sollte sich zuerst jeder, der eine Flugreise unternehmen möchte, fragen, ob er wirklich fit dafür ist. Und im Zweifelsfall seinen Hausarzt fragen.

 

Beispiele für Dienstleistungen der medizinischen Betreuung - unabhängig davon, wo sich die Betreuer, Patienten, die Aufzeichnungen der Betreuungsinformation oder die Geräte befinden - können sein:

  • Telemedizin: Übertragung medizinischer Bilder zwischen Zentren der medizinischen Betreuung zur Ferndiagnose

  • Home - Monitoring: Betreuungsleistungen im Haus des Patienten (z. B. ältere Patienten, Diabetiker): "häusliche Betreuung"

  • Telekonsultation: Fern-Zugriff zum Wissen oder zur Erfahrung eines Spezialisten (z. B. Teleradiologie)

  • Ferndiagnose: Diagnose für einen Patienten von einem entfernten Arzt (z. B. Telekardiologie)

  • Telemonitoring: Fernüberwachung eines Patienten, der sich nicht im Krankenhaus befindet (z. B. Fetalüberwachung)

  • Fernbetreuung: Nutzung von Fernüberwachungsdaten, um Patienten aus der Ferne zu untersuchen (z. B. Diabetiker)

  • Tele-Ausbildung: Fern-Patienten/Berufsausbildung.

Welche Hürden bestehen bei der breiten Nutzbarkeit der Telemedizin?

Um die Vorzüge einer modernen effizienten und auf hohem Niveau stattfindenden Betreuung von Patienten durch unterschiedliche medizinische Akteure abzusichern, ist die medienbruch-freie Vernetzung unterschiedlicher Systeme erforderlich, dabei bestehen erhebliche Gefahren. Voraussetzung dafür ist die Entwicklung von spezifischen Szenarien und Methoden für den Bereich Gesundheit. Praktikable Lösungen und Konzepte müssen die technischen Sicherheitsanforderungen gemäß BSI, die gesetzlichen Anforderungen des Datenschutzes (BDSG) sowie die Anforderungen an die Schweigepflicht berücksichtigen.

Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Telemedizin im Allgemeinen?

Meine Wünsche für die Entwicklung der Telemedizin möchte ich in den folgenden fünf Punkten zusammenfassen:

  • Schaffung von Anreizen für den Einsatz von Telemedizin und von Best practice Beispielen

  • Abbau gesetzlicher Hemmnisse

  • Potentiale erkennen und heben - Telemedizin als wichtigen Baustein sehen für eine qualitativ hochwertige Betreuung der Patienten bei vergleichbar geringen Kosten

  • Deutschland ist leider nur Mittelfeld in der Anwendung, wir haben sehr gute Forschungsergebnisse in der Telemedizin aber es hängt an der Praxiseinführung

  • Andere Länder sind konsequenter und weiter (Schweden, England, Norwegen, USA Israel…)