Entspannt musizieren

Ein paar einfache Regeln für das Üben tragen dazu bei, dass Musizieren ein Genuss bleibt, auch wenn man einmal länger übt.

 

Prof. Dr. Claudia Spahn

Musizieren entspannt körperlich und seelisch. Dies ist insbesondere für das Singen wissenschaftlich nachgewiesen. Zu singen oder ein Instrument zu spielen regt die Atmung und das Herz-Kreislauf-System an und intensiviert die Körperwahrnehmung. Beim Musikmachen - und auch beim Hören von Musik - werden sogenannte Glückshormone ausgeschüttet. Wenn wir mit anderen zusammen den Klang der Musik erleben, entsteht oft eine innere Ruhe und ein Gefühl des Aufgehobenseins.

 

Musizieren stellt aber auch hohe Ansprüche an uns, zum Beispiel an unsere Konzentrationsfähigkeit und an die Koordination, die Präzision und die Schnelligkeit unserer Motorik. Ungünstige Körperhaltungen und Einstellungen können dabei zu Verspannungen führen. Wir können solche Risiken minimieren und darüber hinaus die positiven Wirkungen des Musizierens maximieren, wenn wir beim Musizieren einige Grundregeln beachten.

 

Aufwärmübungen machen wach

Grundsätzlich sollten wir darauf achten, dass wir wach und konzentriert beim Musizieren sind. Dies gilt natürlich insbesondere dann, wenn wir uns neue musikalische Stücke aneignen.

 

Entspannt musizieren bedeutet nicht, dass unsere Muskulatur beim Spielen durchgängig entspannt ist. Die Muskulatur sollte eher eine angemessene Grundspannung, einen sogenannten "Eutonus" haben. Diesen erreichen wir, indem wir uns auf das Singen oder das Spielen des Instruments einstimmen. Aufwärmübungen, die die Durchblutung fördern, die Muskulatur in Bewegung bringen und den Atemfluss anregen, sind deshalb vor dem Spielen eines Instruments sehr wichtig.

 

Bei Chorsängern gehört das Einsingen zur Aktivierung von Atem- und Stimmfunktion selbstverständlich dazu. In gleicher Weise sollte dies auch für Instrumentalisten gelten, die immer zunächst sich selbst in eine optimale Verfassung bringen sollten, bevor sie ihr Instrument zur Hand nehmen.

 

Singen und auf einem Instrument spielen schult unsere Konzentrationsfähigkeit, weil sie uns dazu bringen, uns ausschließlich auf eine Tätigkeit auszurichten. Aufwärmübungen können auch helfen, den Kopf von zu vielen Gedanken zu befreien. Wenden wir sie regelmäßig an, werden sie zum Ritual für uns, das den Übergang zum Musizieren erleichtert.

 

Die mentale Einstellung spielt beim Musizieren ganz besonders in Auftrittssituationen und beim Umgang mit Lampenfieber eine wichtige Rolle.

 

Alle 30 Minuten eine kurze Pause

Beim Musizieren kommt es oft vor, dass wir ähnliche Bewegungen häufig wiederholen. Das kann bestimmte Muskelgruppen übermäßig beanspruchen und zu Verspannungen führen. Dem können wir außer durch Aufwärmen auch durch rechtzeitige Pausen während des Übens vorbeugen. Sinnvoll ist eine kurze Pause von etwa drei bis fünf Minuten nach einer halbe Stunde Üben.

 

Wer ein Instrument spielt, sollte es während der Pause verlassen und einige Bewegungsübungen machen. Dehnübungen der Arme sind zum Beispiel gut geeignet. Grundsätzlich sollten Sie solche Bewegungen wählen, die Ihre Spielposition ausgleichen. Ein einfaches Beispiel hierfür ist das absichtliche Hochziehen und Fallenlassen der Schultern.

 

Die Spannung der Muskeln können Sie durch leichtes Anspannen und anschließendes Loslassen überprüfen und regulieren. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die Entspannungsmethode Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, die Sie vielleicht kennen. Mit einer bewegten Pause können Sie auch Fehlhaltungen korrigieren, die sonst unter Umständen zu Verspannungen führen.

 

Diese Grundregeln gelten grundsätzlich für alle, die Musik machen, ob jung oder alt. Bei Kindern müssen sie allerdings an das Alter und die individuelle Situation der Kinder und Jugendlichen angepasst werden.

 

Wenn Kinder musizieren

Kinder im Vor- und Grundschulalter zum Beispiel können sich nur kurze Zeit konzentrieren. Ihre Konzentrationsspannen betragen zwischen fünf und 20 Minuten. Das Üben sollte deshalb nicht zu lang dauern und vor allem in kurzen Abständen von Pausen unterbrochen werden.


Beginnt ein Kind ein Instrument zu erlernen, geht es anfangs meistens darum, Zeiten zu finden, in denen es regelmäßig spielen und üben kann. Es empfiehlt sich, feste Übezeiten im Stundenplan einzutragen. Dadurch müssen Kind und Eltern nicht täglich neu darüber nachdenken. Am besten sind Tageszeiten, in denen das Kind nicht absehbar übermüdet ist - also nicht unbedingt direkt nach dem Schulunterricht oder spätabends. Regelmäßige, auch kürzere tägliche Übeeinheiten von zum Beispiel 15 bis 20 Minuten sind für den Lernfortschritt effektiver als unregelmäßiges Üben - auch wenn dieses gelegentlich länger ausfällt.


Sorgen Sie als Eltern dafür, dass für Ihr Kind ein kurzes Aufwärmen von zwei bis drei Minuten von Anfang an zum Spielen dazugehört. Die investierte Zeit wird sich durch verbesserte Konzentration und Körpereinstellung beim Üben auszahlen.

 

Schon Kinder können Lampenfieber haben. Im Abschnitt zu Lampenfieber und Auftrittsangst finden Sie deshalb ein paar wichtige Hinweise dazu.

 

Tipps für erwachsene Musiker

Laienmusiker

Erwachsene im mittleren Lebensalter sind in einer Lebensphase, in der sie durch berufliche und familiäre Aufgaben stark gefordert sind. Für das Singen oder Spielen eines Instruments investieren sie kostbare Zeit. Diese Chance können Sie bewusst ausschöpfen, wenn Sie innerlich Abstand vom „Alltagsgeschäft“ nehmen und das Musizieren als eine Phase der Kreativität und Erholung wahrnehmen.


Für Erwachsene im höheren Lebensalter gewinnt Musizieren einen besonderen gesundheitserhaltenden und gesundheitsfördernden Stellenwert. So hält Musizieren geistig fit. Die Bewegungsübungen vor und während des Musizierens unterstützen gleichzeitig die Koordination und Beweglichkeit.

 

Profis

Professionelle Musiker sind bereits im Studium und anschließend in ihrer Berufstätigkeit als Orchestermusiker, Sänger, Instrumental- und Gesangspädagogen besonderen Anforderungen beim Musizieren ausgesetzt. Die Übe- und Spielzeiten umfassen mehrere Stunden am Tag, die spieltechnischen Anforderungen sind hoch.

 

Vergleichbar dem Sport macht das professionelle Musizieren spezifische präventive Maßnahmen und Strategien notwendig. Ansprechpartner für diese Fragen bilden die Vertreter der Musikermedizin. Diese in der gesundheitlichen Betreuung von Musikern engagierten Ärzte und Therapeuten sind größtenteils in der Deutschen Gesellschaft für Musikermedizin (DGfMM) zusammengeschlossen.

 

Musiker erhalten heute an den meisten deutschen Musikhochschulen bereits im Studium Hinweise und praktische Maßnahmen zur Prävention. Einige musikermedizinische Einrichtungen und Institute unterhalten auch Behandlungszentren für Musiker. Hierhin können sich gleichermaßen professionelle wie nicht professionelle Sänger und Instrumentalisten jeden Alters wenden.

 

Lampenfieber und Auftrittsangst

Lampenfieber beim Musizieren vor Publikum haben schon Kinder und Jugendliche. Wir wissen aus Untersuchungen, dass schon Kinder im Alter von sieben Jahren Lampenfieber erleben können und dass auch betagte Menschen noch Lampenfieber haben. Grundsätzlich ist Lampenfieber als ein Phänomen zu werten, das bei jedem Menschen auftritt, wenn er sich vor anderen exponiert. Körperlich äußert sich Lampenfieber zum Beispiel durch schnellen Atem und Herzschlag, kalte Hände oder Schwitzen.


Eine sensible Phase für die Ausprägung von Lampenfieber stellt die Pubertät dar. Jugendliche sind in dieser Zeit besonders empfindlich und schämen sich oft, sich vor anderen zu zeigen. Von den Erfahrungen in dieser Zeit hängt es ab, wie sicher die Jugendlichen später Auftritte bewältigen. Wenn sie während ihrer musikalischen Ausbildung positive Erfahrungen mit Auftritten machen können, gewinnen sie dadurch viel Sicherheit für viele Situationen in Schule und Beruf.

 

Kinder fordern, aber nicht überfordern

Als Eltern sollten Sie darauf achten, dass Ihr Kind durch die Vorspielsituation gefordert, aber nicht von vornherein überfordert ist. Es sollte also Stücke spielen, die es bewältigen kann. Auch die Erwartungen an das Spielniveau sollten seinen Fähigkeiten und seinem Alter entsprechen.

 

Gehen Sie unbefangen mit dem Lampenfieber um. Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber. Erklären Sie, dass Lampenfieber zu einem Auftritt dazugehört. Sollte Ihr Kind stark aufgeregt sein, sprechen Sie am besten zuerst mit dem Instrumental- oder Gesangslehrer Ihres Kindes. Bitte lösen Sie Lampenfieber nicht durch Gabe von Medikamenten. Dies ist überflüssig und suggeriert fälschlicherweise, dass es sich dabei um etwas Krankhaftes handelt.

 

Hilfe geben

Sie können mit Ihrem Kind das Vorspiel vorbereiten, indem Sie üben, dass es sein Vorspielstück vor einem imaginären Publikum vorträgt. Bei kleineren Kindern kann ein Stofftier das Publikum repräsentieren. Überlegen Sie zum Beispiel auch zusammen mit Ihrem Kind, für wen es gerne spielen würde. So vermitteln Sie Sicherheit. Wenn Sie weitere Unterstützung suchen, wenden Sie sich an eines der Institute für Musikermedizin oder informieren Sie sich über Literatur zum Thema.

 

Bei Erwachsenen kann das Lampenfieber so starke Ausmaße annehmen, dass Auftritte vermieden werden oder gänzlich misslingen. In diesen Fällen ist von der Diagnose Auftrittsangst auszugehen. Sind Sie davon betroffen, sollten Sie sich an einen spezialisierten Facharzt für Psychosomatische Medizin oder einen Psychologischen Psychotherapeuten wenden.

 

Über die Autorin

Prof. Dr. Claudia Spahn ist Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin (FIM) an der Hochschule für Musik Freiburg und dem Universitätsklinikum Freiburg und Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Musikerin mit abgeschlossenem Studium. Sie ist im Freiburger Institut für Musikermedizin in der Lehre von Musik- und Medizinstudierenden und in der Behandlung von Musikern tätig und führt regelmäßig Fortbildungen für Musiklehrerinnen und -lehrer zum Thema „Gesundes Musizieren“ durch. Sie forscht schwerpunktmäßig über Spielvorgänge bei unterschiedlichen Instrumenten und über Lampenfieber. Claudia Spahn hat zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen vorgelegt und Bücher publiziert, zuletzt 2012 ein Buch über Lampenfieber. Sie ist Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Musikphysiologie und Musikermedizin.