Musik in der Medizin

Seit Urzeiten hilft Musik, Leiden zu lindern. Die moderne Gehirnforschung eröffnet jetzt neue Wege der neurologischen Musiktherapie. Professor Eckart Altenmüller, Neurologe und Musikermediziner, erklärt die Hintergründe.

 

Prof. Dr. Eckart Altenmüller

Der Geist aber des Herrn wich von Saul, und ein böser Geist vom Herrn machte ihn sehr unruhig. Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand; so erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm. (Altes Testament, 1. Samuel 16, Vers 14 und 23)

 

Die Heilkraft der Musik

Schon seit Urzeiten setzten die Menschen Musik als Heilmittel ein: Schamanen beschworen mit Musik die guten Geister und versetzten die leidenden Menschen in heilsame Trance, David behandelte die Depressionen seines Königs Saul mit Harfenspiel und Johann Sebastian Bach komponierte für den schlaflosen Grafen Kayserling die Goldberg Variationen, die ihm sein Cembalist Goldberg nachts vorspielen musste, um so den erquickenden Schlaf zu ermöglichen. Aber erst seit etwa zwei Jahrzehnten beginnen wir zu verstehen, wie Musik ihre Heilkraft entfalten kann. Und seit wenigen Jahren gibt es mehrere Studien, die diese Wirkung der Musik auch wissenschaftlich nachweisen.

 

Was bewirkt Musik bei uns?

Was also bewirkt Musik? In allen Gesellschaften wurde und wird Musik gemacht. Überall wird Musik ein hoher Stellenwert im Gemeinschaftsleben beigemessen. Die Ursprünge der Musik gehen bis in die Steinzeit zurück. Die ältesten Musikinstrumente der Welt, Knochenflöten, stammen aus dem oberen Donautal und sind 35.000 Jahre alt. Schwaben kann also als die Wiege der Musik bezeichnet werden. Musik wirkt auf die Emotionen und kann die Stimmung verbessern, Musik kann Glücksgefühle, Gänsehaut, Tränen und Bauchgefühle auslösen. Musik fördert das Gemeinschaftsgefühl und kann mühsame Arbeiten erleichtern. Und gemeinsames Musizieren fördert die Kooperation, wie bereits bei Krippenkindern festgestellt wurde.

 

Neurobiologisch führen Glücksgefühle beim Musikhören zur Ausschüttung des Motivationshormons Dopamin und des Glückshormons Endorphin in den Belohnungszentren des Gehirns. Gemeinsame musikalische Erlebnisse erhöhen die Konzentration des "Kuschelhormons" Oxitocin und führen zur verbesserten Immunabwehr durch vermehrte Bildung von Immunglobulin A: Chorsingen gewissermaßen als Ersatz für die Grippeimpfung.

 

Wer ein Instrument erlernt, vernetzt die Hirnzentren, die für das Hören, das Sehen und das Bewegen zuständig sind. Und wer schon früh anfängt, intensiv zu musizieren, verändert sogar die Form seines Gehirns. Musiker besitzen mehr Nervenzellsubstanz in den Bewegungs- und Sprachzentren und in den Hörzentren. Die Verbindung zwischen beiden Hirnhälften ist stärker ausgeprägt und die Nervenbahn von den Bewegungszentren des Gehirns zu den motorischen Neuronen des Rückenmarks - die sogenannte "Pyramidenbahn“ - ist dicker und leitet Informationen schneller weiter. All diese Effekte kann man auch therapeutisch nutzen.

 

Wohlbefinden durch Hören

Das Hören von Musik in einem therapeutischen Zusammenhang wird als "rezeptive Musiktherapie“ bezeichnet. Dabei muss man aber bedenken, dass das Hören von Musik alles andere als passiv ist: Unser Gehirn muss die spärliche Information von den etwa 3000 inneren Haarzellen des Innenohres erst auswerten und mit Assoziationen verbinden. Musik hören ist immer auch Gehörbildung, Erzeugen von Hörerwartungen, von Überraschungen und von musikalischen Gedächtnisspuren. Es werden dabei Emotionen, Aufmerksamkeit, aber auch Bewegungszentren, Sprachzentren und Gedächtniszentren angesprochen.

 

Daraus erklärt sich auch, dass das tägliche Hören von ein bis zwei Stunden Lieblingsmusik nach einem Schlaganfall zu einer Verbesserung der Aufmerksamkeitsspanne, der Sprachkompetenz und des Gedächtnisses führt. Bei leichten bis mittelschweren Depressionen kann das regelmäßige Hören von Musik zu einer signifikanten Stimmungsverbesserung führen und auch Medikamente einsparen. Dies wird mit der emotional positiven und aktivierenden Wirkung der Musik erklärt.

 

Musik gegen den Schmerz

Auch in der Narkoseeinleitung und in der Schmerztherapie kann Musik segensreich wirken und Narkosemittel und Schmerzmedikamente einsparen. Hier beruht der Effekt wahrscheinlich darauf, dass Musik die Aufmerksamkeit vom Schmerz ablenkt, positive Emotionen erzeugt und durch Assoziationen mit guten Erlebnissen eine Erinnerungsspur erzeugt, die aus schmerzfreien Zeiten stammt.

 

Überhaupt sind ja musikalische Erlebnisse stark im emotionalen Gedächtnis verhaftet. Sie können oft noch nach Jahrzenten ganze Erinnerungsstürme auslösen. Dies macht man sich in der Musiktherapie mit Alzheimer-Patienten zu Nutzen, die oft schwerste Gedächtnisausfälle haben, aber über stabile Erinnerungen an Kinderlieder und frühere „Hits“ noch motorisch aktiviert und emotional berührt werden können. Grundsätzlich ist bei der rezeptiven Musiktherapie die Musik individuell auszuwählen, da ja jeder Mensch eine unterschiedliche musikalische Biographie hat. Eine allgemeingültige „musikalische Hausapotheke“ gibt es also nicht.

 

Aktive Musiktherapie bei Sprach- und Bewegungsstörungen

Aktive Musiktherapie bedeutet, dass die Patienten singen oder ein Instrument spielen lernen. Die Vernetzung von Hirnarealen und die Aktivierung weit verteilter neuronaler Netzwerke durch das Musizieren können sehr fruchtbar in der Rehabilitation eingesetzt werden. In den letzten Jahren wurde dies systematisch in der Therapie der Aphasie (Sprachverlust) nach Schädigungen der in der linken Hirnhälfte gelegenen Sprachzentren erforscht.

 

Melodische Intonationstherapie

Die sogenannte „melodische Intonationstherapie“ (MIT) beruht darauf, dass die Patienten zunächst lernen, einfache Worte zu singen, wobei ihre linke Hand im Sprachrhythmus mitbewegt wird. Dadurch wird die rechte Hirnhälfte aktiviert und es werden Hirnregionen angesprochen, die ganz früher, zu Beginn des Spracherwerbs im Kleinkindalter, noch Reste von Sprachfunktionen hatten. Nach und nach werden die Worte und Sätze komplizierter und die Patienten lernen singend, sich wieder sprachlich auszudrücken. Im letzten Schritt werden die gesungenen Melodien wieder der normalen Sprachmelodie angepasst. Untersuchungen der Hirnvernetzung zeigen, dass die Patienten sowohl in der betroffenen linken wie auch in der rechten Hirnhälfte Nervenbahnen ausbilden, die die Hörzentren mit den Sprachzentren verbinden.

 

Musikunterstütztes Training

Ein ähnliches Prinzip verfolgt das „Musikunterstützte Training“ (MUT) in der Rehabilitation von Feinmotorikstörungen bei Schlaganfallpatienten. Hier lernen die Patienten nach dem Schlaganfall, mit der betroffenen Hand Klavier zu spielen. Die präzise Rückmeldung des Bewegungserfolges der einzelnen Finger durch den erklingenden Ton verbessert die zeitliche und räumliche Kontrolle der Fingerbewegungen und führt zu einem dramatischen Zugewinn von feinmotorischen Fertigkeiten im Alltag, der die Effekte von Ergotherapie oder von einem intensiven Finger-Funktionstraining ohne akustische Rückmeldung deutlich übertrifft. Als Ursache für den Erfolg dieser Therapie vermuten wir, dass die Rückmeldung über das Gehör einerseits die Kontrolle der Bewegungen erleichtert, andererseits die Vernetzung zwischen den beeinträchtigten Bewegungszentren und den Hörzentren die motorische Ansteuerung fördert. Die positiven Emotionen beim Musizieren erhöhen die Motivation und geben den Betroffenen nach der Katastrophe des Schlaganfalls wieder Optimismus und Lebensmut zurück.

 

Zum Autor

Professor Eckart Altenmüller, Univ. Prof. Dr. med., Hannover

 

Direktor des Institutes für Musikphysiologie und Musikermedizin der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Medizinstudium in Tübingen, Paris und Freiburg/Breisgau und zeitgleich Musikstudium (Hauptfach Querflöte). Facharzt für Neurologie, Habilitation. Über 200 Arbeiten zum auditiven und sensomotorischen Lernen, zur Störung der Musikverarbeitung nach Schlaganfällen und zur emotionalen Verarbeitung von Musik. Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften.