Singen und Wohlbefinden

Hält Singen gesund? Gunter Kreutz, Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Oldenburg, erläutert, wie und warum Singen in jedem Lebensalter ein Plus für Gesundheit und Wohlbefinden ist.

 

Prof. Dr. Gunter Kreutz

Singen ist der vermutlich einfachste Zugang zur Musik. Er steht uns fast über die gesamte Lebensspanne zur Verfügung. Singen mobilisiert den Körper, wirkt aktivierend und beruhigend, und es verbindet Menschen jenseits von Worten oder Verpflichtungen.

 

Singen verbindet

Unser Wohlergehen wird von Mitmenschlichkeit, Bindung und Bindungsfähigkeit bestimmt. Viele Autoren stellen diesen Aspekt deshalb in den Mittelpunkt ihrer Forschung. Untersuchungen zeigen, dass Chorsingen Gefühle von Geborgenheit aufkommen lässt. Sängerinnen und Sänger erleben sich als Teil eines übergeordneten Ganzen. Solche Gefühle sind körperlich oft von einer erhöhten Ausschüttung des Hormons Oxytocin begleitet. Dieser hormonelle Effekt kann auch bei den Sängerinnen und Sängern nachgewiesen werden.

 

Singen hebt die Stimmung und steigert die Abwehr

Viele Untersuchungen belegen, dass sich Chorsängerinnen und -sänger nach dem Singen subjektiv emotional besser fühlen. Nicht nur das, durch mehrere Studien verdichten sich Hinweise, dass das gemeinsame Singen die lokale Immunabwehr in den oberen Atemwegen anregt. Singen wirkt demnach in zwei Richtungen zugleich: Es baut Stress und Stresssymptome ab und stärkt zugleich die körperlichen Abwehrkräfte.

 

Langfristige Wirkungen auf die Gesundheit

Viele Chorsängerinnen und Chorsänger lassen es nicht bei einem zeitweiligen Singen über ein paar Wochen oder Monate bewenden. Eine aktuelle Befragung von 3.145 Laien-Chorsängerinnen und -sängern ergab: Im Durchschnitt hielten sie ihren Chören fast 20 Jahre die Treue. Singen könnte also die Gesundheit nachhaltig fördern.

 

Hinweise darauf, dass dies tatsächlich der Fall ist, bieten Studien, die mithilfe standardisierter Fragebögen der Weltgesundheitsorganisation die Lebensqualität von Chorsängerinnen und Chorsängern überprüft haben. Zum Beispiel eine Studie, die ich selbst im Jahr 2010 zusammen mit meinem Kollegen Stephen Clift und anderen veröffentlicht habe. Eine Untersuchung des amerikanischen Gerontologen Gene Cohen und seiner Kollegen aus dem Jahr 2007 weist in die gleiche Richtung. Cohen und seine Kollegen gründeten einen professionell angeleiteten Chor für Menschen ab 70 Jahren und verglichen die Gesundheitsdaten der Teilnehmer während eines Jahres mit den Daten von Altersgenossen aus einer Vergleichsgruppe. Die Chorsängerinnen und -sänger verbrauchten zum Beispiel weniger Medikamente, besuchten seltener einen Arzt und erlitten weniger Stürze im Vergleich zu ihren Altersgenossen.

 

Systematische Übersichtsarbeiten, die die Ergebnisse dieser und ähnlicher Studien kritisch zusammenfassen, listen insgesamt 19 unterschiedliche subjektiv und objektiv wohltuende Wirkungen des Singens auf. Diese reichen von körperlich entspannenden über Stress mindernden bis hin zu spirituellen Wirkungen.

 

Zurück auf die Bühne des Lebens

Auch gesundheitlich oder sozial benachteiligte Menschen profitieren vom Chorsingen. Das gemeinsame Singen kann Menschen aus sozialer Isolation heraus- und wieder auf die Bühne des Lebens zurückführen.

 

Die britischen Forscherinnen Bailey & Davidson führten 2002 beispielsweise Interviews mit Mitgliedern eines Chores von obdachlosen Männern. Ihre Gesprächspartner schilderten das gemeinsame Singen nicht nur als sinnvolle Beschäftigung, sondern sie berichteten von regelrechten Glücksgefühlen. Auch ihr Selbstkonzept veränderte sich positiv.

 

Es lässt sich unschwer ermessen, wie musikalisch-gesangliche Sozialarbeit viele persönliche Schicksale verändern und Menschen eine Hilfe zur Selbsthilfe anbieten könnte. Damit nicht genug: Auch bei psychisch kranken Menschen und Patienten mit Lungenerkrankungen konnte Singen die Lebensqualität verbessern. Es liegen auch starke Hinweise auf antidepressive Wirkungen des Singens bei älteren Menschen in Heimen vor.

 

Singen mit Kindern

Erste Erfahrungen mit dem Singen sammeln Kinder meist in der Familie. Das beginnt schon im Säuglingsalter. Kanadische Kollegen konnten eindrucksvoll auch auf hormoneller Ebene belegen, wie Mütter durch Singen - nicht durch Sprechen - ihre Säuglinge sowohl anregen und mobilisieren als auch beruhigen konnten. Das Singen der Mutter für und mit dem Baby stärkt auch die das ganze Leben prägende Bindung zwischen Mutter und Säugling.

 

Ob Kinder später als Erwachsene aktiv im Chor singen werden, hängt vor allem davon ab, ob sie motivierende Ersterfahrungen im Schulchor oder anderen Chören machen. Denn es ist festzustellen, dass im Erwachsenenalter nur noch wenige Menschen überhaupt Chören beitreten.

 

Auch für ihre Stimme profitieren Kinder und Jugendliche unmittelbar vom Singen. Meine Kollegin Wibke Gütay und ich konnten 2010 zum Beispiel nachweisen, dass bereits 45 Minuten Stimmbildung in Kleingruppen über ein Schuljahr ausreichen, um die Qualität der Stimme so zu verbessern, dass dies unter HNO-ärztlichen Aspekten präventiv für die Stimmgesundheit gesehen werden kann. Singen mit Kindern ist also nicht nur eine Investition für die Zukunft, es hilft auch unmittelbar, dass Kinder gesund bleiben.

 

Zum Autor

Universitätsprofessor. Dr. Gunter Kreutz studierte Historische Musikwissenschaft (Grundstudium), Medienwissenschaft und Anglistik an der Philipps-Universität Marburg sowie Systematische Musikwissenschaft und Kommunikationswissenschaftliche Grundlagen von Sprache und Musik an der Technischen Universität Berlin mit Abschluss Magister Artium 1992. Es folgten Promotion 1996 an der Universität Bremen und Habilitation 2004 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

 

Kreutz arbeitete anschließend als Hochschuldozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Main sowie als Research Fellow am Royal Northern College of Music in Manchester in Großbritannien. 2008 wurde er als Professor für Systematische Musikwissenschaften an die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg berufen.

 

Die Forschungsinteressen von Prof. Kreutz liegen in der musikalischen Wirkungsforschung mit besonderem Fokus auf Emotionen, Wohlbefinden und Gesundheit.

 

Gunter Kreutz ist Autor zahlreicher Fachpublikationen, Mitherausgeber mehrerer Bücher, darunter "Music, Health and Wellbeing" (Oxford University Press, 2012), und leitet ein Forschungsprojekt zu den Auswirkungen des Musizierens von Grundschulkindern auf Aufmerksamkeit und Gedächtnis, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

 

E-Mail: gunter.kreutz@uni-oldenburg.de