Musiktherapie

Sie ist keine ambulante Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Im stationären Bereich wird sie jedoch schon häufig eingesetzt. Die Musiktherapie ist mittlerweile dabei, in Studien ihre Wirksamkeit nachzuweisen. Diplom-Psychologin und Musiktherapeutin Prof. Dr. Susanne Bauer von der Universität der Künste Berlin erklärt, wie sie funktioniert.

 

Prof. Dr. Susanne Bauer

Musik bewegt. Sie versetzt Körper, Geist und Seele in Schwingung. Klänge beeinflussen Stimmungen und dringen ins sogenannte Unbewusste. Wir können Melodien und ganze Musikstücke ein Leben lang im Gedächtnis aufbewahren. Selbst Menschen mit schweren geistigen Beeinträchtigungen oder altersbedingter Demenz haben ein musikalisches Gedächtnis. Musik kommt unseren Grundbedürfnissen entgegen und begünstigt viele psychische Funktionen, zum Beispiel die Kreativität und die Vorstellungskraft, den Wunsch nach Ordnung und Gleichgewicht, die differenzierte Wahrnehmung, Flexibilität und Kommunikation. Sie wirkt positiv auf das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, trägt zur emotionalen Klärung bei und hilft, widersprüchliche Gefühle zu integrieren. Die Musik fördert - wie andere Künste auch - das seelische Gleichgewicht, indem sie sowohl auf die individuelle Entwicklung als auch auf das gemeinsame Erleben wirkt.


Schon im Mutterleib macht das Ungeborene Erfahrungen mit Klängen und Rhythmen. Der Fötus erlebt die Rhythmen von Herzschlag, Puls und Atmung der Mutter. Mal sind sie regelmäßig, mal unregelmäßig, mal langsam, dann wieder schnell. Ab dem vierten Lebensmonat kann er die Stimme der Mutter über sein Körperinneres und sein schon fertig ausgebildetes Hörorgan wahrnehmen. Schon kurz nach der Geburt erkennt der Säugling die Stimme der Mutter wieder.


Noch bevor das Kind sprechen kann, kommuniziert es nonverbal mit Mutter, Vater und anderen Menschen. Dabei ist nicht der Inhalt des Gesagten von Bedeutung, sondern Tonfall, Lautstärke, Tempo, Rhythmus und Klangfarbe, also die musikalischen Bestandteile der Sprache. Man spricht von der "Prosodie". Sie wird ergänzt durch Blick, Gestik, Körperhaltung und Mimik. An diesen Eindrücken orientiert sich der Säugling, um sich und seine Bezugspersonen emotional zu verstehen. In der Beziehung zu seinen Bezugspersonen lernt er auch, eigene Affekte wie Freude, Glück, Wut, Verzweiflung, Traurigkeit und Enttäuschung zu steuern. Zum Beispiel, indem Mutter und Kind einander imitieren und ihre Bewegungen und Gefühle synchronisieren. Ist die Bindung an die Mutter oder eine wichtige Bezugsperson in der frühen Kindheit nicht sicher, hat das Kind später oft Schwierigkeiten, seine Impulse zu kontrollieren oder Gefühle angemessen wahrzunehmen.

 

Beziehung schaffen

Wenn Musiktherapeuten mit Kindern und Erwachsenen arbeiten, schaffen sie durch das gemeinsame Spielen und Anhören von Musik eine bedeutungsvolle Beziehung. Die therapeutische Beziehung, das haben viele Studien unabhängig von der Therapierichtung nachgewiesen, ist für den Therapieerfolg sehr wichtig. Kinder und Erwachsene können sich mithilfe des Therapeuten in einer sicheren Beziehung als Individuum wahrnehmen und erleben. So können sie zum Beispiel, wenn nötig, frühkindliche Erfahrungen von Gemeinsamkeit, affektivem Miteinander und emotionaler Bestätigung nachholen.


Die Musiktherapie verwendet dafür die oben geschilderten nonverbalen Elemente der Kommunikation, die auch für den frühen Aufbau der Beziehung zwischen Mutter und Kind und für die Entwicklung des Kindes bedeutsam sind, also Tonfall, Melodie, Rhythmus, Tempo, Klangfarbe. Alle diese Elemente sind auch Teil der Musik. Indem zusammen Musik gemacht, gehört und erlebt wird, entstehen Gemeinsamkeit und Beziehung. Besonders wichtig ist darüber hinaus, dass Patient und Therapeut in der Musiktherapie Nähe und Distanz regulieren und dosieren können, indem sie ihr musikalisches Zusammenspiel und ihr Improvisieren variieren.


Jeder Mensch hat seine eigene musikalische Biografie. Musiktherapeuten fragen deshalb zu Beginn der Therapie nach den musikalischen Erfahrungen und dem kulturellen Kontext. Denn es gibt keine "Standard-Musik", die für alle gut wäre. Während einer musiktherapeutischen Sitzung suchen die Kinder oder Erwachsenen deshalb gemeinsam mit den Musiktherapeutinnen und -therapeuten nach Klängen, die ihre emotionale Lage widerspiegeln. Bei manchen Menschen genügt ein einziger Ton, um starke Gefühle auszulösen. Musiktherapeuten müssen daher wissen, wie sie diesen Gefühlen begegnen und einem emotional bewegten Patienten musikalisch Halt geben können.

 

Kommunikation ohne Sprache

Wenn Menschen nicht mehr oder noch nicht sprechen oder Sprache verstehen können, ist Musik oft der beste Weg, um mit ihnen in Kontakt zu kommen. Musiktherapie kann ein Zugang sein zu Kindern und Erwachsenen mit geistiger Behinderung oder Autismus, zu Menschen mit Demenz oder zu Menschen, deren Sprechvermögen wegen neurologischer oder psychologischer Störungen beeinträchtigt ist. Musiktherapie wird auch eingesetzt, um Stottern zu mildern, bei verzögerter Entwicklung von Kindern und bei posttraumatischen Belastungsstörungen.


Dass Musiktherapie Krankheiten heilen kann, ist eine Illusion. Bei vielen Krankheiten und Störungen kann sie aber die Lebensqualität erhöhen, psychisches Leid lindern und Entwicklungsmöglichkeiten fördern. Zum Beispiel bei Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen wie der Depression, mit gestörter Wahrnehmung, mit Kommunikationsproblemen, mit Verhaltensstörungen und organischen Krankheiten, etwa Krebs.


Musiktherapie ist deshalb oft Teil der stationären Behandlung auf neurologischen oder onkologischen Stationen, in psychiatrischen oder psychosomatischen Kliniken. Musiktherapie wird auch in Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung eingesetzt, ebenso für Menschen, die an Demenz leiden, zum Beispiel wegen einer Alzheimer-Erkrankung.


Das Alter spielt bei der Musiktherapie keine Rolle. Es sind auch keine musikalischen Fähigkeiten erforderlich. Denn in der Musiktherapie geht es darum, musikalisch Beziehungen aufzunehmen, sich auszudrücken und mittels der Musik zu kommunizieren. Musik ist in der Musiktherapie nicht Ziel, sondern Mittel zum Zweck.

 

Auch zur Prävention

Präventiv wird Musiktherapie zum Beispiel dazu genutzt, Kindern und Jugendlichen aus Risikofamilien dabei zu helfen, selbstbewusster und beziehungsfähiger zu werden. Es gibt zunehmend auch musiktherapeutische Projekte, die die Sprachentwicklung bei Kindern fördern sollen.

 

Selbstwahrnehmung, Identität und Beziehungsfähigkeit fördern

Musiktherapie hilft Menschen, offener für Beziehungen zu werden. Sie erreicht dies zum Beispiel dadurch, dass sie über das gemeinsame Musizieren eine eigenständige Kommunikation und ein autonomes Handeln ermöglicht und zugleich ein gemeinsames Erleben schafft. Damit wächst auch die Beziehungsfähigkeit. Denn Menschen, die zugleich autonom sein können und Gemeinschaft erleben dürfen, fällt es leichter, Beziehungen aufzunehmen und aufrechtzuerhalten.


Indem sie zum Beispiel in der Musiktherapie Tönen und Klängen nachhorchen, diese spüren und auf sich einwirken lassen, schulen sie ihre Aufmerksamkeit und Selbstwahrnehmung. Sie verbessern ihr Selbstbewusstsein und ihren Sinn für ein existierendes Ich. Dadurch können sie sich besser wahrnehmen und von einem existierenden Anderen abgrenzen. Das wiederum stärkt die Beziehungsfähigkeit. Denn Menschen können erst dann bewusst in Beziehung zu anderen treten, wenn sie ihre eigene Identität wahrnehmen und sich gleichzeitig nicht von anderen vereinnahmt oder überschwemmt fühlen.


Die Musiktherapie bietet vielfältige Gelegenheiten dazu, sich in einer Gemeinschaft immer wieder als autonomes handelndes Subjekt zu erfahren. Diesen Entwicklungsprozess begleiten die Musiktherapeutinnen und -therapeuten so oft wie nötig. Sie bieten in der musiktherapeutischen Sitzung zum Beispiel an, sich für ein Instrument zu entscheiden, es zu erforschen und schließlich damit in Kontakt zum Therapeuten oder anderen Teilnehmern zu treten. Sich ein hier und heute passendes Instrument auszusuchen, sich mit dem eigenen Klang von dem der anderen abzugrenzen, selber zu entscheiden, wann man spielt und wann man eine Pause macht, all das schafft Bewusstsein für eigenes Handeln und auch dafür, dass und wie man in einer Gruppe etwas bewirken kann. Die hierdurch erreichte sogenannte Selbstwirksamkeit stärkt die Selbstsicherheit und die Identität.

 

Aktive und rezeptive Musiktherapie

Bei der bisher geschilderten aktiven Musiktherapie benutzen Musiktherapeutinnen und -therapeuten alle ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente und Klänge, um im gemeinsamen Spiel etwas in Gang zu bringen, etwas mitzugestalten, Neues entstehen zu lassen und auf den Weg zu bringen und Veränderungen zu unterstützen.
In der rezeptiven Musiktherapie werden diese Prozesse angestoßen, indem nach dem gemeinsamen Hören von Musik zum Beispiel über die entstandenen Gefühle, Körperwahrnehmungen und bildhaften Vorstellungen gesprochen wird.

 

Studien zur Wirksamkeit

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben Musiktherapeuten viele Beispiele zur Anwendung der Musiktherapie veröffentlicht. Untersuchungen, die die Ergebnisse statistisch verlässlich nachweisen, liegen vergleichsweise noch in geringer Anzahl vor. Darunter befindet sich zum Beispiel die kürzlich veröffentlichte Studie einer Forschergruppe um den Heidelberger Musiktherapeuten Professor Dr. Alexander Wormit. Sie zeigt, dass Musiktherapie in der Krebsbehandlung die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten deutlich steigern und das subjektive Schmerzempfinden verringern kann. Auch die amerikanische Musiktherapeutin Joke Bradt von der Drexel University in Philadelphia, USA, und ihre Kollegen haben den Effekt der Musiktherapie bei Krebspatienten untersucht. Sie konnten anhand ihrer Daten nachweisen, dass die Musiktherapie half, Schmerz und Angst zu lindern und die Stimmung und Lebensqualität zu verbessern. Forscher um den Musiktherapeuten Tony Wigram von der dänischen Aalborg-Universität zeigten, dass aktive Einzelmusiktherapie bei Kindern mit autistischen Störungen zu einem verbesserten Kommunikationsverhalten der Kinder führte.

 

Zur Autorin

Prof. Dr. Susanne Bauer, Musiktherapeutin, Diplom-Psychologin und Familientherapeutin, ist Gastprofessorin an der Universität der Künste Berlin. Dort leitet sie den Masterstudiengang Musiktherapie am Musiktherapiezentrum. Susanne Bauer praktiziert vorwiegend eine psychodynamisch orientierte Musiktherapie. Sie forscht und lehrt unter anderem zur Methodik der Musiktherapie in der Psychiatrie, zum Einsatz der Sprechstimme in der Musiktherapie, zur musiktherapeutischen Beziehung und der Person des Musiktherapeuten und zu psychotherapeutischen Behandlungsmethoden. Susanne Bauer lebte fast zwanzig Jahre lang in Santiago de Chile. Dort baute sie den universitären Weiterbildungsstudiengang Musiktherapie auf, den sie von 1999 bis 2009 leitete. Sie beschäftigt sich mit interkulturellen Aspekten der Musiktherapie und hat ihre Arbeit in zahlreichen Artikeln und Buchkapiteln veröffentlicht.