Pflegeland braucht Fachkräfte

Spätestens seit dem vergangenen Bundestagswahlkampf ist das Thema Altenpflege ein Dauerbrenner - zum Glück. Auf der Suche nach aussagekräftigen Zahlen zur Pflegesituation in Thüringen wird deutlich, wie schwierig es sein kann, einen Ist-Zustand zu beschreiben.

Die sehr ausführliche und hilfreiche Pflegestatistik des Statistischen Bundesamtes wird alle zwei Jahre veröffentlicht, jeweils mit dem Stichtag 15. Dezember zwei Jahre zuvor. Im Moment heißt das: Wir können eine Ist-Beschreibung des Pflegelandes Thüringen mit Zahlen von Ende Dezember 2015 probieren.

 

69.772 pflegebedürftige Thüringer zu Hause betreut

Ende des Jahres 2015 waren in Thüringen 94.280 Menschen pflegebedürftig. Das entspricht einer Pflegequote, also einem Anteil Pflegebedürftiger an der Thüringer Gesamtbevölkerung, von 4,34 Prozent. Im Bundesvergleich ist das nach Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt der vierthöchste Wert.

 

Dreiviertel der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut, ein Viertel vollstationär im Pflegeheim. Der Prozentsatz der zu Hause Gepflegten liegt mit Platz sechs im oberen Mittelfeld der Bundesländer (deutschlandweit 72,6 Prozent). Von diesen knapp 70.000 Menschen werden zwei Drittel allein durch Angehörige versorgt, was dem bundesweiten Durchschnitt entspricht. Bei allen anderen ist ein ambulanter Pflegedienst mindestens unterstützend tätig.

 

Anders gesagt: Die Hälfte der Pflegebedürftigen in Thüringen wird allein von Angehörigen gepflegt, bei einem Viertel unterstützen ambulante Pflegedienste, das andere Viertel wird in Pflegeheimen betreut.

 

Die Angehörigen, die für 46.537 Thüringer professionelles Pflegepersonal ersetzen, verdienen nicht nur höchste Anerkennung, sondern vor allem Beachtung und Unterstützung. Da sie aber mit Zahlen noch schwerer zu beschreiben sind als die Pfleger der anderen Hälfte Bedürftiger - und darum geht es in diesem Artikel - lassen wir sie hier außer Acht.

 

In Thüringer Pflegediensten wird Vollzeit gearbeitet

Im Jahr 2015 arbeiteten im Freistaat 432 ambulante Pflegedienste. Laut Statistischem Bundesamt waren dort 10.805 Männer und Frauen beschäftigt.

 

Auffällig ist der vergleichsweise hohe Anteil vollzeitbeschäftigter Pfleger in den neuen Ländern. Mit vier von zehn der Beschäftigten ist Thüringen hier bundesweiter Spitzenreiter (Bund: 27,2 Prozent).

 

In Teilzeit mit über 50 Prozent der Vollzeitarbeitszeit arbeiten 44 Prozent der Pfleger (Bund: 36,1 Prozent), 6,5 Prozent haben 50-Prozent-Stellen (Bund: 13,9 Prozent) oder weniger und 6 Prozent sind geringfügig beschäftigt (Bund: 19,3 Prozent). Nach Sachsen-Anhalt ist letzterer bundesweit der zweitniedrigste Wert.

 

Da in Pflegeberufen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten, lassen sich die Zahlen zum einen mit der überdurchschnittlich hohen Erwerbstätigkeit von Frauen in den neuen Ländern erklären.

 

Auch die vergleichsweise niedrigen Löhne in der Thüringer Altenpflege dürften ein Grund sein. Bei durchschnittlich 1.624 Euro Bruttoentgelt für Altenpflegehelfer und 2.245 Euro für Fachkräfte in der Altenpflege bleibt bei Teilzeitbeschäftigung kaum ein nennenswerter Betrag. Fachkräfte in Thüringen erhalten damit 14 Prozent weniger als der Bundesdurchschnitt, Hilfskräfte werden 13 Prozent geringer vergütet. Die Zahlen stammen von Erhebungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus dem Jahr 2016. Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen wurden dabei zusammen betrachtet.

 

Diese Zahlen zeigen auch: Das aktuelle Bestreben der Bunderegierung, mehr Pflegeteilzeitkräfte zur Vollzeitarbeit zu bewegen, ist zwar auch für die Pflegedienste in Thüringen sinnvoll. Es birgt aber lange nicht so viel Potenzial wie in anderen Ländern.

 

Der Preis kostengünstiger Heimpflege

Ende des Jahres 2015 gab es laut Statistischem Bundesamt 457 Pflegeheime in Thüringen, darunter 340 mit vollstationärer Dauerpflege. Für die Dauerpflege standen mit 25.524 Plätzen 1.328 mehr zur Verfügung, als laut Statistik genutzt wurden. Das Angebot der anderen Heime setzt sich aus Kurzzeit-, Tages- und/oder Nachtpflege zusammen.

 

TK-Infografik: PflegequoteIn den Heimen arbeiteten 19.303 Menschen. Fast sechs von zehn Beschäftigten (57,6 Prozent) waren in Teilzeit mit über 50 Prozent der regulären Arbeitszeit beschäftigt. Ihr Anteil liegt damit deutlich über dem bundesweiten Schnitt von 40,1 Prozent. Ein Viertel des Personals, und damit etwas weniger als bundesweit (28,7 Prozent), arbeitete Vollzeit. Deutlich niedriger als in Gesamtdeutschland war, wie schon in der ambulanten Pflege, der Anteil der unter 50 Prozent und geringfügig Beschäftigten. Beide Beschäftigungsverhältnisse traten im Ländervergleich am viertseltensten auf.

 

Grafik 300 dpi (JPG, 813 KB, nicht barrierefrei)

 

In der Pflegestatistik wurde auch ermittelt, wie viel Pflegeheimbewohner beziehungsweise ihre Angehörigen durchschnittlich für die vollstationäre Dauerpflege zahlten. In Thüringen waren das 2015, als es noch Pflegestufen statt der aktuellen Pflegegrade gab, rund 1.820 Euro für Pflegestufe 1, 2.239 für Stufe 2 und 2.744 Euro für Pflegestufe 3. Alle vier Werte sind die viertniedrigsten im Bundesvergleich, ebenso wie die durchschnittliche Vergütung der Pfleger, die bereits oben beschrieben ist.

 

Damit unterstreichen die statistischen Zahlen einmal mehr: Bei der aktuellen Konstruktion der Pflegeversicherung nach dem "Teilkasko-Prinzip", in dem jeder zu Pflegende nur einen Teil der Pflegekosten erstattet bekommt, wirkt sich die oft geforderte höhere Vergütung für Pflegefachkräfte direkt auf die zu zahlenden Heimkosten und damit auf die Aufwendungen für Angehörige beziehungsweise Sozialhilfeträger aus.

 

Jeder 13. Schulabgänger müsste Pflegekraft werden

Thüringen als Billigpflegeland ist dennoch nicht zukunftsfähig. Und es ist nicht wünschenswert. Weder für Pfleger, noch für die Menschen, die versorgt werden. Ein nicht von der Hand zu weisender Beleg dafür ist der nötigerweise immer wieder betonte hohe Fachkräftebedarf in der Altenpflege.

 

Das Thüringer Landesamt für Statistik schreibt in einem Aufsatz von 2017, dass innerhalb der kommenden 20 Jahre in Thüringen 25.000 neue Pflegekräfte benötigt werden. Nach linearer Rechnung sind das 1.250 Männer und Frauen pro Jahr. Im Jahr 2017 verließen 15.932 junge Männer und Frauen die Thüringer Schulen mit einem Abschluss. Einfach gerechnet und ohne etwaige andere Bewerber zu berücksichtigen, müsste also jeder 13. Haupt-, Realschüler oder Abiturient Pfleger werden, damit der Freistaat den Fachkräftebedarf aus eigener Kraft bedienen kann. Realistisch ist das nicht.

 

 

Christiane Haun-AnderleReferentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
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