Wie man einen Kerl abhängt oder warum Frauen das Training auf dem Rad rund machen

Nachrichtenmoderator Marc Bator ist begeisterter Radsportler. Der ehemalige Präsident des Hamburger Radsport-Verbands beleuchtet in seiner wöchentlichen Kolumne am Freitag wichtige Aspekte dieses hervorragenden Gesundheitssports. Diesmal: Frau und Rennrad.

 

Es gibt sie, die großen Helden der Landstraße, auch im Radsport. Wie ehrlich sie ihre Erfolge eingefahren haben, darüber lässt sich diskutieren.

 

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Mit Vorurteilen aufräumen

Sicher ist: Der Franzose Jacques Anquetil - Tour de France Siege hat er in den sechziger Jahren gesammelt wie andere heute Radtrikots - machte auch durch seinen außergewöhnlich eleganten Fahrstil von sich reden. Und auch abseits der Strecke schrieb er Schlagzeilen. Eines seiner Zitate - definitiv weniger stilvoll - möchte ich heute zum Anlass nehmen, um mit Vorurteilen aufzuräumen: "Radfahren. Für Frauen viel zu schwierig." Ein Satz aus dem Munde des Altmeisters. Nun gut. Ein Mann, ein Wort. Und die sechziger Jahre waren eben noch die sechziger Jahre. Jacques Anquetil hätte es besser wissen müssen.

 

Frauen in der Unterzahl

Fünfzig Jahre später: Sicherlich sind Frauen auf Carbon und Asphalt nicht in der Überzahl, aber ein alltägliches Bild. Warum auch nicht? Bevor ich mich aber in der beliebten Debatte über die Unterschiedlichkeit der Geschlechter versteige, nähere ich mich lieber auf andere Weise.

 

Als ich zum ersten Mal mit Yvonne gefahren bin, hat sie mich nach einer halben Stunde genervt angeschaut und gefragt, ob ich sie ärgern wolle? Entgeistert schaute ich zurück. Mein Tempo in der Trainingsgruppe, vor allem am Berg, war ihr nicht gleichmäßig genug. Akzeptiert. Und nicht mal zähneknirschend. Yvonne fährt Rad-Bundesliga, steht bei Rennen regelmäßig auf dem Treppchen, und auch sonst weiß sie, wie sie sich auf zwei Rädern bewegen muss. Angefangen hat die Lehrerin übrigens genauso wie jeder auf dem Rennrad. Mit Null Erfahrung. Null! Was ich damit sagen möchte, es gibt nicht einen Hauch Grund zu Herablassung oder Nase-Rümpfen. Von ausgeprägter Gockelei vieler Männer, wenn sie denn auf eine Gleichgesinnte treffen, mal ganz abgesehen…

 

Ob nur zum Zwecke der Fitness oder ambitioniert: Bei meinen Trainingsrunden, nicht nur in der Hauptstadt, gehören Frauen auf dem Rennrad zum alltäglichen Bild. Und auch bei Rennen sehe ich mehr und mehr holde, bärenstarke Weiblichkeit mit Startnummern am Trikot. Gut so. Und wie gesagt, eigentlich nicht der Rede wert.

 

Weiblichkeit im Radsport

Auch meine Frau nimmt das Thema Weiblichkeit im Radsport ernster denn je. Ihr eigener Renner wartet seit Monaten ungeduldig, in frischer Luft mit Leidenschaft malträtiert zu werden. Der Mann an ihrer Seite übrigens auch. Und dennoch: Es interessiert sie recht deutlich, mit wem ich meine Runden so drehe. Und wenn ich ihr ehrlicherweise gestehe, dass auch Frauen mitrollen, zeigt sie an denen ein ganz besonderes Interesse. Ich entgegne ihr dann, dass sie mich nach mehr als einem Jahrzehnt doch kennen müsse. Eben drum, hat sie neulich entgegnet.

 

Die Männer benehmen sich mal

Da halte ich mich jetzt mal gepflegt zurück und kann nur sagen: Ich freue mich immer, wenn Mädels mitradeln. Sie machen die Zeit auf dem Rad rund, und: Die mitradelnden Männer benehmen sich endlich mal! Schnief und Schnodder werden an kalten Tagen weniger lautstark abtransportiert. Fäkalsprache hat, unter Radsportlern zum Glück ohnehin nicht weit verbreitet, kaum mehr eine Chance. Und es geht auch mal um andere Themen auf dem Rad.

 

Dass viele Frauen, vor allem zu Beginn ihrer radelnden Karriere, am liebsten erstmal mit Mitstreiterinnen unterwegs sein wollen: verständlich. Aber wie gesagt, jedes Wort, was mir jetzt - vielleicht unbedacht - über die Lippen flutscht, könnte mich auf sehr dünnes Eis führen. Darum lasse ich es hiermit gut sein. Und sage Ihnen: Ich freue mich über jede Frau auf dem Rennrad. Trainingsstand, Erfahrung, alles egal: nur kein Gemecker über die mitradelnden Männer bitte…

 

Nynke de Jong und Marijn de Vries haben ein Buch mit dem passenden Titel "Frau und Rennrad" geschrieben, veröffentlicht im Covadonga Verlag. Abgesehen davon, dass das Buch die gesamte Bandbreite unseres Sports abdeckt - adressiert eben an Frauen, die sich neu mit Radsport beschäftigen - haben mir zwei Seiten im Buch besonders gut gefallen. Überschrieben war das Kapitel mit den Worten: Wie man einen Kerl abhängt... Noch Fragen? Keine. In diesem Sinne: "Rauf aufs Rad!"

 

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