Die andere Seite des Radsports

Nachrichtenmoderator Marc Bator ist begeisterter Radsportler. Der ehemalige Präsident des Hamburger Radsport-Verbands beleuchtet in seiner wöchentlichen Kolumne am Freitag wichtige Aspekte dieses hervorragenden Gesundheitssports. Diesmal: Stürzen gehört zum Radsport.

 

Marc BatorRadsportfan Marc BatorHeute berichte ich Ihnen von Dingen, über die man im Radsport nur ungern berichtet und die doch dazugehören.

 

Könnte mir vorstellen, woran Sie vielleicht jetzt spontan denken. Was das böse Wort mit dem "D" angeht, wünsche ich mir, dass es sich eines Tage nur noch als Mahnmal an eine schreckliche Zeit im Radsport in die Weiten des Asphalts eingräbt…

 

Nein, mir geht es hier und heute nicht um Doping, was den Radsport bisweilen in den Abgrund getrieben hat. Das Thema wäre sicher mehr als eine eigene Kolumne wert.

 

Stürzen gehört zum Radsport

Ich berichte Ihnen jetzt von Stürzen. Offen, ehrlich, ohne Wortkosmetik. Stürzen gehört zum Radsport. Leider.

 

Meist glimpflich

Stürzen tut weh. Immer. In der Regel gehen sie glimpflich aus. Ein paar Schürfwunden, aufgerissene Hautschichten also. Dazu meistens eine fette Prellung, dicke blaue Flecken.

 

Gab Zeiten, da war ich auf Schmerzen insgeheim sogar ein wenig stolz. Gehört ja schließlich dazu zum harten Sportlerleben. Und mit Glück bleibt nach einem Sturz sogar eine echte Asphaltflechte zurück. Meine bessere Hälfte würde jetzt aufschreien und protestieren. Narben, soll sich der Hobbyathlet über das ewige Zeugnis einer handfesten Verletzung auch noch freuen?

 

Verbremst und abgesattelt

Unter Radsportlern zeigt man die eine oder andere Sturzspur schon mal vor, begleitet von einem verschwörerischen Grinsen und einer guten Geschichte. Und die ging bei mir so: abgesattelt bei Tempo vierzig, die Englein singen gehört, der teure Rahmen aus feinstem Carbon gebrochen… Ich sage Ihnen, ich habe einiges hinter mir. Überschlag im Rennen, zu spitz in die Kurve gefahren und dazu auch noch verbremst.

 

Gullydeckel...

Oder die Geschichte vom zu feuchten Gullydeckel: Zack, und ich lag bäuchlings auf dem Asphalt.

 

Kette gerissen...

Oder hier: Mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung trat ich plötzlich ins Leere - Kette gerissen. Und wieder strampelte ich mit beiden Füßen wie ein Maikäfer in der Luft.

 

Übermut tut selten gut

Außer Schürfwunden, Prellungen und ein wenig Schamesröte im Gesicht nichts gewesen. Damit konnte ich leben. Bis vor einem Jahr. Heute hat sich mein Blick auf Fahrradstürze gewandelt.

 

Falsch berechnet

Vergangenes Jahr im Oktober, Trainingsfahrt in der Hauptstadt. Zeig den Passanten, wie gut Du in voller Fahrt über Hindernisse springen kannst. Ein Holzbalken liegt quer auf der Strecke, ich mit gut 30 km/h drüber. Sauberer Abflug, saubere Landung. Nahezu perfekt! Nach ein paar hundert Metern das Ganze noch mal: Abflug wieder passabel. Die Landung kam jedoch anders. Ich hatte mich verschätzt, meinen Schwerpunkt falsch berechnet. Ein dreifacher - definitiv nicht eingeplanter - Rittberger und ich schlug mit dem Gesicht auf dem Asphalt auf. Ohne Vorwarnung! Ich konnte nicht einmal mehr die Hände ausstrecken. Als ich merkte was los und im Begriff war, wieder aufzustehen, nahm das Unglück seinen Lauf. Platzwunde am Kinn, Blut sickerte aus dem Ohr. Ich merkte, hier stimmt was nicht: kein guter Tag!

 

Schädelbasisbruch?

Was soll ich Ihnen sagen. Der Krankenwagen fuhr mich nach nicht einmal zehn Minuten stabiler Seitenlage in Richtung Notaufnahme. Selbst dem Arzt war nicht ganz wohl bei der ersten Diagnose: Verdacht auf Schädelbasisbruch. Wissen Sie, manchmal weiß man einfach, dass man einen Schutzengel hat. Trotz schwerer Verletzung fühlte ich mich gut, den Schleier des Schocks und die Wirkung des Adrenalins lassen wir mal dahingestellt… Nach einer Stunde stand fest: Kiefer angebrochen, der an diesem Tag gänzlich leere Kopf war glücklicherweise heil geblieben. Das Nervenkostüm meiner Frau, die man zwischenzeitlich ins Krankenhaus beordert hatte, verständlicherweise nicht.

 

Das volle Programm

Wie soll ich die Geschichte abschließen? Dass Übermut selten gut tut?! Sicher. Ich könnte Ihnen auch davon berichten, dass ich wenige Wochen später auf der heimischen Treppe ausgerutscht bin und mir das Sprunggelenk viermal gebrochen habe. Ich trage noch immer Metall im linken Fuß. Auch von schweren Radstürzen, vor allem während Rennen, hätte ich wohl drehbuchreife Geschichten auf Lager: halbseitige Lähmungen, sonstige bleibende Schäden, Schlüsselbeine, Schultereckgelenksprengung Risse der inneren Organe, das volle Programm. Und auch das Schlimmste ist im Radsport schon passiert…

 

Es gehört nicht hierher. Schwerstunfälle können auch in anderen Situationen und Zusammenhängen unseres nie berechenbaren Lebens passieren. Jeden Tag, jede Sekunde. Das macht unser Dasein - bei aller Lebensfreude - auch gleichzeitig unendlich tragisch. Wozu ich Ihnen raten kann: Fahren Sie bitte vorsichtig und vielleicht buchstabieren Sie während der Fahrt hin und wieder das Wort "Demut". Ich mache es! Aber nur, wenn die Straße frei ist und mir keiner entgegenkommt.

 

Vorsicht Herbstlaub!

Vorderrad auf HerbstlaubDass es viele Tipps gibt, wie man Stürze vermeiden kann, darüber hatte ich an anderer Stelle schon berichtet und werde dies auch noch öfter tun.

 

Vielleicht so viel: Noch immer säumt viel Herbstlaub unserer Straßen und Radwege. Absolute Vorsicht ist geboten, vor allem wenn es nass ist. Nehmen Sie vor Kurven das Tempo raus. Auch wenn es vielleicht nicht so sportlich aussehen mag, sicher ist sicher. Je schräger Sie eine Kurve ansteuern, desto höher das Risiko. Und zu guter Letzt: bremsen Sie nie abrupt, die Räder dürfen zudem nicht blockieren. Was uns im Auto in der Regel elektronische Assistenten abnehmen, müssen wir auf dem Rad in Sekundenbruchteilen selbst tun. Was man lernen kann.

 

Und vielleicht das Wichtigste, überschätzen Sie sich nicht. Ich sage das aus eigener schmerzvoller Erfahrung. Und dennoch: Verlieren Sie nie die Freude am Fahrradfahren. Bis kommende Woche.

 

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