Telemedizin im ländlichen Raum: Innovatives Projekt in Rendsburg vorgestellt  

Kiel, 1. August 2018. In Büsum sitzt ein Patient in seiner Hausarztpraxis. Der Weg zum Augenarzt ist ihm einfach zu weit. Doch auch beim Allgemeinmediziner kann er mit dem Augen-Experten sprechen. Denn per Videotelefonie ist der Spezialist in Rendsburg zugeschaltet und unterstützt den Patienten gemeinsam mit dem Hausarzt aus der Ferne. So kann in Schleswig-Holstein eine Behandlung "von morgen" aussehen. Mit dem Projekt "Telemedizin im ländlichen Raum" soll die medizinische Versorgung im Flächenland Schleswig-Holstein zukünftig verbessert werden.

 

Die Techniker Krankenkasse (TK) und ihre Vertragspartner - die Gesellschaft für integrierte ophthalmologische Versorgung Schleswig-Holstein (GIO), die Ärztegenossenschaft Nord, der Hausärzteverband Schleswig-Holstein sowie das Institut für Allgemeinmedizin am UKSH Campus in Lübeck - stellten das Projekt heute in Rendsburg gemeinsam mit Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg vor. Durch die Nutzung von digitaler ärztlicher Konsultation sollen lange Anfahrtswege und Wartezeiten beim Spezialisten zukünftig vermieden werden können. Ärzte können zudem ihre Arbeitszeit effektiver einsetzen.

 

Minister Dr. Garg, der sich  im Augenzentrum SH - Dres. Heisler, Prüter und Klatt ein Bild von dem geplanten Projekt in der Praxis machte, unterstützt den Ansatz ausdrücklich: "Wir werden in Zukunft mehr ältere Menschen zu versorgen haben, bei gleichzeitigem Rückgang der dafür zu Verfügung stehenden Fachkräfte. Telemedizinische Angebote werden dabei helfen, die Gesundheitsversorgung zukünftig sicher zu stellen. Wir müssen sie so nutzen, dass sie eine Entlastung für Ärztinnen und Ärzte sowie eine Bereicherung für Patientinnen und Patienten ist. Dass das funktioniert, zeigt das Projekt eindrucksvoll!"

 

"Telemedizin ist eine Bereicherung"

 

In der Augenarztpraxis in Rendsburg ist Telemedizin bereits seit zwei Jahren fest integriert. Dr. Jon-Marten Heisler: "Einen Schwerpunkt der Telemedizin bildet die Nachsorge unserer operierten Patienten, aber auch die der Betreuung der chronisch erkrankten Patienten - zum Beispiel Makuladegeneration. Besonders bewährt hat sich die telemedizinische Konsultation im ländlichen Raum bei akuten Erkrankungen, wenn die Patienten nicht in die Praxis kommen können, da sie zum Beispiel auf einer Insel oder Hallig wohnen. Für uns ist die Telemedizin eine Bereicherung und Ergänzung der augenärztlichen Grundversorgung."

 

"Die medizinische Versorgung wird revolutioniert"

 

Das Projekt ist nur der Auftakt für eine bessere medizinische Versorgung im Land durch Telemedizin, betonte Dr. Johann Brunkhorst, Leiter der TK in Schleswig-Holstein, in Rendsburg. Perspektivisch sollen auch weitere Facharztgruppen wie Hautärzte oder Rheumatologen die Technologie nutzen können, um so ihre Expertise auch in die entlegensten Regionen des Landes bringen zu können. "Wir zeigen heute hier in Rendsburg, was alles technisch möglich ist. So verändern wir die Strukturen in der Zusammenarbeit der Praxen. Die ländliche medizinische Versorgung in Schleswig-Holstein wird dadurch revolutioniert."

 

Auch Thomas Rampoldt, Geschäftsführer der Ärztegenossenschaft Nord, sieht in der Telemedizin eine Lösung im Konflikt zwischen der immer älter werdenden Bevölkerung und der schwieriger werdenden Sicherstellung der Versorgung auf dem Land: "Da es allerdings derzeit noch keine ausreichenden Erfahrungen zum sinnvollen Einsatz der Telemedizin gibt, brauchen wir im Moment viele ´Versuchsanordnungen´, um die sinnvollen Einsatzmöglichkeiten zu identifizieren", sagte er.

 

Telematik-Rucksack übermittelt Vitaldaten

 

Mit einem sogenannten Telematik-Rucksack kann die Versorgung weiter verbessert werden. Wie mit seiner Hilfe immobilen Patienten regelmäßige Praxisbesuche erspart werden können, wurde in der Rendsburger Praxis ebenfalls durch eine Mitarbeiterin der Ärztezentrum Büsum gGmbH demonstriert. Hier ist der Rucksack bereits seit Anfang des Jahres im Einsatz und erfreut sich großem Zuspruch durch die besuchten Patienten. Nichtärztlichen Praxisassistentinnen - sogenannte NäPas - verwenden den Rucksack zur Übermittlung von Vitaldaten, die sonst in den teilnehmenden Hausarztpraxen erhoben werden müssten. Hausbesuche können die NäPas ganz einfach übernehmen und die wichtigsten Vitaldaten wie beispielsweise EKG, Gewicht und Blutdruck erheben. Diese werden dann in die Praxis übermittelt.

 

Über ein ebenfalls zum Rucksack gehörendes Tablet ist außerdem bei Bedarf ein Videokontakt zum behandelnden Hausarzt möglich. "Die Implementierung von telemedizinischen Lösungen für die Versorgung, wie es die Videotelefonie und der Telematik-Rucksack sein können, ist ein Schwerpunkt des Instituts für Allgemeinmedizin in Lübeck", sagte Prof. Dr. Jost Steinhäuser, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin am UKSH in Lübeck. Die im geplanten Projekt zu evaluierenden Szenarien wurden in den vergangenen zwei Jahren im Institut erarbeitet. Es wird daher die beiden innovativen Projekte weiterhin wissenschaftlich begleiten.

 

Auch von Seiten der Hausärzte werden die Projekte positiv bewertet: Dr. Thomas Maurer vom Hausärzteverband sagte:  "Wir  setzen diese Projekte um, weil sie unsere tägliche Arbeit erleichtern und die  unmittelbare Patientenversorgung unterstützen können. Nur so macht Telemedizin für uns Hausärzte Sinn."

Hintergrund

Insgesamt sollen zunächst sieben Videotelefonie-Systeme in Schleswig-Holstein im Rahmen des Projektes zum Einsatz kommen. Diese sollen in folgenden Hausarztpraxen verwendet werden: Hausärztegemeinschaft Großhansdorf, Praxis Dr. Maurer & Kollegen, Praxis Pellworm, Ärztezentrum Büsum, Hausarztpraxis im Hafenhaus Travemünde. In allen Praxen kann dann die fachärztliche Expertise des Augenarztzentrums am Standort in Rendsburg sowie in Tellingstedt voraussichtlich ab September genutzt werden. Der Telematik-Rucksack wird in den teilnehmenden Hausarztpraxen verfügbar sein.

Jana WaltherReferentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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