Digitalisierung und fairer Wettbewerb - die größten Baustellen im Gesundheitswesen

Standpunkt von Jörn Simon, Leiter der TK-Landesvertretung

In den USA würde Präsident Donald Trump dem Gesundheitssystem "Obamacare" gerne den Todesstoß versetzen. Für Millionen Menschen bedeutete dies, dass sie sich in Zukunft eine ärztliche Versorgung nicht mehr leisten könnten. Auch in europäischen Ländern wie Bulgarien, Albanien oder Griechenland ist der Zugang zum Gesundheitssystem für ärmere Schichten schwierig. Wir hingegen können uns in Deutschland glücklich schätzen, dass wir ein funktionierendes Gesundheitssystem haben - auch wenn es viele Baustellen gibt.

 

Digitalisierung: Wir verschlafen unsere Chancen

Eine Großbaustelle ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen: Derzeit droht die GKV viele Chancen zu verschlafen. Deswegen ist meine Erwartung an die künftige Bundesregierung, dass dieses Schlüsselthema mit mehr Tempo angegangen wird. Es ist wichtig, dass wir in Deutschland die Möglichkeiten von digitalen Entwicklungen nutzen. Wenn wir es nicht tun, werden Google & Co. diese Rolle einnehmen. Die Unternehmen aus dem Silicon Valley stehen schon heute in den Startlöchern. Künstliche Intelligenzen wie DeepMind von Google können heute schon riesige Datenmengen auswerten. Perspektivisch werden die Supercomputer in der Lage sein, treffsicher Diagnosen und Therapien zu errechnen.

 

Das Datenroulette dreht sich

Überhaupt wird sich in Zukunft vieles noch mehr um Daten drehen. Entscheidend ist aber, wo die Daten der Versicherten gesammelt werden. Wollen wir unsere sensiblen Gesundheitsdaten auf Servern amerikanischer Datenkraken abgespeichert wissen? Wir alle wollen unsere Angaben in sicheren Händen wissen. Und wir wollen selber darüber bestimmen - wer sie sehen darf und was davon. Dieses Verständnis haben wir auch als TK. Deswegen entwickeln wir gerade gemeinsam mit IBM Deutschland eine elektronische Gesundheitsakte, bei der alleine der Versicherte Herr seiner Daten ist. Versicherte, die dieses Angebot nutzen wollen, können dort ihre Krankheitsgeschichte, Diagnosen und Untersuchungsergebnisse sichern. Das wäre ein großer Schritt nach vorne in Punkto Datensicherheit, denn heute werden immer noch viele sensible Gesundheitsdaten unverschlüsselt per Fax, Mail oder auf dem Papier versandt. Wir sind der Meinung, dass alle Krankenkassen von der Politik verpflichtet werden sollten, ihren Versicherten eine solche Akte anzubieten. Denn nur dann kann die Vernetzung im Gesundheitswesen funktionieren. Insellösungen werden auf Dauer nicht überlebensfähig sein.

 

Datenschutz durch sichere Authentifizierung

Damit Versicherte auch im Gesundheitswesen sicher, aber modern kommunizieren können, schlägt die TK die Nutzung einer digitalen Signatur vor, wie sie heute schon Standard in vielen Lebensbereichen ist. Analog zu den verbreiteten Authentifizierungsverfahren im Handel oder beim Bankgeschäft sollten sich Krankenkassen die Identität der Versicherten außer durch die elektronisch Gesundheitskarte auch durch die Kombination der Faktoren Wissen (beispielsweise einer PIN oder eines Passworts), Besitz (z.B. eines mobilen Endgeräts) oder Biometrie (z.B. Fingerabdruck) nachweisen lassen dürfen. Dies ist heute noch nicht möglich, da es im Gesetz nicht vorgesehen ist.

 

Apps: Staffelung nach Risikoklassen notwendig

Änderungen braucht es auch bei der Zulassung von Gesundheits-Apps. Hier fehlt es noch an klaren Rahmenbedingungen für die Zulassung und Erstattungsmöglichkeit der Anwendungen, ebenso an definierten Qualitätsstandards. So wird eine Staffelung nach Risikoklassen benötigt, die berücksichtigt, ob es sich bei der App beispielsweise um eine reine Patienteninformation handelt oder etwa eine digitale Anwendung, die eine Behandlung unterstützt. Die TK fordert zudem, dass der Zugang von Apps in die Gesundheitsversorgung über Selektivverträge erleichtert wird. Selbstverständlich muss hierzu die Sicherheit und Wirksamkeit nachgewiesen werden.

 

Morbi-RSA bringt Krankenkassen-Finanzen in Schieflage

Eine weitere Baustelle, die dringend angegangen werden muss, ist der Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen. Ursprünglich sollte der Morbi-RSA (morbiditätsorientierter Risikostrukturausgleich) für mehr Gerechtigkeit unter den Kassen sorgen. Doch dessen Ausgestaltung hat dazu geführt, dass es zu einer extremen Schieflage im Wettbewerb gekommen ist. Einige Kassen erhalten mehr Geld als sie brauchen, viele andere verzeichnen eine starke Unterdeckung ihrer Leistungsausgaben. Der Grund: Da es seit Einführung der Morbiditätsorientierung für 80 Diagnosen eine höhere Zuweisung aus dem Gesundheitsfonds gibt, haben einige Kassen schnell reagiert und die Kodierung der Ärzte unter die Lupe genommen. Sie konnten so erreichen, dass genauer kodiert wurde (Right-Coding) oder sogar die Patienten auf dem Papier kränker dargestellt wurden, als sie eigentlich waren (Up-Coding). Folglich erhielten diese Kassen mehr Stücke vom insgesamt gleich großen Geld-Kuchen.

 

Ungeeignete Beratungsvorlage des wissenschaftlichen Beirats

Jetzt hat der wissenschaftliche Beirat ein Sondergutachten vorgelegt, wie seiner Ansicht nach der Morbi-RSA manipulationssicherer werden soll. Die Gutachter votierten für ein Vollmodell bei der Krankheitsauswahl. Somit sollen statt der bisherigen 80 Erkrankungen alle Krankheiten für die Berechnungen des Ausgleichs in die Waagschale geworfen werden. Nach unserer Ansicht würde dies die Manipulationsanfälligkeit weiter erhöhen und zu noch mehr Wettbewerbsverzerrung führen. Der Vorschlag widerspricht aus Sicht der TK eklatant den politischen Zielsetzungen und Bestrebungen, den Morbi-RSA auf eine manipulationssichere Basis zu stellen. Der Beirat, dessen Vorsitzender selbst bei der Entwicklung des Morbi-RSA federführend war, hat den Politikern in Berlin somit eine Beratungsvorlage für die Koalitionsverhandlungen vorgelegt, die ungeeignet ist, die Schieflage durch den Morbi-RSA zu beseitigen.