"Behandele Deinen Patienten wie Dich selbst"

Im Interview: Dr. med. Cem Özbek, Chefarzt der Kardiologie und Angiologie und Ärztlicher Direktor, sowie Prof. Dr. med. Ralf Seipelt, Chefarzt der Herz- und Thoraxchirurgie

 

 

TK spezial Saarland: Das HerzZentrum Saar feiert seinen fünfundzwanzigjährigen Geburtstag. Das ist ein Datum, an dem man gerne auch einmal zurückblickt. Was ist für Sie aus dieser Zeit besonders erwähnenswert?

 

Dr. Özbek: Das HerzZentrum Saar hat sich in den zurückliegenden Jahren auch weit über das Saarland hinaus einen sehr guten Ruf erworben. Wir halten die modernsten Diagnose- und Behandlungsverfahren für unsere Patienten vor und zählen z.B. auf dem Gebiet der kathetergestützten Behandlungen von Herzerkrankungen zu den erfahrensten Zentren in Deutschland.

Dr. med. Cem ÖzbekDr. med. Cem Özbek
 

 

Das ist ein gemeinsamer Erfolg aller. Zum einen arbeiten hier exzellente Ärzte und Pflegekräfte, zum anderen ist die Zusammenarbeit zwischen Kardiologen und Herzchirurgen sehr eng und ergänzt sich. Im Bereich der Herz- und Thoraxchirurgie kann Prof. Seipelt exzellente Operationserfolge verzeichnen. Mit seinem Team führt er vielfältige und komplizierte Operationen und Therapien durch.

 

Gemäß dem Leitspruch der Saarland Heilstätten "Geborgenheit durch Kompetenz und Freundlichkeit", steht für uns bei all unserem Tun und Handeln der Patient stets im Mittelpunkt. Wir halten uns an die Leitlinien der  internationalen Fachgesellschaften für Kardiologie; entsprechendes gilt auch in der Herzchirurgie. Aber für jeden Patienten erstellen wir dennoch einen auf seine spezielle Erkrankung, auf seine speziellen Bedürfnisse individuell abgestimmten Diagnose- und Behandlungsplan. Nur so ist es möglich unserem Leitspruch "Behandele Deinen Patienten wie Dich selbst" gerecht zu werden.

 

TK spezial Saarland: Herr Prof. Seipelt, Sie waren lange Jahre an renommierten universitären Herzkliniken tätig. Wie beurteilen Sie hiernach die Entwicklung des HerzZentrums Saar, das ja mittlerweile das größte derartige Zentrum im Südwesten mit einem breiten Angebot an Leistungen ist?

Prof. Dr. med. Ralf SeipeltProf. Dr. med. Ralf Seipelt
 

Prof. Seipelt: Vor 25 Jahren gab es nicht viele Krankenhäuser, die über eine explizite und verflochtene Kooperation zwischen den Abteilungen Kardiologie und Herzchirurgie zur optimalen Patientenversorgung verfügten. Ein solches Herzzentrum zum damaligen Zeitpunkt zu gründen, war sehr mutig und die SHG Kliniken nahmen damit eine Vorreiterrolle ein. Noch im Jahre 2016 erleben wir an manchen deutschen Universitätskliniken die Gründung eines neuen Herzzentrums.

 

Der Zentrumsgedanke wird in Völklingen intensiv gelebt. Ich schätze hier die im Vergleich zu einer Universitätsklinik klaren Strukturen und Zuständigkeiten. Die enge Zusammenarbeit von Herzspezialisten bündelt die medizinische Kompetenz zum Wohle des Patienten und versetzt das Krankenhaus wirtschaftlich in die Lage, in die neuesten Techniken zu investieren. Hinzu kommt die gute Zusammenarbeit mit Krankenkassen, wie der Techniker Krankenkasse in Form einer „Integrierten Versorgung“. Dies kommt jedem einzelnen Patienten zu Gute.

 

TK spezial Saarland: Gerade bei der Behandlung von Herzkrankheiten - bei deren Häufigkeit das Saarland im Bundesländervergleich nach wie vor in der Spitzengruppe liegt - haben sich die technischen Möglichkeiten enorm verbessert. Inwieweit steht Ihr Haus für Spitzenmedizin?

 

Dr. Özbek: Hier im Saarland Spitzenmedizin für die Patienten anzubieten - das ist unser Anspruch. Dafür steht das HerzZentrum Saar, dafür evaluieren wir ständig unsere Verfahren und implementieren neue Technologien. Nennen möchte ich an allererster Stelle die Untersuchung mit Kathetern, die über die Arm- oder Beingefäße ins Herz vorgeschoben werden, die Herzkatheterisierung. Die neueste Technologie, die wir in Völklingen in mittlerweile sechs Herzkatheterlaboratorien einsetzen, setzt Maßstäbe. Herzschrittmachersektion, EPU-Bereich und interventionelle Angiologie verfügen jeweils über einen eigenen Katheterraum mit monoplanen Anlagen.

 

Die weiteren Anlagen für die Herzkathetereingriffe sind allesamt biplan, Alle Anlagen sind in sogenannten Hybridsälen untergebracht - in diesen Sälen können, falls erforderlich, sogar Herzoperationen durchgeführt werden. Zur technischen Ausstattung der Herzkatheterlabore gehören eine volldigitale Bildverarbeitung und eine spezielle Technologie die die Strahlenbelastung auf ein Drittel vermindert. Spezielle Ultraschalluntersuchungen der Herzkranzgefäße von innen (IVUS und FFR) sind ebenso möglich.

 

Mit einer ganz neuen Technologie konnten wir die Druckmessung in den Lungengefäßen in die Versorgung einführen. Die Einbringung von Sensoren in die Lungengefäße dient dazu, Patienten mit chronischer Herzschwäche dauerhaft zu überwachen und vor allem eine Verschlechterung des Herzens viel früher als bisher zu erkennen.

 

Vervollständigt wird das diagnostische Spektrum der Kardiologie durch hochmoderne Echokardiographie-Geräte, einschließlich dreidimensionaler Darstellung des Herzens in Echtzeit. Zusammengefasst bedeutet dies: Unsere Geräte erlauben es uns, das Herz während der Untersuchung aus zwei und sogar drei Perspektiven darzustellen und zu beobachten. Das ist besonders hilfreich bei Eingriffen in den Herzgefäßen, wenn man beispielsweise den Ballon an eine bestimmte Stelle im Gefäßraum dirigieren oder komplett verschlossene Gefäße eröffnen möchte. Diese aufwendige Technologie wird aber insbesondere benötigt bei kathetergestützten Herzklappeneingriffen.

 

TK spezial Saarland: Über welche innovativen Techniken können Sie, Herr Prof. Seipelt, aus der Herzchirurgie berichten?

 

Prof. Seipelt: Im HerzZentrum kommt allen Patienten die modernste Technik zu Gute. Die SHG-Klinik Völklingen war eine der ersten Kliniken, in der ein "Herzlaser" zur Verfügung stand, um Patienten, denen mit einer Bypassoperationen nicht ausreichend geholfen werden konnte, eine weitere Option zu bieten. Heute operiert die Klinik in vier hochmodernen Operationssälen, einer in Form eines Hybrid-Operationssaales mit voll ausgestatteter Angiographieanlage.

 

In diesem Hybrid-Operationssaal können die Vorteile der Operation mit den Vorzügen der interventionellen Therapieverfahren kombiniert werden. Hier werden in enger Zusammenarbeit TAVI Prozeduren durchgeführt. Dieser Hybrid-Operationssaal wird auch durch die Klinik für Gefäßchirurgie und die Sektion Angiologie der Abteilung Kardiologie genutzt. Alle OP-Säle sind mit den neuesten Beatmungs- und TEE-Geräten ausgerüstet. "Auf dem neuesten Stand sein und bleiben" das ist der Leitgedanke, den wir hierbei gemeinsam mit der Verwaltung verfolgen.

 

Das HerzZentrum Saar verfügt außerdem über vier Herz-Lungenmaschinen mit Wärmeaustauschern der neuesten Generation. Weiterhin stehen drei ECMO/ECLS Konsolen zum Einsatz bereit. Ein Gerät ist ein transportables Herzunterstützungssystem (ECLS/ECMO), das es uns ermöglicht, kritisch kranke Patienten aus externen Krankenhäusern zu uns zu transportieren und einer lebensrettenden Operation oder Intervention zuzuführen. Mit diesem System können auch Patienten, die eine lebensbedrohliche Erkrankung der Lunge haben, behandelt werden.

 

Durch den 3D-Videoturm können wir minimal-invasive Mitralklappenoperationen (sog. Schlüssellochoperationen) durchführen. Diese Operationstechnik ist mittlerweile bei uns Standard für Operationen an der Mitralklappe geworden. Seit Beginn des Programms hat sich die Zahl der Eingriffe mehr als verdoppelt und zeichnet sich durch eine sehr hohe Erfolgsrate und äußerst zufriedene Patienten aus. Dadurch, dass bei dieser Art der Operation das Brustbein intakt bleibt, ist die anschließende Erholung für den Patienten viel schonender und deutlich beschleunigt.

 

TK spezial Saarland: Dr. Özbek, Sie selbst arbeiten seit fast 35 Jahren als Herzspezialist. Wenn Sie die Zeit Revue passieren lassen sind die Entwicklungen in der Herzmedizin schon enorm? Wie erleben Sie das?

 

Dr. Özbek: Die Fortschritte gerade im kardiovaskulären Bereich sind selbst für mich unglaublich. So nimmt die Lebenserwartung in Deutschland pro Jahr um drei Monate zu. Zu 75 Prozent ist diese Verbesserung auf die Errungenschaften der kardiovaskulären Medizin in den letzten Jahren zurückzuführen. Das sind die Behandlung des akuten Infarktes, die Behandlung von Herzrhythmusstörungen und der Herzschwäche sowie all die präventiven Maßnahmen.

 

Mich freut es besonders, dass viele Patienten nach ihrer Behandlung bei uns eine gute Lebensqualität und Lebensperspektive haben. Es bleibt für uns Kardiologen jedoch die große Herausforderung, auch diejenigen Patienten zu identifizieren, die ein hohes Risiko für einen Infarkt haben oder bereits am Herzen erkrankt sind, ohne das zu wissen.

 

TK spezial Saarland: Wie sehen Ihre Mitarbeiter die Situation des HerzZentrums? Im Saarland mit seiner dichten Klinikstruktur diskutieren wir seit langem darüber, ob komplexe Behandlungen nicht besser in spezialisierten Einrichtungen und damit mit größerer Routine durchgeführt werden sollen. Was können Sie dazu sagen?

 

Prof. Seipelt: Unsere Mitarbeiter sind stolz, hier zu arbeiten. Das kommt von dem guten Ruf, den wir uns über die Jahre erarbeitet haben. Aber unsere Mitarbeiter werden mit einer zunehmenden Arbeitsverdichtung konfrontiert. Das liegt zum einen an Wirtschaftlichkeitsgeboten, zum anderen auch am Fachkräftemangel. Umso mehr schätzen wir, dass wir von den Patienten durchweg positive Rückmeldungen über die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des gesamten Personals bekommen.

 

Dies funktioniert nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Im Bereich der Herzmedizin gibt es eine Entwicklung zur Spezialisierung. Wir haben bestimmte Teams, die hochspezialisierte Eingriffe vorrangig durchführen. Wir legen großen Wert darauf, unsere Mitarbeiter kontinuierlich weiterzubilden. Die Spezialisierung ist dabei wichtig, um die zunehmend komplexeren Eingriffe sicher durchführen zu können. Genauso wichtig ist es, eine gewisse Anzahl von Operationen durchzuführen (Mindestmenge), um die hohe Qualität aufrecht zu erhalten. Das Saarland ist mit zwei herzchirurgischen Kliniken sehr gut aufgestellt und gewährleistet eine flächendeckende Versorgung.

 

Dr. Özbek: Ich kann Prof Seipelt nur zustimmen. Aber auch in der Kardiologie gibt es Spezialisten für Herzrhythmusstörungen, für Herzkatheter, für Herzschrittmacher, für Ultraschall und für die Intensivmedizin - um nur einige zu nennen. Das komplette Personal in unserem Krankenhaus ist sich der besonderen Aufgabe des HerzZentrums bewusst. Ich bin für das, was unsere Mitarbeiter Tag für Tag leisten, sehr dankbar.95% unserer Mitarbeiter würden das HerzZentrum ihrer Familie oder Freunden weiterempfehlen. In Deutschland liegt der Vergleichswert bei 75%. Ich glaube, das verdeutlicht vieles.

 

TK spezial Saarland: Wenn Sie 25 Jahre weiterdenken, wo sehen Sie dann das HerzZentrum Saar? Welche Chancen sehen Sie hierbei auch für eine stärkere Nutzung der digitalen Möglichkeiten im Gesundheitswesen, für die sich zum Beispiel die TK auch stark engagiert.

 

Dr. Özbek: Unsere Vision ist es, uns deutschlandweit unter den besten Zentren für Herzmedizin fest zu etablieren und im Bereich der Krankenversorgung neue Maßstäbe zu setzen. Deshalb durchlaufen wir einen permanenten Prozess der Optimierung und adaptieren in enger Rückkopplung mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen innovative Diagnose- und Therapie-Konzepte.

 

Dabei spielen die digitalen Möglichkeiten eine herausragende Rolle, sei es im Sinne von Datenübermittlung zwischen Kompetenzzentren, sei es zur Übermittlung von umfangreichen radiologischen Daten, sei es zur Überwachung von Ad-Hoc-Patientendaten im Rahmen der Telemedizin. Darüber hinaus sind wir auch dabei, ein Online-Einweiserportal zu etablieren. Die Richtung geht von einem Krankenhaus 3.0  zu einem Krankenhaus 4.0.

 

Dabei liegt es uns im Hinblick auf den informierten und selbstbestimmten Patienten auch am Herzen, dass er sich nicht nur einer technisierten und digitalisierten Medizin gegenübersieht. Ihm soll ein zunehmendes Wissen um sein Herz und dessen Erkrankungen vermittelt werden. Gerade bei der Erstellung von Filmen über wichtige Herzthemen sind die Ärzte in meiner Abteilung sehr aktiv. So gibt es bereits das Portal „Herzgesund“, wo sich Laien im Internet wichtige Themen rund um das Herz anschauen können.

 

Prof. Seipelt: Auf eine exzellente und effiziente Krankenversorgung mit regionaler und überregionaler Strahlkraft richtet sich unsere ganze Energie. Herzmedizin ist in all ihren Facetten sehr vielschichtig geworden und verlangt zunehmend Spezialwissen. Genau hier wollen wir ansetzten und weitere Spezialisierungen herausarbeiten. Für jeden Patienten möchte ich den kleinstmöglichen Eingriff mit größter Sicherheit und bestem Langzeiterfolg anbieten. Bei der Herzinsuffizienz wird es enorme Veränderungen geben. Die Zahl dieser Patienten nimmt stetig zu. Dieser Herausforderung werden wir uns durch Implementierung neuer Behandlungsformen, wie z.B. einem Kunstherz-Programm, stellen.  

Nach meiner persönlichen Vision wäre es fantastisch, wenn wir an dieser Stelle den europäischen Gedanken in ein Herzzentrum SaarLorLux übersetzen.

 

TK spezial Saarland: Herzlichen Dank für das Interview!

 

Dr. Cem Özbek

Dr. med. Özbek ist Chefarzt der Kardiologie und Angiologie und Ärztlicher Direktor der SHG-Kliniken Völklingen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Nach dem Medizinstudium absolvierte er Weiterbildungen zum Facharzt für Kardiologie, für Angiologie und in Intensivmedizin an der Medizinischen Universitätsklinik und Poliklinik Homburg/Saar. 1993 wird er zuständiger Oberarzt der Herzkatheterlaboratorien der Universitätskliniken und ist ab 1997 Chefarzt der Medizinischen Klinik I, Abteilung für Kardiologie und Angiologie der SHG-Kliniken Völklingen.

 

Prof. Dr. med. Ralf Seipelt

Professor Dr. Ralf Seipelt ist Chefarzt der Herz- und  Thoraxchirurgie im Herzzentrum Saar der SHG-Kliniken Völklingen. Prof. Seipelt ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der gebürtige Münsterländer war nach Medizinstudium und Facharztausbildung am Klinikum der RWTH Aachen zunächst an der Northwestern University in Chicago und anschließend als leitender Oberarzt an der Göttinger Universitätsklinik tätig. Hier habilitierte er sich im Jahr 2006 im Fach Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie an der Georg-Augusta Universität Göttingen. Neben der Herzchirurgie legte er die Facharztprüfungen für die Thoraxchirurgie, die Gefäßchirurgie und die spezielle herzchirurgische Intensivmedizin ab. Zu seinen Schwerpunkten zählen minimal-invasive Herzklappenoperationen (incl. TAVI),  endoskopische Mitralklappenrekonstruktionen (MIC) und aortokoronare Bypassoperationen bei diffuser koronarer Herzerkrankung. In der Thoraxchirurgie bilden Lungenkrebserkrankungen und videoassistierte Eingriffe den Schwerpunkt.

 

Weitere Artikel aus "Herausragende Medizin im Land"