Gesundheitspolitische Jahrestagung der TK

Immer mehr Menschen gehen direkt in die Notfallambulanz des nächsten Krankenhauses oder rufen sofort den Rettungswagen unter der Notrufnummer 112. Viele wissen gar nicht, dass es eine gute ambulante Notfallversorgung der Ärzte unter der Rufnummer 116 117 gibt. Dies führt zu kostenträchtiger Überversorgung und Arbeitsüberlastung der Ärzte und Krankenpfleger in den Ambulanzen der Kliniken, die auf den Ansturm gar nicht oder unzureichend eingestellt sind.

Rund 120 Gäste kamen zur gesundheitspolitischen Jahrestagung der TK zum Thema "Integrierte Notfallversorgung". Foto: Kloodt

Wie kommen Patienten an die richtige, persönlich angemessene Behandlung, ohne lange Wartezeiten, Doppelbefundungen und personelle Überlastung in den Notfallambulanzen? Wie sehen die Zukunftskonzepte für eine integrierte Notfallversorgung in Deutschland aus? Mit diesen Fragen beschäftigten sich vor 120 Teilnehmern Vertreter von Krankenhäusern, Kassenärzten und Rettungsdiensten sowie das Gesundheitsministerium und die TK. Gleichzeitig präsentierten sie ihre Lösungsansätze. Wichtig war dabei auch die Sicht der Patienten, die mit plastischen Einzelberichten vorgetragen wurde. Als Fazit der diesjährigen gesundheitspolitischen Jahrestagung der TK wurde klar: die Notfallversorgung wird revolutionäre Umbrüche erleben, um besser und integrativer zu arbeiten.

 

Überlastete Notfallambulanzen

Gastgeber Dr. Johann Brunkhorst, Leiter der TK-Landesvertretung in Schleswig-Holstein, betonte die Dringlichkeit einer koordinierten Notfallversorgung. "Es ist leider so, dass weite Teile der Bevölkerung die Rufnummer 116 117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes nicht kennen. Viele wählen sofort die 112, auch wenn sie keinen akuten Notfall haben oder steuern direkt die Notaufnahme an. Diese Fälle sind bei einem gut ausgebildeten Allgemeinarzt besser aufgehoben, eine qualifizierte Erstaufnahme muss den Weg zur angemessenen Versorgung ebnen."

 

Jahresempfang 2016 der TK-Landesvertretung Schleswig-HolsteinAbschlussdiskussion der Tagung. Foto: Kloodt Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP) sprach sich in der Begrüßungsrede für eine intelligentere Patientensteuerung in der Notfallversorgung aus: "Der Patient muss an die Hand genommen werden. Zurzeit herrschen unklare Zuständigkeiten und fehlendes Wissen. Dies bekommt vor allem das ärztliche und pflegerische Personal bitter zu spüren." Garg schlug als Lösungsansatz die Schaffung von Portalpraxen vor: eine gemeinsame Anlaufstelle mit einer sinnvollen Triagierung. "Es funktioniert nur gemeinsam in einem verlässlichen Rechtsrahmen, den wir auf Bundesebene einfordern werden."


Bernhard Ziegler, Krankenhausdirektor des Klinikums Itzehoe, stellte das stetige Wachstum der Patientenfälle in der Notaufnahme dar, insbesondere zu den Tageszeiten, wo auch die ambulanten Praxen geöffnet sind. Er zeigte sich offen für weitgreifende Kooperationsformen in der Notfallversorgung. Diese Fehlsteuerung bestätigte auch Jan Osnabrügge, stellvertretender Geschäftsführer des Rettungsdienstes RKiSH. Die Erfahrung zeige, dass etwa 30 Prozent der Anrufer in die Klinik gefahren werden, obwohl keine stationäre Versorgung nötig war. Es sei allerdings rechtlich geboten, jeden ins Krankenhaus zu bringen, der dringend danach verlange. Sinnvoll wäre in vielen Fällen, eine medizinische Fachkraft vorauszuschicken, die die Notwendigkeit einer Einweisung qualifiziert beurteilen könne.

 

Ein-Tresen-Modell, Triagierung und Telemedizin

Jahresempfang 2017 der TK-Landesvertretung Schleswig-HolsteinDie Referenten und Diskutanten der diesjährigen Jahrestagung. Foto: KloodtDr. Petra Struve und Konstantinos Wensierski von der Imland Klinik in Rendsburg stellten die neue Kooperation zwischen Klinik und Kassenärztlicher Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) vor. Die Anlaufpraxis des ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist mit der klinischen Notaufnahme direkt personell verbunden worden. Diese wird von geschultem Personal betrieben, auch während der normalen Sprechstunden. Beide Seiten arbeiten im sogenannten "Ein-Tresen-Modell" zusammen und ordnen die Patienten entsprechend ihres Gesundheitsproblems adäquat zu.

 

Professor Siegfried Jedamzik, Gründer des Praxisnetz GO IN im bayerischen Ingolstadt erklärte, dass Patienten ihr gesundheitliches Befinden oft schlecht einschätzen können. Aus Angst werde vorsichthalber die Notaufnahme aufgesucht. Deutschland solle sich die Schweiz zum Vorbild nehmen. Dort werden Patienten bereits telefonisch vorberaten und dann auf den richtigen Behandlungspfand verwiesen. Dieses telemedizinische Modellprojekt werde derzeit auch in Ingolstadt erfolgreich durchgeführt.

 

Markus Koffner von der TK in Baden-Württemberg stellt als weiteres telemedizinisches Pilotprojekt "DocDirekt" der TK und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg vor. Dieses hat zum Ziel, flächendeckend Callcenter niedergelassener Ärzte einzurichten und wird Ende des Jahres seine Arbeit aufnehmen.

 

Analysen und Empfehlungen des SVR Gesundheit

Abschließend stellte Dr. Monika Schliffke, Vorstandsvorsitzende der KVSH, die aktuelle Expertise des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR Gesundheit) vor. Dieser spricht sich für eine gemeinsame Trägerschaft der Kliniken und Kassenärztlichen Vereinigungen in der ambulanten Notfallversorgung aus.


Als Fazit der intensiven Diskussion unter den beteiligten Fachleuten wurde konsentiert, dass eine gut integrierte Notfallversorgung mit einem neuen Finanzierungskonzept ganz oben auf die gesundheitspolitische Agenda der neuen Bundesregierung gehört. Die Akteure der Koalitionsverhandlungen, die nach der Wahl beginnen, sollten diese Einschätzung auf jeden Fall berücksichtigen.