Im Portrait: Viomedo

Viele Krankheiten können noch immer nicht gut behandelt oder sogar geheilt werden. Wie Gründer Stefan Nietert mit dem Start-up Viomedo betroffenen Patienten helfen will, erzählt er im Interview. Außerdem gibt er Tipps für eine erfolgreiche Gründung.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine seltene Fibrose, für die es keine Therapie gibt. Doch wie es der Zufall will, wird für diese Erkrankung gerade ein neues Medikament getestet. Alles wird gut? Schön wär's. Denn Sie wissen nichts von dieser Studie. Und das Pharmaunternehmen weiß nichts von Ihnen. Genau das will Viomedo ändern. Das Start-up betreibt ein Online-Portal, auf dem Patienten, ihre Angehörigen und die behandelnden Ärzte schnell und einfach Informationen zu klinischen Studien finden.

 

Herr Nietert, Ihre Idee klingt so naheliegend - man kann sich gar nicht vorstellen, dass es diesen Service vor Ihnen noch nicht gab.

Bisher gab es nur öffentliche Studienregister. Doch die richten sich nicht primär an Betroffene, sondern an Menschen mit medizinischer Ausbildung. Die Informationen sind nicht patientengerecht aufbereitet. Die Terminologie, die dort benutzt wird, überfordert die Patienten. Auch wir nutzen diese Informationen, aber formulieren sie patientengerecht um und reichern sie mit weiteren Daten an. So können Betroffene besser entscheiden, ob eine Studie die richtige für sie ist.

 

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Viomedo?

Den Bedarf für Viomedo hat mein Mitgründer Alexander Puschilov entdeckt. Vor Viomedo hat er an einer digitalen Therapie fürs Zähneknirschen gearbeitet. Um die Wirksamkeit nachzuweisen, sollte eine kleine klinischen Studie durchgeführt werden. Das ist dann daran gescheitert, dass für die Studie keine Patienten gefunden werden konnten. So wurde im Kleinen sichtbar, was auch die im großen Maßstab ein gravierendes Problem ist. Betroffene wissen sehr häufig gar nicht, dass es klinischen Studien gibt. Und auch die Studienbetreiber haben Probleme, Patienten zu finden. Wir sind davon überzeugt, dass jeder alle Optionen kennen sollte, wenn es um die eigene Gesundheit und die von Angehörigen und Freunden geht. So haben wir schnell entschieden, uns auf diese Problematik zu konzentrieren - darauf, Patienten einen einfachen Zugang zu klinischen Studien zu ermöglichen.

 

Was waren die größten Stolpersteine auf dem Weg zu Gründung?

Der größte Stolperstein war es zu Beginn, ein gutes Team zusammenzustellen; Menschen zu finden, denen ich von Anfang an vertraue, mit denen ich langfristig zusammenarbeiten und ein Unternehmen aufbauen kann. Das Gründerteam muss sich fachlich ergänzen, aber auch persönlich harmonieren, da wir sehr viel Zeit miteinander verbringen. Der eigene Partner sieht einen nicht selten weniger als der eigene Mitgründer.

 

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?

Zu Beginn haben wir uns sehr um öffentliche Fördergelder bemüht. Das hat extrem viel Zeit und Energie verschlungen. Gerade in der Anfangsphase hat uns das stark von den eigentlichen Themen abgelenkt. Rückblickend würden wir uns früher um andere Finanzierungsformen kümmern.

 

Wo haben Sie sich Rat und Unterstützung geholt?

Wir haben ein starkes Netzwerk - ich vor allem im technischen Bereich und Alexander Puschilov in der Start-up-Szene, da er von einer sehr gründungsnahen Universität, der WHU kommt. Darüber hinaus haben wir schon früh mit Experten gesprochen: einerseits mit Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen, aber andererseits auch mit den Betreibern der klinischen Studien wie zum Beispiel Pharmaunternehmen.

 

Was war bisher Ihr größter Erfolg?

Für mich ist es immer ein Erfolg, wenn sich ein Patient bei uns persönlich meldet, um sich zu bedanken. Das persönliche Feedback der Betroffenen ist das, was mich am meisten motiviert. Ansonsten gibt es in der Unternehmensgeschichte immer wieder Meilensteine wie zum Beispiel den Gewinn des Health-i-Awards. All diese Faktoren zeigen uns eigentlich täglich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

 

Wo sehen Sie Viomedo in der Zukunft?

In zehn Jahren wird sich Viomedo hoffentlich weit über die Grenzen Deutschlands als primäre Anlaufstelle für Patienten etabliert haben, die nach alternativen Behandlungsmethoden im Kontext von klinischen Studien suchen. Wir sind da auf einem sehr guten Weg, das umzusetzen.

 

Ist das Gesundheitswesen ein besonders schweres Terrain für Existenzgründer?

Grundsätzlich wird der Gesundheitssektor strenger reguliert als andere Bereiche. Es geht um Patientendaten. Es geht um die Gesundheit eines Menschen. Man sollte wissen, welche gesetzlichen Regelungen das eigene Unternehmen betreffen und sich im Zweifel auch Hilfe holen, um das einschätzen zu können. Uns betreffen viele Regulierungen nicht, weil wir z.B. keine medizinischen Geräte entwickeln und selbst keine klinischen Studien durchführen.

 

Wie geht man idealerweise vor, wenn man eine Gründungsidee hat?

Wenn man noch nie gegründet hat, geht man im Idealfall auf Menschen zu, die schon einmal gegründet haben und profitiert von deren Erfahrung. Es gibt auch Gründungsinitiativen an Universitäten, Programme die eine Gründung begleiten und vor allem in Berlin eine sehr ausgeprägte Meet-up-Kultur zu allen möglichen Themen rund ums Gründen. Ich habe bereits vor Viomedo in Start-ups gearbeitet und mir so mein Netzwerk im Gründungsumfeld aufgebaut. Darüber habe ich dann auch meinen Mitgründer kennengelernt.

 

Wie überzeugt man Investoren?

Mit einem guten Team und einer guten Idee. Investoren sehen es auch gerne, wenn die Idee im Markt bereits validiert ist und schon erste Kunden hat. Alles was man in die Waagschale legen kann, sollte man auch definitiv hineinlegen. Nur ein Excel-Sheet und ein Pitch-Deck einzureichen, ist jedoch nicht genug. Man muss auch andere für seine Idee begeistern können. Am Ende sind Investoren auch nur Menschen, die sich entweder emotional abgeholt fühlen oder nicht. Herz und Kopf müssen passen.

 

Welchen Tipp würden Sie anderen Gründern mit auf den Weg geben?

Gehen Sie mit der eigenen Idee raus. Tüfteln Sie nicht zu lange. Veröffentlichen Sie lieber eine Version, die nur zu 80 Prozent abgeschlossen ist, aber gut funktioniert und sammeln Sie dann schnell Feedback, setzen Sie es um und lernen Sie daraus. Des Weiteren sollten sich Gründer darauf einstellen, dass es teilweise lange dauern kann, gute Mitarbeiter zu finden. Gerade die ersten Mitarbeiter haben einen so großen Effekt auf das Unternehmen, dass sie gut ausgewählt sein wollen. Das kostet richtig viel Zeit, ist aber eine der wichtigsten Aufgaben eines Gründers.

 

Welche Eigenschaften sollten Gründer unbedingt mitbringen?

Eine der wesentlichen Eigenschaften ist Beharrlichkeit. Denn es gibt immer wieder mal Rückschläge. Die muss man pragmatisch sehen, so sehr es auch schmerzt. Wenn der emotionale Moment verzogen ist, sollte man es ganz nüchtern als Lehre sehen und weiter machen.