Thomas Ballast zum Masterplan Pflege im Interview

Um einen Pflegenotstand in der Pflege abzuwenden, schlägt die TK einen "Masterplan Pflegeberufe" vor. Mittels gezielter Maßnahmen soll die Attraktivität des Berufsbilds gesteigert werden. Außerdem will die TK pflegende Angehörige entlasten, indem sie mittels Smart-Home-Lösungen unterstützt werden.

 

"Pflegeberufe müssen finanziell und inhaltlich Perspektiven bieten"

Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK, zum Masterplan Pflege mit "Monitor Pflege" im Interview.

 

Die Techniker Krankenkasse hat Anfang November einen „Masterplan Pflege“ ins Spiel gebracht. Welche Defizite im Berufsfeld der Pflege haben die TK veranlasst, einen solchen Plan zu entwickeln?

 

Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TKThomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK.Für uns als TK zählt, dass unsere Versicherten - sowohl im Krankenhaus als auch im Bereich der Pflegeversicherung - gut versorgt sind. Doch schon heute stehen dem Arbeitsmarkt in beiden Bereichen zu wenig professionelle Kräfte zur Verfügung, obwohl wir mehr Pflegekräfte als jemals zuvor haben. Im Bereich der Altenpflege kommt eine demografische Situation hinzu, die perspektivisch mehr Pflege notwendig macht.

 

In der bisherigen Debatte lag der Fokus vor allem auf Berufseinsteigern. Und der Frage, wie es gelingen kann, mehr Pflegekräfte auszubilden - sowohl für die Kranken- als auch für die Altenpflege. Dieser Aspekt ist wichtig, wird allerdings erst auf lange Sicht Ergebnisse bringen. Schon heute ist aber die Verweildauer in Pflegeberufen im Schnitt recht kurz: Für Altenpfleger sind es gerade mal 8,4 Jahre. Viele kehren der Arbeit "am Bett" also den Rücken, weil die Berufe nicht attraktiv genug sind. Hier müssen wir Potenziale heben.

 

Welche Kernziele sollen mithilfe des Masterplans erreicht werden?


Der Verbleib im Pflegeberuf muss grundsätzlich attraktiver werden - vor allem für diejenigen, die bereits ausgebildet sind. Fachkräfte sollen länger in ihrem Beruf arbeiten können, häufiger in Vollzeit tätig sein und nach einem Ausstieg wieder zurückkommen wollen. Das lässt sich nicht mit unkoordinierten Einzelmaßnahmen erreichen. In einen "Masterplan Pflegeberufe", wie wir ihn fordern, müssen deshalb alle relevanten Akteure eingebunden werden: von den öffentlichen und privaten Kostenträgen bis hin zu Kommunen und Tarifpartnern.

 

In Bezug auf die Berufs-Rückkehrer fordern Sie „attraktive Angebote“. Wie können diese aussehen?


Pflegeberufe müssen finanziell und inhaltlich Perspektiven bieten, und das in den verschiedenen Lebensabschnitten. Dazu gehört auch die Entwicklung von Angeboten für Rückkehrer, die gemeinsam mit den relevanten Akteuren entstehen müssen. Denkbar sind beispielsweise familienkonforme Angebote wie die Unterstützung bei der Kinderbetreuung oder Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die Rückkehrer fachlich wieder fit machen. Hinzu kommen gezielte Präventionsangebote, wo wir als Krankenkasse ganz konkrete Expertise beisteuern können.

 

Die Entlastung pflegender Angehöriger steht auch auf der Agenda. Sie räumen dabei den Smart-Home-Lösungen einen besonderen Stellenwert ein und fordern deren Aufnahme in den Leistungskatalog der Pflegeversicherung. In welchem Maße sind technische Assistenzsysteme qualitativ und quantitativ vorhanden, dass eine Aufnahme in den Leistungskatalog gerechtfertigt ist?


Angehörige oder Nahestehende leisten immer noch den Löwenanteil in der Pflege - 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut. Gleichzeitig wirken sich gesellschaftliche Veränderungen auch auf die Pflege aus. Es gibt immer mehr Ein-Personen-Haushalte, denn erwachsene Kinder und Enkel wohnen oft weit weg von Eltern und Großeltern. Gleichzeitig wird es immer einfacher trotz dieser Distanzen zu kommunizieren, Kontakt zu halten und zu unterstützen. Diesem Wandel muss sich auch die Pflegeversicherung stellen. Technisch ist die Unterstützung der Autonomie zu Hause ebenso wie die Vernetzung längst möglich. Wir zeigen beispielsweise mit dem Projekt "NetzWerk GesundAktiv" in Hamburg, wie das funktionieren kann. Dabei erhalten die Teilnehmer ein leicht bedienbares Tablet. Die installierte Technik ermöglicht Hilfe bei Stürzen, aber auch die Steuerung von Licht und Rollläden, um etwa ein sicheres Aufstehen zu ermöglichen.

 

Bereits heute unterstützt die Pflegeversicherung "wohnumfeldverbessernde Maßnahmen". Die beschränken sich bislang allerdings auf analoge bauliche Eingriffe, wie den Umbau der Dusche. Auch Smart-Home-Lösungen können das Wohnumfeld verbessern und längere Selbständigkeit ermöglichen. Wenn die Politik diesen Anreiz setzt, würden entsprechende Angebote rasch anwachsen. Und: Wer dank Smart-Home länger zu Hause leben kann, erspart der Solidargemeinschaft Kosten für die Pflege im Heim.

 

Wie soll die Finanzierung der Maßnahmen erfolgen?


Die Pflege entwickelt sich mehr und mehr zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Deshalb müssen auch bei der Finanzierung alle Akteure an einen Tisch. Dazu gehören neben Kranken- bzw. Pflegekassen, auch der Bund, die Länder und Kommunen sowie die Tarifpartner. Die Bezahlung der Pflegekräfte in Pflegeeinrichtungen wird in der Regel unter den Tarifparteien vereinbart. Sie ist nicht Teil der Verhandlungen der Pflegesätze. Als Pflegekasse haben wir hier also keinen direkten Einfluss. Für uns ist dennoch wichtig, dass ein Mehr an Geld auch tatsächlich bei den Pflegenden ankommt.

 

Mit freundlicher Genehmigung von monitor-pflege.de.

Das Interview führte die Monitor Pflege Redakteurin Kerstin Müller. Erschienen im Dezember 2017.

 

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