"Der Arzt wird durch Projekte wie GlucoTab nicht überflüssig, sondern unterstützt"

Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach ist Präsident der Landesärztekammer Hessen. Im Interview mit TK spezial erläutert er, welche Vorteile ein System wie das GlucoTab für die medizinische Versorgung hat.

 

TK spezial: Was halten Sie vom Projekt GlucoTab des Uniklinikums Graz?

 

Dr. Gottfried von Knoblauch zu HatzbachDr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbachvon Knoblauch zu Hatzbach: Diabetes mellitus als eine weit verbreitete Stoffwechselerkrankung beeinflusst viele Erkrankungen und wird andererseits durch viele Erkrankungen beeinflusst. Notwendige Behandlungen nicht-diabetischer Erkrankungen wie z. B. chirurgische Eingriffe, medikamentöse Therapien oder auch die notwendige Nüchternheit vor Eingriffen und Wechselwirkungen mit indizierter Pharmakotherapie haben Auswirkungen auf den Zuckerstoffwechsel.

 

Ebenso hängen u. a. der Heilungsverlauf nach Operationen und der Verlauf einer Schwangerschaft von einer optimalen Einstellung des Zuckerstoffwechsels ab. Eine schlechte Blutzuckereinstellung ist assoziiert mit erhöhtem Infektrisiko, Komplikationen von Herzerkrankungen und erhöhter Sterblichkeit.

 

Mit GlucoTab bietet eine standardisierte Methode die Möglichkeit, alle relevanten patientenbezogenen Daten zu erfassen und mit hinterlegten Algorithmen zu verknüpfen. Daraus erfolgt ein individueller personalisierter Vorschlag der Insulindosis für den einzelnen Patienten. Bei der Visite wird die Therapie überprüft und die Tagesdosis angepasst.


GlucoTab als evidenzbasierte und leitlinienkonforme Entwicklung hilft damit Probleme zu vermindern, die aus individuellen Einschätzungen ärztlichen und medizinischen Personals sowie mehr oder weniger gut geschulter Patienten entstehen können. Die Evaluation der Anwendung von GlucoTab zeigt beim Einsatz sowohl auf der endokrinologischen als auch auf der cardiologischen Station eine deutlich verbesserte Blutzuckereinstellung im Vergleich mit der Standardbehandlung.

 

Zur Person

Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach wurde 1947 in Hameln/Weser geboren. Von 1969 bis 1974 studierte er Medizin an der Philipps-Universität Marburg. 1976 erhielt er seine Approbation. 1982 schloss von Knoblauch zu Hatzbach die Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin ab. Seit 1982 ist er in der ambulanten fachärztlichen internistischen Versorgung tätig. Darüber hinaus engagiert er sich ehrenamtlich in der Hospizarbeit. Seit 1996 ist von Knoblauch zu Hatzbach Delegierter der Landesärztekammer Hessen (LÄKH). Vom Jahr 2000 an ist er Mitglied des Präsidiums der LÄKH. 2008 übernahm er die Position des Präsidenten der LÄKH.

Die Behandlung von Diabetikern in den letzten Jahrzehnten zielte auf die Förderung der Selbstbestimmtheit der Patienten ab. Je besser Patienten informiert und angeleitet sind, desto besser können sie selbst mit ihrer Erkrankung umgehen. Mit GlucoTab gelingt ein wesentlicher Schritt, individuelle Einflüsse zu vermindern, wenn nicht gar zu verhindern. Patienten und Ärzte werden dadurch unterstützt und entlastet.

 

TK spezial: Wie sehen Sie das Projekt insbesondere in Bezug auf die Rolle des Arztes?

 

von Knoblauch zu Hatzbach:  Arzt und Patient bekommen Entscheidungshilfen. Nach dem Konzept wird im Klinikalltag nicht bei jeder Blutzuckerkontrolle ein Arzt eine neue aktuelle Entscheidung zur Insulingabe fällen müssen, zumal durch Dienste im Tages- oder Wochenablauf nicht immer dieselben Personen zuständig sind. Die tägliche Visite durch den mit der Methode vertrauten Arzt reicht für Therapieüberprüfung und Tagesdosisanpassung. Anzustreben ist, dass das Projekt bei Bewährung im stationären und ambulanten pflegerischen Bereich der allgemeinen ambulanten Versorgung zur Verfügung steht.

 

TK spezial: Auf was muss aus Sicht der Landesärztekammer Hessen bei der Umsetzung solcher und ähnlicher Projekte geachtet werden?

 

von Knoblauch zu Hatzbach: GlucoTab kann ein Vorreiter für die zukünftige Versorgung chronisch Kranker sein. Dieses und ähnliche Projekte sollten die Förderung der Patientensouveränität unter Sicherung ärztlicher Zuwendung bei gleichzeitiger Arztentlastung ermöglichen. Eines steht dabei jedoch fest: Der Arzt wird durch Projekte wie GlucoTab nicht überflüssig, sondern unterstützt.

 

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