"Das Spiel funktioniert nur, wenn das Zusammenspiel funktioniert."

Unternehmensberater Joachim Pawlik

Die Zukunft der Arbeit

Unternehmensberater Joachim Pawlik im Gespräch mit Marko Bösing.

Marko Bösing: Vielen Dank für die Einladung hier ans Millerntor. Ich freue mich sehr, mit einem erfahrenen Unternehmensberater und Vizepräsidenten „meines“ Sportvereins über das zu reden, was Arbeit in Zukunft ausmacht. Was hast Du aus dem sportlichen Engagement mitnehmen können für Deine Funktion als Unternehmensberater und als Chef Deiner eigenen Leute?

Joachim Pawlik: Ich berate ja Unternehmen dabei, wie sie sich entwickeln und wie sie lernen. Und im Sport läuft eben vieles anders: In einem Funktionsteam wirken knapp 15 Leute auf den Spieler ein und versuchen, ihn besser zu machen. Interessant ist, dass alle, die auf ihn einwirken, nach einem System arbeiten. Im beruflichen Alltag erlebe ich das anders. Da gibt es eine Top-Führungskraft, dann gibt es direkte Führungskräfte, die haben manchmal einen Coach an der Seite. So fokussiert eine Personalentwicklung zu betreiben ist ganz anders als im Sport. Da ist es eher ein systemisches, systematisches Vorgehen.

Marko Bösing: Also ähnliche Problemstellungen haben wir bei uns auch. Wie kommt man dazu, die Dinge voranzutreiben, möglichst ohne Hierarchien – das sind Fragen, die uns bewegen. Man braucht aber auch Orientierung. Und diesen Spagat gilt es, hinzubekommen.

Joachim Pawlik: Ich glaube, das ist einer der wesentlichen Faktoren, die wir miterleben. Man muss Sinn vermitteln. Ich bin da ganz bei Dir: Jeder hat grundsätzlich Lust auf Erfolg und ist eigentlich auch motiviert. Nur: Man muss auch wissen, welchen Beitrag man selbst leistet für das große Ganze.

Und das ist auch ganz entscheidend, wenn wir jetzt mal zehn Jahre nach vorne gucken und uns dabei die Generation vor Augen führen, die auf uns zukommt. Die fragt: „Was hab’ ich eigentlich davon, für Euch tätig zu sein?“ Und wenn man da keine konkrete Antwort hat, ist es schwer. Da erleben wir, dass dieses Sinn stiften elementar ist.

Marko Bösing: Ja, die Anforderungen an Führungskräfte sind massiv gewachsen, eben weil sie sich nicht mehr auf eine reine Hierarchielogik stützen können. Sie sind stark gefordert, auf die Situation des Mitarbeiters einzugehen. Und das Ziel zu fokussieren auf der einen Seite, aber auch Rücksicht zu nehmen auf der anderen: Dieser Spagat zwischen Fordern und Fördern ist immer sehr schwierig.

Joachim Pawlik: Ja, aber das kann man lernen, wenn man bereit ist, den Preis dafür zu bezahlen. Das hat mit Üben zu tun, sich selbst zu reflektieren und harte Wahrheiten zu akzeptieren. Führung hat ja kein Erkenntnisproblem, sondern da ist ein Umsetzungsproblem. Und wenn man heute immer sagt, dass Führung die Fähigkeit ist, Mitarbeiter zu motivieren und fragt dann mal eine Führungskraft: „Könnt ihr das?“ Ich hab’ nie erlebt, dass Leute sagen: „Nee, ich nicht.“

Marko Bösing: Viele haben Schwierigkeiten, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, also Defizite anzusprechen und aufzuarbeiten. Bis hin zu dem Punkt, jemandem klar zu sagen: Du bist kein Mittelstürmer. Du bist halt maximal ein Ergänzungsspieler, aber dafür brauchen wir Dich. Damit tun sich Führungskräfte und Mitarbeiter oft sehr schwer.

Joachim Pawlik: Es gibt diesen schönen Begriff der Fehlerkultur, einfach darzulegen, dass man irgendetwas nicht kann. Ich glaube, immer wenn Mitarbeiter oder Führungskräfte heute nicht sagen können, dass sie etwas nicht können, reflektieren sie nicht. Und deshalb liebe ich immer diese Frage, bei allen Mitarbeitern: Woran arbeitest du dieses Jahr eigentlich, dass du besser wirst? Und wenn er mir das nicht beantworten kann, weißt Du, macht er einen Fehler.

Marko Bösing: Das ist ein großer Punkt, das unterschreibe ich sofort. In unseren Auswahlprozessen ist das immer ein ganz großer Faktor, inwieweit jemand in der Lage ist, sich selbst ernsthaft zu reflektieren.

Joachim Pawlik: Weißt Du, Du erlebst das ja, dass Teams nicht immer nur erfolgreich sind, wenn sie eine Menge Geld für Spieler ausgeben. Sondern immer nur, wenn das Team funktioniert, wenn das Zusammenspiel funktioniert. Und wenn alle nach einer Philosophie versuchen, leidenschaftlich Fußball zu spielen.

Marko Bösing: Aber dann müssen sich ja auch Menschen finden, die sich das nicht nur auf das Papier schreiben, sondern das auch im Herzen tragen.

Joachim Pawlik: Das ist die große Kunst. Es gibt tatsächlich Leute, die glauben, dadurch, dass man Fußballer hoch bezahlt, können sie die Emotionen wegblocken. Das ist völliger Unsinn. Elementar ist vielmehr dieses Abholen und Berücksichtigen von Emotionen.

Marko Bösing: Ich glaube, was man für das normale Berufsleben wirklich vom Sport lernen kann, ist, wie wichtig es ist, dass die richtigen Leute am richtigen Platz sind. Wir fokussieren uns im Unternehmen gerade auf agiles Projektmanagement als Alternative zur Arbeit in klassischen Hierarchien...

 Unternehmensberater Joachim Pawlik im Gespräch mit Marko Bösing.


Joachim Pawlik: … der Weg geht da generell hin, das erlebe ich in vielen Diskussionen. Aber was vielen Unternehmen nicht klar ist, dass es einen kompletten Kulturwandel mit sich bringt und auch voraussetzt. Es ist eine ganze Denkweise, die sich bei Menschen verändern muss.

Marko Bösing: Wir erleben es zurzeit ganz stark, dass die Digitalisierung klassische administrative Aufgaben einfach wegspült. Und da wir als Unternehmen sehr nachhaltig und mit einer geringen Fluktuation unterwegs sind, stehen wir vor der Herausforderung, die Menschen für neue Aufgaben zu gewinnen, sie dafür zu motivieren und zu qualifizieren.

Joachim Pawlik: Danken das Euch Eure Mitarbeiter eigentlich? Denn es fordert ja auch eine Menge.

Marko Bösing: Also wir haben eine sehr, sehr hohe Identifikation mit dem Unternehmen, ja. Aber es ist nicht immer nur bequem. In den letzten 15 Jahren haben wir uns von einer Körperschaft zu einer unternehmerisch handelnden Einheit entwickelt. Und das geht die Belegschaft voll mit. Da sind wir wieder beim „Sinn stiften“.

Joachim Pawlik: Dass Euch das gelungen ist, ist ein großer Vorsprung für die Entwicklung, die in den nächsten Jahren kommt. Vor allem, wenn Ihr bei der Führungsleistung auch die Emotionen berücksichtigt. Du musst wertschätzend mit Leuten umgehen, damit sie wiederum wertschätzend bei Kunden sein können.

Marko Bösing: Die Arbeitswelt verändert sich massiv, da muss man auch andere Antworten drauf haben als das klassische Modell.

Joachim Pawlik: Absolut! Das wird auch ganz extrem. Denn es wird keiner mehr in Zehn-Jahres-Kategorien denken. Hier stellt sich dann auch schon die Frage, was das für das Lernen bedeutet. Man macht dann keine Drei-Jahres-Programme mehr – das wird sehr viel kleinteiliger sein. Und nicht mehr ausschließlich jobbezogen, sondern mehr auf die Persönlichkeit ausgerichtet, auf persönliches Wachstum.

Zur Person

Marko Bösing leitet den Personalbereich der TK und ist seit 20 Jahren bekennender Fan des FC St. Pauli.


Joachim Pawlik leitet die Unternehmensberatung Pawlik Consultants. Er ist ehemaliger Spieler und heute Präsidiumsmitglied des FC St. Pauli.

Das komplette Gespräch im Video

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