Arbeiten über den Wolken

Interview mit dem Piloten Jörg Handwerg

Bist Du fasziniert vom Fliegen? Dann geht es Dir wie Jörg Handwerg! Der 42-Jährige beschäftigt sich gerne mit moderner Technik, liebt das Reisen und die Abwechslung, die der Pilotenberuf mit sich bringt. Er fliegt am liebsten nach Italien, Südfrankreich oder Asien. Jörg Handwerg ist Flugkapitän, nachdem er zuvor knapp 15 Jahre Copilot war. Er saß bereits im Cockpit verschiedener Airbusmaschinen und Boeingmaschinen. Im Gespräch mit TK-Logo erklärt Handwerg, wie man Pilot wird und was vor, während und nach dem Flug zu tun ist.

 

Jörg Handwerg in seinem BüroJörg Handwerg ist fasziniert vom Fliegen. © Vereinigung Cockpit e.V.

Welche Voraussetzungen sind nötig, um Pilot/-in zu werden?

Jörg Handwerg: Es gibt unterschiedliche Voraussetzungen. Für die Pilotenlizenz an sich sind die Voraussetzungen nicht so extrem hoch. Allerdings hat jede Fluggesellschaft zusätzlich noch einmal eigene Voraussetzungen, zum Beispiel verlangen manche Abitur, eine Körpergröße zwischen 1,65 und 1,97 Meter oder bestimmte Sehleistungen. Genaueres erfährt man bei den jeweiligen Fluggesellschaften.

Die schulischen Leistungen sind nicht unbedingt entscheidend. Ein einigermaßen gutes Niveau ist allerdings schon erforderlich, um die Pilotenausbildung bewältigen zu können. Viel wichtiger sind die Auswahltests, die ein Bewerber bestehen muss. In solchen Tests geht es zum Beispiel um Belastbarkeit, Konzentrationsfähigkeit, psychologische Eignung, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein.


 

Wie lange dauert die Ausbildung und wo findet sie statt? An der Uni oder im Flugzeug?

Entweder man bewirbt sich bei einer Flugschule einer Fluggesellschaft, die eigene Piloten ausbildet. Manche Fluggesellschaften stellen nur im Ausnahmefall Piloten ein, die nicht auf der eigenen Flugschule waren. Oder Du lässt Dich an einer freien Flugschule ausbilden, und bewirbst Dich später bei einer Airline ohne Flugschule. Inzwischen gibt es auch einen Studiengang an der Hochschule Bremen parallel zur Pilotenausbildung. Dieser Studiengang richtet sich an diejenigen, die anschließend nicht nur fliegen wollen, sondern auch Zusatzfunktionen im Unternehmen anstreben. Zum Beispiel in der Flottenverwaltung. Grundsätzlich gibt es, wie beim Autoführerschein, einen theoretischen und einen praktischen Teil. Für die Theorie gibt es den Unterrichtssaal, für die Praxis das Flugzeug oder den Flugsimulator.

 

Lernt man während der Ausbildung alle Luftfahrzeuge zu fliegen?

Nein. Anders als beim Auto erhält man einen "Grundschein", der es erlaubt Flugzeuge ab einer gewissen Größe und unter bestimmten Bedingungen zu fliegen. Zusätzlich muss allerdings eine Erlaubnis für das jeweilige Flugzeugmuster, also zum Beispiel B737, A320 oder A340, erworben werden. Flugzeuge sind von Muster zu Muster so unterschiedlich gebaut, dass man nicht einfach in jedes Flugzeug einsteigen und losfliegen kann. Normalerweise erwirbt man daher auch nur die Berechtigung für ein Muster. Will man ein anderes Muster fliegen, muss man eine zusätzliche, meistens zweimonatige Schulung absolvieren.


Flugzeug im LandeanflugMenschen haben schon immer davon geträumt, fliegen zu können. Heute ist es Alltag. © icomedias

Ist jeder Pilot einmal Copilot gewesen?

Jeder Copilot ist auch Pilot. "Pilot" ist der Begriff für jemanden, der das Flugzeug steuern kann und das können sowohl Copilot als auch Kapitän. Hier gibt es häufig eine ziemliche Begriffsverwirrung. Jeder Kapitän muss aber vorher Copilot, auch Erster Offizier genannt, gewesen sein. Der Kapitän und der Erste Offizier wechseln sich meist mit dem Fliegen ab, der andere übernimmt dann beispielsweise den Sprechfunk. Hier gibt es eine genaue Aufgabenverteilung. Fliegen können also beide ziemlich gleich gut, nur hat der Kapitän die Verantwortung und auch das letzte Wort. Grundsätzlich ist die Arbeit aber sehr teamorientiert, sodass sich der Erste Offizier immer mit in alle Entscheidungen einbringen kann und soll.

 

Was haben Sie im Cockpit zu tun, bevor das Flugzeug startet?

Zunächst müssen die Flugunterlagen bewertet werden: zum Beispiel Wetterkarten, Wetterberichte, Großwetterlage, technische Einschränkungen des Flugzeuges oder der Flughäfen und so weiter. Danach entscheiden wir, wie viel Treibstoff wir tanken. Darüber hinaus schauen wir uns das Flugzeug bei einem Rundgang an. Stimmt etwas nicht, wird ein Techniker bestellt.

 

Cockpit einer Boeing 737Im Cockpit gibt es allerhand einzustellen. © iStockphoto.com/Stephan HoeroldDer Bordcomputer muss nun mit allen wichtigen Daten gefüttert werden. Dazu gehören die Gewichte sowie der Flugweg und der erforderliche Startschub, also die Antriebskraft, die wir mit einem Laptop berechnen. Anschließend legen wir uns die Abflugkarten, Streckenkarten und Anflugkarten bereit und stellen die Navigationsempfänger ein. Mit einer Checkliste überprüfen wir dann die Systeme des Flugzeuges. Im Winter muss manchmal noch eine Enteisung organisiert werden. Anschließend fordern wir die Freigaben an.


 

Während eines Fluges gibt es Unterstützung vom Autopiloten. Was haben die Piloten unterdessen zu tun?

Der Autopilot wird meist völlig überbewertet. Er ist ein recht einfacher Regelungsautomat, der vom Piloten eingegebene Kommandos ausführt. Er kann das Flugzeug auf einer bestimmten Höhe halten und einen Kurs abfliegen sowie ein paar Sachen mehr, die aber der Pilot bestimmt. Die Aufgabe des Piloten ist weitaus komplexer. Er muss den Sprechfunk erledigen, das Wetter beobachten, die Situation in und um das Flugzeug im Kopf haben und entsprechend reagieren. Er muss das Flugzeug "managen", also die optimale Höhe und Geschwindigkeit fliegen. Der Pilot muss das Flugzeug und die korrekte Arbeit aller Systeme ständig überprüfen und bei Fehlern korrigierend eingreifen.

 

Was heißt es, ein Flugzeug zu "
managen"?

Beim Fliegen gibt es im Gegensatz zum Autofahren nicht nur schneller oder langsamer und rechts oder links. Die Piloten bewegen das Flugzeug ja auch hoch und runter. Es gibt keine "Bremse", die in der Luft so effektiv wäre, wie Du das vom Auto kennst. Man kann auch nicht mal eben "rechts ranfahren", sondern muss sich immer mit einer Mindestgeschwindigkeit durch die Luft bewegen. Das erzeugt Zeitdruck. Es ist auch nicht möglich, die Höhe eines Flugzeuges auf beliebig kurzer Strecke verlieren zu können. Die Piloten müssen rechtzeitig den Sinkflug einleiten, um an einem bestimmten Punkt an einer bestimmten Höhe zu sein. Dies alles hängt von den äußeren Faktoren ab, wie Luftdichte, Wind, Gewicht des Flugzeuges und so weiter. Deshalb ist das Fliegen viel schwieriger als das Autofahren.

 

Ein Direktflug zum Beispiel von Frankfurt am Main nach Bangkok dauert etwa 10 Stunden. Haben Kapitän und Erster Offizier in dieser Zeit die Möglichkeit, im Flugzeug zu schlafen?

Es gibt Fluggesellschaften, die diese Strecken mit nur zwei Piloten fliegen. Dies ist sehr anstrengend für die Piloten, da sie die ganze Zeit in ihrem Sitz bleiben müssen und keinerlei Möglichkeit haben, eine Pause zu machen. Andere Fluggesellschaften setzen wegen der extremen Ermüdung der Piloten einen dritten Piloten ein, der es den anderen ermöglicht, eine Pause zu machen und sich etwas schlafen zu legen. Dies ist eine deutlich sicherere Art, ein Flugzeug zu fliegen. Es macht einen großen Unterschied, wenn man zumindest drei Stunden Schlaf bekommt.

 

Haben Sie nach der Landung noch Aufgaben zu erledigen oder ist für Sie Dienstschluss, sobald die Passagiere das Flugzeug verlassen haben?

Nach der Landung müssen wir diverse Dokumente fertig stellen, da viele der Flugunterlagen aufbewahrt werden müssen. Eventuelle technische Probleme schreiben wir in ein Logbuch und informieren die Technik darüber. War es der letzte Flug des Tages, schalten wir alle Systeme aus.

Übrigens...

Jörg Handwerg ist nicht nur Pilot, sondern auch Pressesprecher der Vereinigung Cockpit e.V. Du möchtest mehr über den Berufsverband der Verkehrsflugzeugführer in Deutschland erfahren? Dann klick hier!