Wir alle haben hin und wieder einen schlechten Tag, ärgern uns oder sind traurig. Normalerweise bewältigen wir solchen alltäglichen Frust schnell, die negativen Gefühle flauen wieder ab. Anders bei Menschen mit emotional instabiler Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, kurz Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder auch Borderline-Syndrom. Oft reicht ein minimaler Anlass und ihr emotionales Gleichgewicht kann kippen. Wut, Angst oder Verzweiflung übermannen sie dann schlagartig und oft unkontrollierbar.

Gefühle außer Kontrolle

Die Liste der Symptome, unter denen Borderline-Patientinnen und  Patienten leiden können, ist lang. Die meisten erleben Phasen, in denen ihre Emotionen, ihr Verhalten sowie ihre Wahrnehmung zwischen extremen Polen schwanken können:

Emotionen:

  • Ihr Selbstbild sowie ihr Selbstwertgefühl sind phasenweise sehr gering ausgeprägt. 
  • Sie leiden oft unter großer Angst, verlassen zu werden.
  • Viele erleben ein chronisches Gefühl von innerer Leere.
  • Einige haben intensive Wutausbrüche oder Schwierigkeiten, die eigene Wut zu kontrollieren.
  • Auch Episoden mit ängstlich-bedrückter, trauriger oder gereizter Stimmung kommen vor. 

Verhalten:

  • Einige Betroffene schwanken in Beziehungen zwischen großer Nähe und Distanziertheit.
  • Sie können zu impulsiven Handlungen neigen, wobei sie sich dann häufig selbstschädigend verhalten. 
  • Selbstverletzendes Verhalten kommt zum Teil wiederholt vor.

Wahrnehmung:

  • In Belastungssituationen haben einige Betroffene paranoide Vorstellungen und leiden unter Realitätsverlust.

Achtung

Nehmen Sie als Angehöriger oder Angehörige Suizidäußerungen immer ernst! Weit über die Hälfte aller Borderline-Patientinnen und  Patienten verübt mindestens einen Suizidversuch.

Emotionale Vernachlässigung als häufiger Auslöser

Bis zu drei Prozent der Erwachsenen sind von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen. So komplex wie ihre Symptome sind auch ihre Ursachen, doch fast immer zeigen sich in den Biografien Spuren traumatischer Erlebnisse: 40 bis 70 Prozent der Betroffenen berichten von fehlender emotionaler Zuwendung in der Kindheit und mangelnder Anerkennung durch wichtige Bezugspersonen. Auch Misshandlung und sexueller Missbrauch zählen zu den häufig genannten Erfahrungen.

Experten und Expertinnen diskutieren außerdem erbliche Faktoren und Störungen im Gehirn als Ursache für die Erkrankung, da sie in einigen Familien gehäuft auftritt. Fehlfunktionen in bestimmten Hirnregionen, die für Gefühlskontrolle, Angst und Aggressionen zuständig sind, sind vermutlich mitverantwortlich für die emotionale Instabilität der Borderline-Patienten und Patientinnen.

Die Diagnose

Nicht jeder Mensch mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet unter allen Symptomen und Verhaltensmustern gleichzeitig. Außerdem können sie unterschiedlich stark ausgeprägt sein - Fachleute unterscheiden drei Schweregrade, die auch unterschiedliche Behandlungskonzepte erfordern können. Die Diagnose ist daher nicht einfach. Um sie zu sichern, stehen Fachärzten und Fachärztinnen international standardisierte Diagnoseschlüssel zur Verfügung. In ausführlichen, strukturierten Gesprächen und gegebenenfalls mithilfe psychologischer Tests werden andere (psychische) Erkrankungen ausgeschlossen oder als Begleiterkrankung identifiziert: Viele Menschen mit einem Borderline-Muster leiden zusätzlich an Angststörungen , Depressionen , Suchterkrankungen oder einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). 

Neue Kategorien für bessere Behandlung 

Allen Diagnosen liegt unter anderem die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme - International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zugrunde. Sie wurde 2019 grundlegend überarbeitet und trat zum 1. Januar 2022 in der (vorläufigen) deutschen Version in Kraft. Die ICD-11 unterscheidet drei Schweregrade bei allen Persönlichkeitsstörungen. Erfasst werden soll, wie stark ein Patient oder eine Patientin durch die Erkrankung beeinträchtigt ist. Dabei prüfen psychiatrische Fachkräfte,

  • wie gut Betroffene in der Lage sind, Beziehungen zu anderen einzugehen und zu gestalten,
  • welche Folgen das für ihre soziale und berufliche Rolle hat,
  • wie sie mit Emotionen umgehen und 
  • ob ein Risiko besteht, sich selbst oder anderen zu schaden.

Auf dieser Basis kann ein individuelles Behandlungskonzept gemeinsam mit jedem Patienten beziehungsweise mit jeder Patientin erarbeitet werden. Das neue Diagnoseschema soll außerdem dazu beitragen, dass Betroffene und ihr Umfeld weniger diskriminiert und stigmatisiert werden.

Wegen des oftmals selbstgefährdenden Verhaltens gilt die Borderline-Persönlichkeitsstörung als ernst zu nehmende, schwerwiegende Erkrankung. Ihre Behandlung gehört in die erfahrenen Hände von Fachleuten für Psychotherapie oder für Psychiatrie und Psychotherapie. Die gute Nachricht: Es gibt bewährte Therapiekonzepte.

Gute Erfolge durch Psychotherapie

Als besonders wirksam haben sich verhaltenstherapeutische Methoden erwiesen, die den Betroffenen Strategien an die Hand geben, ihre extremen Empfindungen und ihr Verhalten besser zu steuern. Diese sogenannten Skills zur Stressbewältigung, wie sie etwa die Dialektische Behaviorale Therapie (DBT) vermittelt, können helfen, auf gesunde Weise mit der inneren Anspannung umzugehen, negative Emotionen früher zu erkennen, zu kontrollieren und abzubauen. 

Auch andere Therapieformen haben gute Erfolge gezeigt: Die sogenannte Schemafokussierte Therapie (SFT) zielt darauf, unbewusste, festgefahrene Verhaltensmuster zu identifizieren und abzulegen. Die sogenannte Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) trainiert, die eigenen Wünsche und Gedanken sowie die anderer Menschen besser zu verstehen. Lässt sich die Ursache der Erkrankung auf ein Trauma zurückführen, kann auch eine spezifische Traumatherapie helfen. Unterstützend können bei allen Therapieformen Medikamente eingesetzt werden - insbesondere, wenn zusätzlich Angststörungen oder Depressionen vorliegen.

Was können Angehörige tun?

Das Leben mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist oft eine große Herausforderung - für die Betroffenen selbst, aber ebenso für Partner oder Partnerinnen, Familie und den Freundeskreis. 

Informiert sein hilft

Deshalb ist es wichtig, sich als enge Bezugsperson zuallererst gut über die Erkrankung zu informieren und so Verhaltensmuster besser einordnen zu können. Dabei gilt es vor allem zu lernen, das schwierige Verhalten der oder des Erkrankten nicht persönlich zu nehmen: Die Ursache dafür ist die Erkrankung, nicht die Persönlichkeit.

Am besten unterstützen Angehörige Betroffene, indem sie ihnen zeigen, dass sie für sie da sind, sie unterstützen, sich professionelle Hilfe zu holen, und sie in der Therapie verständnisvoll begleiten. Das erfordert viel Kraft. Behalten Sie daher auch Ihr eigenes seelisches Wohl stets im Blick. Auch der Austausch mit anderen Angehörigen in einer Selbsthilfegruppe oder sogenannten Angehörigen-Seminaren, die häufig von psychiatrischen Einrichtungen angeboten werden, kann helfen.

Nützliche Adressen und Links

Borderline-Plattform 

Auf der Website des Vereins Borderline ps e. V. finden Sie umfangreiche Informationen, unter anderem zu Diagnostik und Therapie, Adressen lokaler Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen, Erfahrungsberichte und Austauschmöglichkeiten (Foren, Mailinglisten).

Borderline-Netzwerk e. V. 

Auf diesem Portal von Betroffenen für Betroffene finden Sie umfangreiche Informationen zur Erkrankung sowie zur Selbsthilfe, Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige, Forum und Chat.

Bundesarbeitskreis der Angehörigen psychisch Kranker (BApK) 

Das Portal deckt die gesamte Bandbreite psychischer Erkrankungen ab. Der Verband stellt umfangreiche Informationen zur Verfügung und bietet Telefon- und E-Mail-Beratung für Betroffene und Angehörige.