Was ist ein Hirn­tu­mor?

Neubildungen des Gehirns und der umgebenden Hirnhäute (Meningen) bezeichnet man als Hirntumoren. Diese können gutartig (benigne) oder bösartig (maligne) sein und werden auch als hirneigene oder primäre Hirntumoren bezeichnet.

Im Gehirn können auch Hirnmetastasen vorkommen. Dabei handelt es sich um Tochtergeschwulste von Krebsarten, die ihren Ursprung außerhalb des Gehirns haben (zum Beispiel Brust- oder Lungenkrebs). Sie zählen darum nicht zu den primären Hirntumoren, sondern werden sekundäre Hirntumoren genannt.

Mit etwa zehn Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner jährlich gehören Hirntumoren insgesamt zu den eher seltenen Tumorerkrankungen. Sie treten vorzugsweise im Alter zwischen 40 und 75 Jahren auf. Im Kindesalter stellen bösartige Neubildungen des Gehirns die zweithäufigste Krebserkrankung nach den Leukämien (Blutkrebs).

Verschiedene Bereiche im Gehirn für verschiedene Aufgaben

Das Zusammenspiel verschiedener Hirnzentren ermöglicht Gedächtnis, Lernvermögen, Sinneswahrnehmungen sowie die Motorik. Funktional unterteilt man das Gehirn in drei bedeutsame Bereiche: Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm.

  • Das Großhirn ist der größte Teil unseres Gehirns. Hier wird die geistige Arbeit einschließlich Bewegung, Sprache und Sehvermögen koordiniert.
  • Das Kleinhirn ist der zweitgrößte Anteil des Gehirns. Seine Hauptaufgaben sind die Koordination der bewussten Muskelfunktionen, die Steuerung des Gleichgewichts beim Gehen und die Koordination der Sprache.
  • Im Hirnstamm liegen lebenswichtige Zentren für die Regulierung der sogenannten Vitalfunktionen wie Atmung, Herzschlag und Körpertemperatur.

Hirntumoren entstammen unterschiedlichen Zelltypen

Die Einteilung der Hirntumoren erfolgt nach entwicklungsgeschichtlichen Gesichtspunkten beziehungsweise nach dem Zelltyp, aus dem sie hervorgehen. Im Gehirn finden sich Tumoren, die aus folgenden Geweben entspringen können:

  • Dem Nervengewebe (Gliome: die häufigsten Hirntumoren. Dazu zählen zum Beispiel das Astrozytom, Glioblastom, Oligodendrogliom, Medulloblastom und das Ependymom.)
  • Den Hirnhäuten (Meningeome)
  • Dem nicht weiter entwickelten embryonalen Gewebe (Keimzelltumoren)
  • Der hormonproduzierenden Hirnanhangdrüse
  • Anderen bösartigen Tumoren im Körper, zum Beispiel Brusttumoren (Metastasen)

Klassifikation von Hirntumoren

Die Hirntumore können gutartig oder bösartig sein. Gutartige Gehirntumore wachsen nur langsam und bleiben in den meisten Fällen gut vom benachbarten, gesunden Hirngewebe abzugrenzen. Bösartige Gehirntumoren werden häufig schnell größer, bilden Metastasen und wachsen zerstörend in das umliegende Gewebe hinein (sogenanntes infiltratives Wachstum).

Die Bösartigkeit der Tumoren teilt man in verschiedene Grade ein. Die am weitesten verbreitete Einteilung der Hirntumoren ist die der Weltgesundheitsorganisation (WHO-Klassifikation). Sie sieht vier verschiedene Tumorgrade vor. Die Unterteilung erfolgt nach der Zellart, aus der sich der Hirntumor entwickelt hat. Bei der sogenannten neuropathologischen Untersuchung werden die Zellen einer Gewebeprobe aus dem Tumor genau untersucht, um den Gehirntumor diagnostisch einordnen zu können.

Die WHO-Gradierung von Gehirntumoren lautet:

  • WHO Grad I (gutartig)
  • WHO Grad II (noch gutartig)
  • WHO Grad III (bereits bösartig)
  • WHO Grad IV (bösartig)

Der WHO Grad I entspricht dabei einem langsam wachsenden, sehr gutartigen Tumor mit günstiger Prognose, beim WHO Grad IV handelt es sich dagegen um einen schnell wachsenden, besonders bösartigen Tumor mit ungünstiger Prognose.

Diese Unterscheidung ist wichtig hinsichtlich der einzuleitenden Therapie, des zu erwartenden Verlaufs und Behandlungserfolgs.

Welches sind die häufigsten Tumoren?

Mit etwa 50 Prozent aller primären Geschwülste des Gehirngewebes sind Gliome die häufigsten Gehirntumoren. Gliome lassen sich wiederum in verschiedene Untergruppen einteilen. Astrozytome  sind die häufigsten Gliome und können in allen vier WHO-Graden vorkommen. Sie treten etwas häufiger bei Männern auf und entwickeln sich innerhalb weniger Wochen bis Monate. Das Glioblastom (Glioblastoma multiforme - WHO Grad IV) ist eine besonders bösartige Form eines Glioms.

Mit einem Anteil von 20 Prozent ist das Medulloblastom der häufigste Hirntumor im Alter von sieben bis 14 Jahren. Etwas häufiger sind Jungen betroffen. Erbrechen in den Morgenstunden, starke Kopfschmerzen und Störungen der Koordination (zum Beispiel Gangunsicherheiten) können erste Hinweise sein. Obwohl das Medulloblastom zu den sehr bösartigen Tumoren gehört, sind die Heilungsaussichten relativ gut. Hierbei wird versucht, den Tumor operativ vollständig zu entfernen. Anschließend folgen eine Bestrahlung des Kopfes und gegebenenfalls eine Chemotherapie.

Meningeome entwickeln sich aus Zellen der Gehirnhäute. Sie machen circa 20 Prozent aller Tumoren im Schädelinneren aus; betroffen sind vorwiegend erwachsene Menschen im mittleren und höheren Lebensalter und mehr Frauen als Männer. Meningeome wachsen langsam. Daher bleiben sie oft längere Zeit unentdeckt oder werden nur zufällig gefunden. In 85 Prozent der Fälle stuft man die Meningeome als gutartige Tumoren in den WHO Grad I ein. Sie lassen sich durch operative Entfernung heilen.

Bei etwa zehn Prozent der Meningeome handelt es sich jedoch um sogenannte atypische Meningeome (WHO Grad II), die verstärkt wachsen und die Neigung haben, nach der Behandlung wiederzukommen (Rezidiv). Aber auch für diese Meningeome gilt in der Regel eine günstige Prognose. Bösartige Meningeome mit dem WHO Grad III werden nur bei zirka fünf Prozent der Betroffenen beobachtet. Sie machen in der Regel eine zusätzliche Bestrahlung nötig.

Was sind die Ursachen eines Hirntumors?

Die genaue Ursache für die Entstehung von Hirntumoren ist unklar. Eine Reihe von Faktoren wie krebsauslösende Viren und Substanzen (Onkogene) oder eine erbliche (genetische) Vorbelastung können sie aber möglicherweise begünstigen.

Welche Beschwerden treten bei einem Hirntumor auf?

Die ersten Anzeichen eines Hirntumors können vielfältig sein. Möglich sind:

  • Krampfanfälle (epileptische Anfälle): das wichtigste Frühsymptom. Treten Krampfanfälle erstmals zwischen dem 25. und dem 60. Lebensjahr auf, sind Hirntumoren die häufigste Ursache.
  • Kopfschmerzen, die sich beim Bücken, Aufrichten oder Pressen verschlimmern
  • Verhaltens- und Wesensveränderungen wie Gereiztheit, Vergesslichkeit, Antriebslosigkeit und unkontrollierte Wutanfälle

Später können - je nach Hirnbereich, in dem der Tumor wächst - auch folgende Symptome vorkommen:

  • Sprach- und Geruchsstörungen
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Sehstörungen wie verschwommenes Sehen, Ausfälle im Blickfeld
  • Taubheitsgefühle
  • Lähmungserscheinungen sowie Schwierigkeiten bei der Koordination von Bewegungen

Die Krankheitszeichen entstehen einerseits durch die Verdrängung des intakten Hirngewebes durch den wachsenden Tumor und andererseits durch die Zerstörung des Gewebes im und um den Tumor herum. Manche Tumoren wachsen schnell und eine Symptomatik stellt sich schon nach Tagen oder Wochen ein. Andere wachsen über Jahre hinweg und machen sich dadurch kaum bemerkbar.

Wie wird ein Hirntumor festgestellt?

Nach einem Gespräch mit dem Arzt erfolgt eine körperliche und intensive neurologische Untersuchung. Der Arzt überprüft unter anderem Reflexe, Gleichgewicht, Muskelkraft und Tastsinn.

Weitere Untersuchungen, die durchgeführt werden, sind:

  • Elektroenzephalogramm (EEG, Messung der Hirnströme)
  • Röntgenaufnahmen des Kopfes
  • Computertomografie des Kopfes (CT) und/oder eine Magnetresonanztomografie (MRT, NMR)
  • Eventuell eine Gewebeprobenentnahme (Biopsie) aus dem Tumor durch ein kleines Loch, das unter örtlicher Betäubung in den Schädel gebohrt wird (stereotaktische Biopsie), um den Tumortypen zu bestimmen
  • Laboruntersuchung des Hirnwassers (Liquorpunktion)

Auch die Untersuchung des Augenhintergrunds (Ophtalmoskopie) ist bei Verdacht auf einen Hirntumor ein gängiges diagnostisches Verfahren und kann Aufschluss über einen möglichen Hirntumor geben.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Behandlung eines Hirntumors richtet sich nach dessen Art und seiner Bösartigkeit. Das Ziel der Therapie besteht darin, den Patienten zu heilen oder - sofern das nicht möglich ist - den Tumor zumindest zu verkleinern und Symptome zu lindern.

Folgende Therapieoptionen stehen zur Verfügung:

Die Operation

In der Regel wird der Tumor über eine Öffnung der Schädeldecken entfernt, während der Patient narkotisiert ist. In letzter Zeit befinden sich die sogenannten endoskopischen Operationen auf dem Vormarsch, wobei die Schädeldecke gar nicht geöffnet werden muss, sondern nur durch ein kleines Loch operiert wird.

Die Operation birgt auch Gefahren. Blutgefäße, Nerven und Hirnsubstanz können geschädigt werden. Andererseits kann eine Operation lebensrettend sein, wenn das Gehirn durch den Tumor nicht mehr genug Platz hat. In manchen Fällen liegt der Tumor so ungünstig, dass seine operative Entfernung nicht möglich ist.  

Die Strahlentherapie

Bei nicht operablen Tumoren, aber auch in Kombination mit einer Operation, können die Tumorzellen mithilfe von Röntgenstrahlen zerstört werden. Gesunde Zellen dagegen erholen sich wegen besserer Reparaturmechanismen schneller. Da dennoch gesundes Gewebe in Mitleidenschaft gezogen wird, kann es zu Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Erbrechen, Durchfall, Schleimhautentzündungen und Kopfschmerzen kommen. Medikamente können diese Symptome aber lindern.

Eine Kombination von Operation und Bestrahlung ist ebenfalls möglich.  Vorteile sind eine kurze Behandlungsdauer und relativ wenige Nebenwirkungen.

Radiochirurgie mit dem Gamma Knife

Ohne Kopferöffnung (Operation) kommt die Radiochirurgie mit dem Gamma Knife, auf Deutsch "Strahlenmesser", aus. Bei dieser Form der hochpräzisen Strahlentherapie wird der Kopf des Patienten durch einen Helm fixiert, durch dessen kleine Öffnungen eine sehr hohe Strahlendosis zur Zerstörung des Tumors exakt auf das Ziel gelenkt wird. Experten nennen das "stereotaktische Einzeitbestrahlung". Mehr als 200 einzelne Telecobaltquellen produzieren ein Strahlungsbündel mit kleinstem Durchmesser. Die Bündel kreuzen sich in einem Punkt. Die Bündelung erreicht man durch den genannten speziellen Helm.

Die biologische Wirkung der hohen Einzeldosis, mit der bei dieser Behandlungsmethode der Tumor bestrahlt wird, ist wesentlich stärker als bei einer üblichen Strahlentherapie, die auf viele kleine Einzeldosen verteilt ist. So können mit dem "Strahlenmesser“ gut- und bösartige Tumore im Kopf mit einer einzigen Bestrahlung in der Regel ambulant entfernt werden, selbst bei multiplen Metastasen.

Langwierige Reha-Maßnahmen und damit verbundene Arbeitsausfälle sind bei dieser Therapieform nicht nötig.

Die Chemotherapie

Bei der Chemotherapie werden nach vorgegebenen Schemata Medikamente verabreicht, die die bösartigen Tumorzellen töten sollen, während die gesunden Zellen im Körper relativ ungeschoren davonkommen. Nach einem Schema wird das Medikament zum Beispiel über vier Tage eingenommen und dann zwei Wochen pausiert. Dieser Vorgang kann dann dreimal und häufiger durchgeführt werden.

Die meisten Chemotherapeutika, die in der Hirntumortherapie eingesetzt werden, schädigen direkt die Erbsubstanz (DNA) der Tumorzellen. Beispiele sind Nitrosoharnstoffe (ACNU (Nimustin), BCNU (Carmustin) und CCNU(Lomustin)), Temozolomid und Procarbacin.
Andere Substanzen wirken sich störend auf den Stoffwechsel der Tumorzellen aus, speziell auf die Stoffwechselvorgänge, die für die Neubildung der Erbinformation (DNA) wichtig sind. Beispiele dafür sind: Methotrexat (MTX) und Cytarabin (Ara-c).

Nebenwirkungen sind eine erhöhte Infektions- und Blutungsgefahr, Übelkeit, Erbrechen und allgemeine Abgeschlagenheit sowie Haarausfall.

Weitere Behandlungsmaßnahmen

Durch den Tumor und auch durch die Behandlung kann es zu einem Hirnödem (Wasseransammlung im Hirngewebe) kommen. Dieses wird durch die Gabe von Kortison gebessert. Gegen Schmerzen helfen sehr gut wirksame Schmerzmittel.

Seelsorge für Patienten und deren Angehörige

Es ist wichtig, dass der Patient durch Angehörige und Freunde auf seinem Krankheits- und Behandlungsweg begleitet und unterstützt wird. Gehirntumoren sind behandelbare Erkrankungen. In vielen Fällen ist wirksame Hilfe möglich und oft auch eine Heilung. Die Prognose mancher Gehirntumoren ist aber noch immer sehr schlecht. Selbsthilfegruppen, Psychologen und Seelsorger können den Patienten und deren Angehörigen zur Seite stehen.