Stoßwellentherapie bei orthopädischen Erkrankungen

Die Stoßwellentherapie ist eine moderne, nicht invasive Therapieform. Als nicht invasiv bezeichnet man Behandlungen ohne Verletzung der Körperoberfläche. In der Orthopädie wird die Stoßwellentherapie seit den 90er-Jahren vor allem bei hartnäckigen und schmerzhaften Sehnenansatzerkrankungen eingesetzt.

 

Bisher liegen keine verlässlichen wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit von Stoßwellen bei orthopädischen Beschwerden vor. Deshalb werden die Therapiekosten nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

 

Auf dieser Seite finden Sie Informationen, die Sie bei der Entscheidung für oder gegen eine Stoßwellentherapie unterstützen sollen. Die Informationen basieren auf internationalen, wissenschaftlichen Forschungsergebnissen sowie auf den Aussagen ärztlicher Fachgremien.

 

Was sind Stoßwellen?

Physikalisch gesehen sind Stoßwellen akustische Wellen, die bei explosionsartigen Vorgängen entstehen – zum Beispiel bei Blitzschlägen oder Sprengstoffexplosionen. Sie zeichnen sich durch einen abrupten Druckanstieg aus, der sich ausbreitet und so Energie auf entfernte Orte übertragen kann. Diese Energie entfaltet ihre Kraft, wenn die Stoßwelle auf ein Hindernis trifft und sich nicht weiter ausbreiten kann. In der Natur auftretende Stoßwellen können auf diese Weise sogar Fensterscheiben zum Bersten bringen.


In der Medizin werden Stoßwellen elektromagnetisch erzeugt. Wie eine solche therapeutische Stoßwelle wirkt, ist von drei Faktoren abhängig:

  • erstens von der Energiemenge, die freigesetzt wird,
  • zweitens von der Zahl der verabreichten Impulse und
  • drittens von den Wechselwirkungen, die mit dem beschallten Gewebe entstehen.

Generell gilt: Je höher die abgegebene Energiemenge ist und je mehr Impulse verabreicht werden, desto stärkere Wirkungen entfalten sich im Gewebe. Bei einer medizinischen Behandlung werden diese Parameter individuell eingestellt, um einerseits so viel Wirkung wie nötig zu erzielen und gleichzeitig möglichst wenig Schaden zu verursachen.

 

Stoßwellen zum Zertrümmern von Nierensteinen

Therapeutische Stoßwellen können in tiefer gelegenen Körperregionen gezielt Energie freisetzen, ohne die darüber liegende Haut, Fettgewebe oder Muskeln zu beschädigen.


Am bekanntesten ist der Einsatz von Stoßwellen zum Zertrümmern von Nierensteinen. Hierzu werden Schallwellen mit hoher Energie außerhalb des Körpers erzeugt, gebündelt und zielgenau in den Körper geleitet. Treffen die Wellen auf den harten Nierenstein, setzen sie ihre Energie frei - der Stein wird zerstört.


Die ausgezeichnete Wirksamkeit und Sicherheit von Stoßwellen zur Therapie von Nierensteinen ist wissenschaftlich erwiesen.

 

Stoßwellen in der Orthopädie

Zu den orthopädischen Krankheiten, die mit Stoßwellen behandelt werden, zählen

  • der Tennisarm oder -ellenbogen (Epicondylitis humeri radialis),
  • die Plantarfaszienentzündung (Fasziitis plantaris) mit oder ohne Fersensporn und
  • die Kalkschulter (Tendinosis calcarea).

Bei orthopädischen Krankheiten sollen die Stoßwellen ihre Wirksamkeit entfalten, indem sie das erkrankte Gewebe reizen. Dabei regen sie komplexe Vorgänge an, die Durchblutung und Zellstoffwechsel im Gewebe fördern. So sollen Heilungsprozesse begünstigt und Schmerzen verringert werden. Die genaue Wirkungsweise von Stoßwellen in der Orthopädie ist allerdings bis heute nicht vollständig geklärt.

 

Das sollten Sie wissen

  • Der Verlauf der drei Beschwerdebilder Tennisarm, Fasziitis plantaris und Kalkschulter ist zwar meist langwierig, aber mit einfachen Methoden, also ohne dass eine Operation (OP) erforderlich wird, gut zu behandeln.
  • Bisher konnten wissenschaftliche Studien zu den drei Krankheitsbildern nicht zeigen, dass die Ergebnisse der Stoßwellentherapie denen anderer Behandlungsmethoden überlegen sind.
  • Wenn Sie sich für eine Stoßwellentherapie entscheiden, gehen Sie sicher, dass es sich tatsächlich um eine Therapie mit "fokussierten“ Stoßwellen handelt und nicht um radiale, mechanische Druckwellen oder Ultraschall. Letztere Optionen sind wesentlich kostengünstiger - allerdings gibt es bislang kaum wissenschaftliche Untersuchungen zu ihrer Wirksamkeit. 

Orthopädische Krankheitsbilder

Tennisarm oder -ellenbogen (Epicondylitis humeri radialis)

Als "Tennisarm“ oder "Tennisellenbogen“ wird eine schmerzhafte Reizung der Unterarmstrecksehnen an der Außenseite des
Ellenbogens bezeichnet.


Auslöser der Beschwerden sind monotone, mit viel Kraft ausgeführte Bewegungen (nicht nur Tennisspielen!). Bei Rheumapatienten, die an einem Tennisarm oder Tennisellenbogen leiden, lässt sich jedoch oft keine konkrete Beschwerdeursache feststellen. Der stechende oder ziehende Schmerz kann in den Unterarm ausstrahlen und erhebliche Beschwerden verursachen.

 

Viele Betroffene können ihre alltäglichen Aufgaben nur noch eingeschränkt bewältigen. Manuelle Arbeit kann für die Patienten sogar vorübergehend unmöglich werden.

 

Fasziitis plantaris (mit oder ohne Fersensporn)

Bei einer Fasziitis plantaris ist die Sehnenplatte der Fußsohle im Fersenbereich entzündlich gereizt.


Auslöser ist häufig eine Überlastung der Füße. Begünstigt werden diese Beschwerden durch eine Reihe von Faktoren – zum Beispiel Fußfehlstellungen, Übergewicht, falsches Lauftraining, stehende Berufe oder nicht richtig angepasstes Schuhwerk.


Bei manchen Patienten ist auf dem Röntgenbild zusätzlich eine knöcherne Verlängerung der Sehnenplatte, der sogenannte "Fersensporn“, zu erkennen. Er kann eventuell zu den Beschwerden beitragen, muss dies jedoch nicht zwingend. Betroffene verspüren typischerweise stechende, von der Ferse in den Fuß einstrahlende Schmerzen.

 

Kalkschulter (Tendinosis calcarea)

Bei einer sogenannten "Kalkschulter“ bilden sich Kalkablagerungen (Kalkdepots) an den Sehnenansätzen der Schulter. Diese Depots werden beim Röntgen sichtbar. Insgesamt sind rund 2,5 Prozent der Deutschen betroffen – bei vielen treten jedoch keine gesundheitlichen Probleme auf.


Beschwerden werden vor allem durch Tätigkeiten ausgelöst, die – wie zum Beispiel Malerarbeiten an der Decke – über dem Kopf ausgeführt werden: In dieser Position kann sich das Kalkdepot zwischen Schulterdach und Oberarmkopf einklemmen und eine entzündlich-schmerzhafte Reaktion verursachen.


Betroffene klagen hauptsächlich über Ruhe- und Nachtschmerzen. Phasen heftigster Schmerzen lösen sich mit beschwerdefreien Wochen und Monaten ab. Übrigens: Kalkablagerungen und damit die Beschwerden können sich auch spontan zurückbilden.

 

Therapiemöglichkeiten beim Tennisarm

  • Schmerzmedikamente
  • Kortisonhaltige Injektionen bei hochschmerzhaften, akuten Zuständen
  • Wärme- und Kälteanwendungen
  • Bewegungs- und Ergotherapie
  • Massagen
  • Elektrotherapie
  • Sonophorese (schmerzfreies Einbringen von Wirkstoffen in das Gewebe mittels Ultraschall)

Diese Therapieoptionen sollen den spontanen Heilungsverlauf des Tennisarms oder -ellenbogens unterstützen. Obwohl sich das Ausheilen der Beschwerden über Monate hinziehen kann, sind die meisten Patienten nach einem Jahr wieder komplett beschwerdefrei.

 

Operative Behandlung

Erst wenn die zuvor genannten Maßnahmen keine Besserung gebracht haben, wird eine Operation in Betracht gezogen.


Diese Eingriffe können heutzutage außer nach der klassischen Methode auch als sogenannte "Schlüssellochoperationen“ durchgeführt werden. Allerdings besteht auch hier keine hundertprozentige Erfolgsgarantie: Je nach Verfahren variieren die Erfolgsraten zwischen 60 und 90 Prozent. Verlässliche Studienergebnisse fehlen bislang.

 

Stoßwellentherapie

Obwohl in den Medien von Erfolgsraten von bis zu 85 Prozent berichtet wird, ist nicht sicher, ob das Verfahren diese Erwartungen erfüllt. Der IGeL-Monitor, der den Nutzen individueller Gesundheitsleistungen in regelmäßigen Abständen prüft, bewertet die Stoßwellentherapie beim Tennisarm sogar als "tendenziell negativ". Er verweist dabei darauf, dass die Ergebnisse der vorliegenden Studien uneinheitlich seien, so sei das Verfahren Scheinbehandlungen nur gelegentlich überlegen. Die Datenlage zu den Schäden sei dagegen wesentlich eindeutiger, so der IGeL-Monitor, da alle Studien übereinstimmend von vorübergehenden Nebenwirkungen der Therapie berichten.

 

Therapiemöglichkeiten bei einer Fasziitis plantaris (mit oder ohne Fersensporn)

  • Beseitigen von Fußfehlstellungen durch Einlagen
  • Entlasten der schmerzhaften Stelle
  • Symptomatische, schmerzstillende und entzündungshemmende Maßnahmen
  • Krankengymnastische Dehnungs- und Kräftigungsübungen
  • Röntgenreizbestrahlung

Die Erfolgsraten dieser Therapiemöglichkeiten liegen bei 60 bis 100 Prozent. Allerdings verschwinden die Beschwerden bei den meisten Patienten oft erst nach Monaten.

 

Eine Operation

Das Ablösen der Sehnenplatte von ihrem Ursprung wird nach sechs bis zwölf Monaten und hohem Leidensdruck in Erwägung gezogen – wenn andere Methoden erfolglos geblieben sind. Die Erfolgsquoten liegen zwischen 50 und 100 Prozent. Mögliche unerwünschte Folgen einer Operation sind Wundheilungsstörungen und Narbenschmerzen, die stärker sind als der ursprüngliche Schmerz.

 

Stoßwellentherapie

Der IGeL-Monitor, der den Nutzen individueller Gesundheitsleistungen in regelmäßigen Abständen prüft, bewertet die Stoßwellentherapie bei plantaren Fersenschmerzen mit "tendenziell positiv" und sieht mehr Nutzen als Schaden der Therapie. Der IGeL-Monitor verweist dabei auf viele gute Studien. Diese sollen einheitlich bestätigen, dass es etwa jedem zweiten Patienten nach einigen Wochen besser geht, das heißt, dass er deutlich weniger Schmerzen hat, wenn Schallwellen mit hoher Energie eingesetzt werden.

 

Außerdem sollen die Studien gezeigt haben, dass es im Vergleich nur etwa jedem vierten Patienten besser geht, wenn die Patienten nur zum Schein behandelt werden. Unerwünschte Ereignisse durch die Behandlung, wie Schmerzen, Schwellungen und Rötungen sollen laut der Studienlage insgesamt gering sein und schnell wieder vergehen. Schwere anhaltende unerwünschte Ereignisse seien dabei keine bekannt geworden.

 

Therapiemöglichkeiten bei einer Kalkschulter

  • Entzündungshemmende Medikamente
  • Entzündungshemmende Kortisoninjektionen in die betroffene Schulter
  • Ergänzend: bewegungstherapeutische und physikalische Therapiemaßnahmen

In den meisten Fällen werden Patienten mithilfe dieser Maßnahmen wieder weitgehend beschwerdefrei.

 

Operatives Entfernen der Kalkdepots

Die Erfolgsquoten der operativen Eingriffe liegen bei 80 bis 90 Prozent.

 

Stoßwellentherapie der Kalkschulter

Um eine Kalkschulter zu behandeln, können die Stoßwellen mit zwei unterschiedlichen Zielrichtungen eingesetzt werden: zum einen zum "Zertrümmern“ von Kalkdepots und zum anderen zum allgemeinen Stimulieren von Heilungsprozessen.

 

Studien zeigen, dass die Stoßwellentherapie nach vergeblicher konventioneller Therapie die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern kann, indem sie Schmerzen lindert und die Beweglichkeit des Arms verbessert. Laut IGeL-Monitor, der den Nutzen individueller Gesundheitsleistungen in regelmäßigen Abständen prüft, sind die Studien allerdings nicht durchgehend von hoher Qualität. Daher sollen diese Studien keine Belege, aber Hinweise auf einen Nutzen sein.

 

Insgesamt kommt der IGeL-Monitor bei der Bewertung der Therapieform zum Ergebnis "unklar". Denn während es nur Hinwiese auf einen Nutzen gebe, sei es zweifelsfrei bewiesen, dass Schäden bei der Therapie auftreten, aber sie seien eher als leicht und nicht lange anhaltend einzustufen.

 

So läuft die Stoßwellentherapie ab

Die Stoßwellentherapie wird in der Regel von niedergelassenen Orthopäden in ihrer Praxis durchgeführt.


Zu Beginn der Therapie wird die erkrankte Stelle mittels Ultraschall- oder Röntgenbild genau geortet und auf der Haut markiert. Danach richtet der Arzt den Schallkopf des Stoßwellengerätes auf die markierte Region aus. Energiedichte und Impulszahl werden eingestellt und die Region mit Stoßwellen "beschossen“.


Je nach Gerätetyp dauert eine Sitzung etwa fünf bis 15 Minuten. Bei orthopädischen Krankheiten werden circa drei Sitzungen angesetzt, in Ausnahmefällen auch bis zu fünf. Die einzelnen Termine sollten jedoch nicht länger als eine Woche auseinanderliegen.

 

Unerwünschte Folgen der Stoßwellentherapie

Von einigen Patienten werden die Geräusche bei der Stoßwellentherapie als unangenehm und die Methode selbst als schmerzhaft empfunden. Kommen höhere Energiedosen zum Einsatz (zum Beispiel beim Zertrümmern von Kalkdepots in der Schulter), wird daher auch eine örtliche Betäubung empfohlen.


Im beschallten Gewebe kann es zu Rötungen, Schwellungen und Blutergüssen kommen. Diese Reaktionen werden jedoch als harmlos eingestuft. In Ausnahmefällen wurden aber auch schon schwere Blutungen und Gewebeschäden beobachtet.


Zum Schutz der Patienten hat die Deutschsprachige Internationale Gesellschaft für Extrakorporale Stoßwellentherapie (DIGEST) Gegenanzeigen formuliert: Patientinnen und Patienten mit Blutgerinnungsstörungen und bösartigen Grunderkrankungen sowie Träger von Herzschrittmachern und Schwangere sollten demnach nicht mit Stoßwellen behandelt werden.


Außerdem darf die Stoßwellentherapie nicht durchgeführt werden, wenn die Schallwellen dabei akute Weichteil- oder Knocheninfekte sowie offene Wachstumsfugen, Lungengewebe, den Darm, große Blutgefäße, Nerven, das Gehirn oder das Rückenmark durchdringen müssen.

 

Kosten der Stoßwellentherapie

Ihr Arzt rechnet mit Ihnen entsprechend der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) ab.

 

Üblicherweise werden mehrfache Sätze berechnet, weil das Verfahren einen hohen Aufwand für die Arztpraxis bedeutet. Auch für das Orten der Behandlungsstelle per Ultraschall- oder Röntgenbild, für das örtliche Betäuben und für Beratungsleistungen können Extrakosten berechnet werden.


Insgesamt können sich die Gesamtkosten für eine Stoßwellentherapie daher durchaus auf mehrere hundert Euro pro Sitzung belaufen.

  • Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, wie hoch die Erfolgschancen einer Stoßwellentherapie in Ihrem Fall sind. Bedenken Sie auch, dass sich die maximalen Effekte der Stoßwellentherapie erst nach drei Monaten zeigen.
  • Lassen Sie sich erläutern, wie der voraussichtliche Verlauf ihrer Erkrankung wäre, wenn Sie die Behandlung nicht durchführen lassen.
  • Schließen Sie vor Beginn der Stoßwellentherapie einen Behandlungsvertrag mit Ihrem Arzt ab. In diesem Vertrag sollten die enthaltenen Leistungen und Preise genau festgelegt sein. Beachten Sie dabei auch, dass die Stoßwellentherapie eventuell mehrere Sitzungen umfassen wird.