Was versteht man unter einem DiGeorge-Syndrom?

Mitte der 60er Jahre entdeckte der Arzt Angelo DiGeorge, dass bestimmte Krankheitssymptome bei Neugeborenen überdurchschnittlich oft gemeinsam auftraten. Dazu gehören eine Nebenschilddrüsen-Unterfunktion, eine unterentwickelte oder fehlende Thymusdrüse, bestimmte angeborene Herzfehler und eine Lippen- beziehungsweise Gaumenspalte. Dieser Symptomkomplex erhielt den Namen DiGeorge-Syndrom.

 

Dank der verbesserten Möglichkeiten in der genetischen Diagnostik fanden Wissenschaftler dann in den 80er Jahren die Ursache der Erkrankung. Etwa 90 bis 95 Prozent der Patienten mit den Zeichen eines DiGeorge-Syndroms haben einen Defekt im Erbgut: Auf ihrem Chromosom 22 fehlt ein kleines Stück DNA und zwar in der sogenannten q11-Region. Man spricht von einer Deletion. Der genetische Defekt beeinflusst bereits im Mutterleib die Entwicklung bestimmter Gewebetypen, was dann die typischen Krankheitszeichen verursacht.

 

Die 22q11-Deletion ist einer der häufigsten Chromosomendefekte, nach Schätzungen tritt sie bei einem von 2.000 bis 6.000 Neugeborenen auf.

 

Welche Ursachen hat die Krankheit?

Bei einigen Betroffenen scheint eine familiäre Veranlagung eine Rolle zu spielen, das heißt, die Eltern geben die Chromosomen-Deletion an ihre Kinder weiter, wobei die Eltern aufgrund des Vererbungsmechanismus aber nicht zwangsläufig selbst unter einen DiGeorge-Syndrom leiden müssen. Sehr viel häufiger tritt der Defekt rein zufällig auf, warum ist nicht bekannt.

 

Auf der q11-Region des Chromosoms 22 befinden sich schätzungsweise bis zu 40 Gene, deren exakte Aufgaben allerdings kaum erforscht sind. Wenn dieser Abschnitt aber wie beim DiGeorge-Syndrom fehlt, ist die Entwicklung bestimmter Zellverbände bereits im Mutterleib gestört, die Kinder kommen also krank zur Welt.

 

Für das Verständnis des DiGeorge-Syndroms muss man wissen, dass verschiedene Organe bei der Embryonalentwicklung aus gemeinsamen Vorläuferstrukturen hervorgehen. Bestimmte Gesichtsanteile, Herz, Nebenschilddrüse und Thymusgewebe bilden sich beim Ungeborenen aus demselben Zellfeld heraus, nämlich aus der sogenannten dritten und vierten Schlundtasche. Die Chromosonen-Deletion stört diesen Prozess, was erklärt, warum bei der Krankheit oft die gleichen Organe betroffen sind. 

 

Wie äußert sich das DiGeorge-Syndrom? 

Obwohl Angelo DiGeorge das nach ihm benannte Syndrom als einen Komplex von vier Krankheitszeichen beschrieben hat, leidet längst nicht jedes Kind unter denselben Beschwerden. Die Symptome sind je nach Schwere der Krankheit sehr variabel und können mehr oder minder ausgeprägt oder auch gar nicht vorhanden sein. In der Literatur wurde eine Vielzahl möglicher Folgen der 22q11-Deletion beschrieben. Die häufigsten sind:

  • Angeborene Herzfehler, oft mit Beteiligung der Hauptschlagader: Typisch ist beispielsweise die sogenannte Fallot‘sche Tetralogie, ein kombinierter Defekt von Herzklappen, Herzwand und der aus den Herzkammern abgehenden Gefäße.
  • Nebenschilddrüsen-Unterfunktion (Hypoparathyreoidismus): Das hat vor allem Auswirkungen auf den Kalziumhaushalt. Sowohl die Aufnahme aus dem Darm als auch die Freisetzung aus den Knochen ist verringert, was zu einem Kalziummangel führt.
  • Unterentwicklung oder vollständiges Fehlen des Thymus (Thymushypoplasie beziehungsweise -aplasie). Das Organ hat normalerweise die Aufgabe, die im Immunsystem so wichtigen Lymphozyten für die Abwehr von Krankheitserregern auszubilden. Durch den Thymusdefekt können Kinder mit DiGeorge-Syndrom anfällig für Infektionskrankheiten sein.
  • Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte. Durch die genetische Störung wachsen die im Mutterleib symmetrisch angelegten Strukturen des Mund- und Gaumenbereichs nicht vollständig zusammen, es bleibt eine mehr oder minder große Spalte offen. Im Säuglingsalter äußert sich das in Form von Schwierigkeiten beim Trinken und Schluckstörungen. Ältere Kinder leiden unter häufigen Mittelohrentzündungen, die nicht selten bleibende Hörschäden nach sich ziehen. Das Symptom wurde früher als Wolfsrachen bezeichnet.
  • Relativ kleiner Kopf und auffällige Gesichtsform mit kleinem Mund und Kinn sowie einer schräg nach außen ansteigenden Augenform, zudem tiefsitzende und abstehende Ohren.
  • Lernschwierigkeiten, Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, soziale Probleme. 

Wie wird die Krankheit diagnostiziert?

Bei vielen Kindern macht sich das DiGeorge-Syndrom in den ersten ein, zwei Tagen ihres Lebens durch den angeborenen Kalziummangel bemerkbar, sie leiden unter anfallsartigen Krämpfen der Muskulatur. Eine Bestimmung des Kalziumspiegels im Blut lenkt den Verdacht auf die Krankheit.

 

Außerdem sind die kleinen Patienten in Folge des Herzfehlers oft sehr schwach und tun sich beim Atmen schwer. Um zu klären, welche Organe noch betroffen sind und ob es sich um ein DiGeorge-Syndrom handelt, schließen sich dann verschiedene Untersuchungen an.

 

Mithilfe einer Ultraschalluntersuchung (Sonografie) lässt sich ein Thymusdefekt diagnostizieren, eine Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiografie) macht Herzfehler sichtbar. Auch Röntgenuntersuchungen sind aufschlussreich. Besonders wichtig ist die Überprüfung der Funktion des Immunsystems mit speziellen Blutuntersuchungen.

 

Sprechen die Symptome für die Krankheit, führt ein Arzt zur endgültigen Sicherung der Diagnose spezielle genetische Bluttests durch, mit denen die Deletion auf dem Chromosom 22 direkt nachgewiesen werden kann.

 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Therapie des DiGeorge-Syndroms hängt sehr stark davon ab, unter welchen Symptomen die Kinder leiden und wie ausgeprägt diese sind. In den ersten Lebenstagen steht oft die Behandlung des Kalziummangels im Vordergrund, der schnell lebensbedrohlich werden kann. Hierbei kann die Gabe von Kalzium oder Vitamin D und eine phosphorarme Ernährung helfen.

 

Viele Herzfehler lassen sich operativ korrigieren. Ob der Eingriff sofort durchgeführt werden muss oder warten kann, bis der Säugling etwas größer und robuster ist, hängt von der Schwere der Fehlbildung ab.

 

Die langfristige Behandlung eines eventuellen Immundefekts wird von Experten kontrovers diskutiert - in jedem Fall brauchen diese Kinder besonderen Schutz vor Krankheitskeimen. Schon beim ersten Zeichen einer Infektion mit Bakterien sollten die betroffenen Kinder Antibiotika (bakterienabtötende Medikamente) erhalten. Je nach Ausprägung des Immundefekts kommen auch Transplantation von Thymusgewebe oder von bestimmten Zellen aus dem Knochenmark gesunder Spender, beispielsweise von Geschwistern, oder die Gabe von Antikörpern infrage.

 

Eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte kann operiert werden.

 

Das DiGeorge-Syndrom ist nicht heilbar und erfordert deswegen nicht selten eine lebenslängliche Behandlung. Für die Kinder selbst, aber auch für viele Eltern bedeutet das oft eine enorme Belastung. Hier können Selbsthilfegruppen wertvolle Unterstützung bieten.

 

Wenn man bemerkt, dass sich der Nachwuchs beim Lernen schwer tut, ist eine optimale Förderung sehr wichtig. Hier gilt: Je früher, desto besser. Sonderpädagogische Einrichtungen bieten bereits im Kleinkindalter Programme, die speziell auf die individuelle Intelligenz des einzelnen Kindes abgestimmt sind. Besonders bewährt haben sich Integrationskindergärten und -schulen, in denen gesunde und kranke Kinder gemeinsam spielen und lernen.

 

Welche Prognose haben die Betroffenen?

Wirklich heilen lässt sich das DiGeorge-Syndrom nicht, aber die Medizin hat bei der Behandlung der Symptome große Fortschritte gemacht. Nur ein kleiner Prozentsatz der Kinder überlebt das erste Jahr nicht. Ursache sind meist inoperable Herzfehler oder gravierende Störungen der Immunabwehr.