Was versteht man unter einer Querschnittslähmung?

Unter einer Querschnittslähmung versteht man die Folgen einer kompletten Durchtrennung oder inkompletten Schädigung des Rückenmarksquerschnitts. Es zeigt sich ein Lähmungsbild mit Ausfall motorischer, sensibler und/oder vegetativer Körperfunktionen unterhalb der Schädigung. Je nach der Schwere unterscheidet man eine komplette Lähmung (Plegie) von einer inkompletten Lähmung (Parese).

 

Das Rückenmark als Teil des zentralen Nervensystems beginnt oberhalb des ersten Halswirbels und endet über dem zweiten Lendenwirbel. Es liegt gut geschützt im knöchernen Spinalkanal der Wirbelsäule und leitet die im Gehirn entstehenden Nervenimpulse für eine Bewegung an Muskeln weiter. Sensorische Signale wie etwa Berührungen oder Informationen zur momentanen Position einer Gliedmaße werden über die Nervenbahnen an das Gehirn übermittelt. Auch die Kontrolle der Funktion der inneren Organe wie die Herzfrequenz oder die Weite der Blutgefäße erfolgt über spezielle Nervenstränge im Rückenmark, nämlich den aktivierenden Sympathikus und seinen Gegenspieler, den Parasympathikus. Sie bilden das vegetative Nervensystem.

 

Wie sich eine Querschnittslähmung äußert, hängt von der Höhe der Verletzung ab. Das Rückenmark ist in verschiedene Segmente unterteilt, wobei jedes Segment für die Steuerung bestimmter Muskelgruppen und Organfunktionen verantwortlich ist. Aus dem Rückenmark im Bereich der Halswirbelsäule entspringen auf jeder Seite acht Nervenstränge, die Spinalnerven.

 

Bei Verletzung des Rückenmarks auf Höhe des vierten Wirbelkörpers (oder höher) ist beispielweise keine eigenständige Atmung mehr möglich, da die oberen vier Spinalnerven (C1-C4) den Hals und die Halsmuskulatur, aber auch das Zwerchfell durchziehen. Die unteren vier (C5–C8; Anmerkung: Es gibt sieben Halswirbel, aber acht Halsnerven) sind unter anderem für die Steuerung der Brust- und Armmuskulatur zuständig. Durchtrennungen des Rückenmarks führen zu Ausfällen derjenigen Funktionen, die von den darunterliegenden Bereichen der Wirbelsäule gesteuert werden, da die Verbindung zum Gehirn unterbrochen ist.

 

Sind Arme und Beine von der Querschnittslähmung betroffen, spricht man von einer Tetraplegie, bei ausschließlicher Lähmung der Beine von einer Paraplegie.

 

Welche Ursachen hat die Querschnittslähmung?

Prinzipiell können alle Krankheiten, die das Rückenmark zerstören, zu einer Querschnittslähmung führen. Dies können Tumore, Infektionen, Gefäßerkrankungen oder Strahlenschäden sein. Die mit weitem Abstand häufigste Ursache sind Verletzungen der Wirbelsäule. Fast die Hälfte aller Querschnittslähmungen geht auf das Konto von Autounfällen. Fahrradunfälle und Stürze aus größeren Höhen sind ebenfalls relativ häufig.

 

Man geht davon aus, dass nur ein Drittel der Nervenzellen durch die akute Verletzung zerstört werden, zwei Drittel fallen den langfristigeren Folgeschäden, etwa durch Entzündungsreaktionen und Narbenbildung, zum Opfer. In Deutschland erleiden jedes Jahr rund 1.500 Menschen eine Querschnittslähmung.


Es wird geschätzt, dass weltweit etwa 130.000 Menschen jährlich eine Querschnittslähmung als Folge eines Unfalls erleiden, zum Beispiel eines Auto-, Motorrad- oder Skiunfalls. Männer sind mit circa 70% häufiger betroffen; das durchschnittliche Lebensalter zum Zeitpunkt des Unfalls liegt bei etwa 40 Jahren. Über krankheitsbedingte Querschnittslähmungen liegen keine offiziellen Häufigkeitsangaben vor. Allerdings steigt deren Häufigkeit mit der Alterung der Bevölkerung deutlich an. Unter den nicht traumatischen Querschnittslähmungen wird die Multiple Sklerose als häufigste Ursache (43 Prozent) angegeben.

 

Welche akuten Folgen hat die Quer­schnittslähmung?

Akut führt eine Unterbrechung des Rückenmarks zum gefürchteten Krankheitsbild des spinalen Schocks. Unterhalb des geschädigten Segmentes sind alle Regulationsmechanismen gestört mit der Folge von 

  • schlaffen Lähmungen der betroffenen Gliedmaßen. Die Betroffenen können diese weder bewegen noch fühlen.
  • Störungen vegetativer Steuerungsmechanismen: Weitstellen der Blutgefäße mit Versacken des Blutes in den Beinen und lebensbedrohlichem Kreislaufversagen.
  • Versagen lebenswichtiger Funktionen wie Herzschlag und Atmung (bei Verletzungen oberhalb des fünften Brustwirbels). 

Wegen des spinalen Schocks ist jede Rückenmarksverletzung ein akuter Notfall – schon beim bloßen Verdacht sollte so schnell wie möglich der Notarzt gerufen werden. Auf der Intensivstation lässt sich der Ausfall wichtiger Organfunktionen zumindest teilweise behandeln.

 

Der spinale Schock kann wenige Stunden bis mehrere Monate dauern. Meist geht er nach etwa sechs Wochen in das dauerhafte Krankheitsbild der Querschnittslähmung über.

 

Wie äußert sich die Querschnittslähmung langfristig?

Langfristige Krankheitserscheinungen hängen von der Höhe und der Ausprägung der Rückenmarksverletzungen ab.

 

Bei inkompletten Lähmungen (Paresen) sind einzelne motorische oder sensible Funktionen teilweise oder vollständig erhalten. Bei kompletten Lähmungen (Plegien) sind die motorischen und sensiblen Funktionen vollständig verloren gegangen.

 

Bei Verletzungen der Lendenwirbelsäule sind die Beine betroffen. Ist das Brustmark verletzt, sind die Arme betroffen. Besonders schlimm sind Verletzungen oberhalb des vierten Brustwirbels, denn dann kann das Zwerchfell gelähmt sein, sodass die Betroffenen ohne künstliche Beatmung nicht überleben können.

 

Die zunächst schlaffe Lähmung geht nach einigen Wochen in eine spastische Lähmung über, bei der die Muskeln angespannt und verkrampft sind. Ursache ist die Bildung neuer, aber nicht funktionstüchtiger Nervenverbindungen im Rückenmark. Im Bereich der Lähmungen können auch die Sinnesempfindungen ausfallen. Betroffene spüren weder Schmerz noch Berührungen oder Temperaturen und können die Lage ihrer Gliedmaßen nicht mehr wahrnehmen.

 

Das für die Steuerung der Organfunktion zuständige vegetative Nervensystem erholt sich nach der Phase des spinalen Schocks meist zumindest teilweise. Allerdings leiden fast alle Patienten mit Querschnittslähmung unter einer gestörten Blasenfunktion und Darmentleerung (Inkontinenz).

 

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Der Verdacht auf eine Querschnittslähmung ergibt sich zumeist aus der Schilderung des Unfallhergangs und einer groben neurologischen Untersuchung. Hier prüft der Arzt die Motorik und Sensibilität des Rumpfes und der Gliedmaßen mit seinen Händen und einfachen Hilfsmitteln wie einer Nadel. Außerdem prüft er die Reflexe. Zusätzlich wird der Arzt die Atem-, Blasen-, Darm- und Herzfunktion des Betroffenen untersuchen.

 

Ein Röntgenbild der Wirbelsäule gibt Aufschluss über knöcherne Verletzungen. Mithilfe der Computer- oder der Magnetresonanztomografie lassen sich Ausmaß und Lokalisation der Schäden am Rückenmark sichtbar machen. Der Befund dieser bildgebenden Verfahren entscheidet auch darüber, ob eine Operation sinnvoll ist.

 

Alle weiteren Untersuchungen dienen dazu, die Folgen der Rückenmarksverletzung auf die Organsysteme zu beurteilen. Dazu gehören unter anderem Ultraschalluntersuchungen von Nieren, Blase und Harnwegen sowie die Messung von Herzfrequenz und Blutdruck.

 

Wie wird die Querschnittslähmung behandelt?

Die Versorgung von Patienten mit Rückenmarksverletzungen sollte in speziellen medizinischen Zentren erfolgen. In der Akutphase ist die Behandlung des spinalen Schocks am wichtigsten. Meist kommen die Patienten auf die Intensivstation zur Überwachung und Stabilisierung von Herz- und Kreislauffunktion sowie anderer Organfunktionen.

 

Besonders bei instabilen Wirbelbrüchen kann eine Operation sinnvoll sein, um die Stabilität der Wirbelsäule wieder herzustellen und so weitere Schädigungen etwa durch Bewegungen zu vermeiden. Auch bei einer Quetschung des Rückenmarks erfolgt häufig eine Operation mit dem Ziel, weitere Schäden am Rückenmark zu verhindern.

 

In der akuten Phase bekommen die Betroffenen hochdosiert Glukokortikoide (Kortison). Diese unterdrücken die Entzündungsreaktion und können so sekundäre Schäden der Nervenzellen mildern.

 

Sehr wichtig sind auch die richtige Lagerung und das Umbetten der Patienten alle zwei bis drei Stunden. Diese Maßnahmen sollen dafür sorgen, dass sich die Muskeln nicht verkrampfen und keine Druckgeschwüre entstehen.

 

Zusätzlich erhält der Betroffene schmerzlindernde Medikamente, um zu verhindern, dass die Schmerzen chronisch werden.

 

Welche bleibenden Folgen die Rückenmarksverletzung hat, wird in der Regel nach sechs bis acht Wochen deutlich. Die dann sichtbare Querschnittslähmung ist nicht mehr rückgängig zu machen, zumindest nicht mit den heutigen Therapiemethoden.

 

Wie sehen die Rehabilitation und das Leben mit der Krankheit aus?

Für fast alle Betroffenen ist die Diagnose Querschnittslähmung zunächst ein Schock. Bedeutet sie doch, dass der Patient für den Rest des Lebens an den Rollstuhl gefesselt und immer auf fremde Hilfe angewiesen sein wird. Doch Unabhängigkeit und Leistungsfähigkeit lassen sich oft trainieren, sodass Sport, Berufstätigkeit und Familienleben weitgehend intakt sein können. Ziel von Rehabilitationsmaßnahmen ist deshalb das Erreichen der größtmöglichen Selbstständigkeit.

 

Während der Rehabilitation spielen die Physiotherapie (Krankengymnastik) und die Ergotherapie (Bewegungstherapie) eine entscheidende Rolle. Zum einen trainieren Übungen gezielt intakte Muskeln. Zum anderen können, sofern noch ein kleiner Teil der Nervenzellen intakt ist, auch gelähmte Gliedmaßen neue Bewegungen erlernen. Der subjektive Zustand der Betroffenen bessert sich dadurch oft deutlich.

 

Wegen der Blasenstörung brauchen viele Querschnittsgelähmte einen Blasenkatheter. Eine Möglichkeit ist der Dauerkatheter, der alle drei bis vier Wochen gewechselt wird. Viele Betroffene legen sich aber lieber mehrmals am Tag selbst einen Katheter. Durch intensives Training ist es auch möglich, die Blase willentlich mithilfe der Bauchpresse zu entleeren.

 

Hilfsmittel wie Treppenaufzüge, Spezialbesteck und vieles mehr erleichtern den Patienten den Alltag. Selbsthilfegruppen bieten wertvolle Tipps und psychische Unterstützung in dieser schwierigen Lebenssituation.

 

Wie sind die Heilungsaussichten?

Eine komplette Querschnittslähmung ist bislang nicht rückgängig zu machen. Die Behandlungsmöglichkeiten beschränken sich daher darauf, Folgen wie Muskelverkürzungen oder Druckgeschwüre zu verhindern, und den Betroffenen ein Höchstmaß an Lebensqualität zu ermöglichen.

 

Durch einen Unfall querschnittsgelähmte Menschen haben eine kaum verkürzte Lebenserwartung. Diese ist unter anderem vom Grad der Verletzung abhängig. Tetraplegiker haben eine um etwa acht Jahre verkürzte Lebenszeit. Bei langfristiger künstlicher Beatmung verkürzt sich die Lebenszeit hingegen stark.

 

Überall in der Welt wird nach Möglichkeiten geforscht, die den gelähmten Gliedmaßen die Beweglichkeit wiedergeben sollen, sei es durch Medikamente, die die Regeneration der geschädigten Nervenzellen fördern und ihr Wachstum unterstützen oder auch durch künstliche Implantate, sogenannte Neuroprothesen. Erste Zwischenergebnisse dieser Bemühungen sind vielversprechend. Die Heilungsaussichten bei Querschnittslähmungen könnten sich also in den nächsten Jahren deutlich verbessern.