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Kran­ken­ver­si­che­rung wird Pflicht - die Geburts­stunde der TK (1/4)

Am 27. Oktober 1884 wurde die "Eingeschriebene Hilfskasse für Architekten, Ingenieure und Techniker" zugelassen. Die Gründung erfolgte am 3. August 1884. Dies ist die Geburtsstunde der TK. 

Werner von Siemens konstruierte 1881 die erste elektrische Straßenbahn der Welt. Carl Benz gründete 1883 die "Benz & Co., Rheinische Gasmotorenfabrik". Alfred Krupp errichtete zwischen 1847 und 1887 einen Stahlkonzern von internationaler Bedeutung. Während Industrie und Wirtschaft seit Beginn des 19. Jahrhunderts florierten, lebte die neu entstandene Schicht der Arbeiter und Angestellten im sozialen Elend. Die Techniker Deutschlands gerieten mehr und mehr in eine wirtschaftliche und soziale Notlage. Es gab weder eine Rentenversicherung noch eine ausreichende Unfall- oder Krankenversicherung.

Am 15. Juni 1883 lässt Kaiser Wilhelm I. durch den Kanzler, Fürst Bismarck, das "Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter" verkünden. Zum ersten Mal wird in Europa eine Versicherungspflicht eingeführt, die das Wohl der Arbeiter zum Gegenstand hat. Das Gesetz garantiert freie ärztliche Behandlung und Krankengeld. Die Versicherungsbeiträge haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber je zur Hälfte zu tragen. Hinter dem Gesetz steht ein klares politisches Ziel: Der sozialistischen Arbeiterbewegung soll der Wind aus den Segeln genommen werden.

Die Geburtsstunde der TK

Der Deutsche Technikerverband ruft eine eigene Krankenkasse ins Leben, die nach dem Prinzip der Selbstverwaltung organisiert ist. Bis zur Gründung der "Eingeschriebenen Hilfskasse für Architekten, Ingenieure und Techniker Deutschlands" waren alle Standesangehörigen gezwungen, einer "mehr für Gesellen und Tagesarbeiter berechneten Kasse angehören zu müssen".

Oberstes Ziel der Hilfskasse mit Sitz in Berlin war in den Gründungsjahren der Aufbau eines sicheren wirtschaftlichen Fundaments. Nur so konnte sie ihre Mitglieder gerade in schwierigen Lebensphasen effektiv unterstützen.

Der erste Hauptsitz der "Hilfskasse für Architekten, Ingenieure und Techniker" wurde in der Berliner Markgrafenstraße in Berlin-Mitte eingerichtet. Kurze Zeit später zog die Kasse in die Große Präsidentenstraße im selben Bezirk um. Zur Generalversammlung der Kasse in Berlin im Januar 1888 erschienen neben zahlreichen Abgeordneten aus Berlin auch Vertreter der Ortsverwaltungen aus Dresden, Frankfurt a.M., Grabow, Leipzig und Magdeburg.

Ersatzkasse oder doch lieber private Krankenversicherung?

Das Jahr 1927 sollte für die heutige Techniker Krankenkasse den entscheidenden Wendepunkt in ihrer Geschichte bringen. Dabei war die Ausgangssituation alles andere als vielversprechend. Durch die verpasste Anmeldung als Ersatzkasse 1913 konnte der "Krankenversicherungsverein auf Gegenseitigkeit für Ingenieure, Architekten und Techniker Deutschlands" lediglich als Zuschusskasse agieren. Die Aufnahme versicherungspflichtiger Mitglieder anstelle der gesetzlichen Krankenversicherung war dem Verein nicht erlaubt. Über die Jahre verlor der Verein dadurch drei Viertel seiner Mitglieder. Zählte man 1913 fast 4000, verblieben 1927 nur noch 908 Mitglieder – ein historischer Tiefstand. Zudem schien das Monopol der bestehenden Ersatzkassen unüberwindbar. Versuche, an den gesetzlichen Vorgaben etwas zu ändern, scheiterten.

Politische Unruhen, Streiks und Wirtschaftskrise sind Folgen des Ersten Weltkriegs. Für die Techniker bedeutet das: "Insbesondere ältere Angestellte - zwischen 35 und 40 Jahren - und unter ihnen wieder die Techniker weisen eine erschreckend hohe und langandauernde Arbeitslosigkeit auf." Am 27. Mai 1919 wird der "Bund der technischen Angestellten und Beamten" - kurz BUTAB - ins Leben gerufen. Als starke Gewerkschaft setzt sich der BUTAB wirkungsvoll für die Belange der Techniker ein.

Berufskrankenkasse deutscher Techniker, Ersatzkasse

Berufsverbände mit mehr als 10.000 Mitgliedern hatten dann bis zum Jahresende die Möglichkeit, ihren Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit in eine Ersatzkasse umwandeln zu lassen. Der Gewerkschaftsbund BUTAB macht dem Krankenversicherungsverein der Techniker ein entsprechendes Angebot. Am 17. Oktober entsteht die "Berufskrankenkasse deutscher Techniker, Ersatzkasse".

1927: Viele neue Mitglieder

"Unsere Berufskrankenkasse hat sich in den wenigen Monaten ihres Bestehens in überaus erfreulicher Weise entwickelt." stellt der BUTAB im Geschäftsbericht 1926/27 fest. "Am 31. Dezember 1927 waren bereits 5.404 Personen in der Kasse gegen Krankheit versichert." Viele ehemalige und neue Mitglieder entscheiden sich spontan für einen Beitritt, denn die neu gegründete Kasse ist ausgesprochen service- und leistungsstark: Beitragsfreiheit während einer längeren Krankheit, Ruhen der Mitgliedschaft bei Arbeitslosigkeit ...

Die Selbstverwaltung wird 1933 aufgelöst

In der Zeit zwischen 1933 und 1945 galt für die TK das, was damals für alle Kassen galt: Sie wurden den Interessen der Nationalsozialisten untergeordnet, ihre Selbstverwaltung wurde aufgelöst und die Führungspositionen mit NS-Funktionären besetzt, die in der Regel vom Geschäft der Kassenführung keinerlei Kenntnisse besaßen.

Die Bombardierungen während des Zweiten Weltkrieges trafen die Kasse hart: Allein im Oktober und November 1943 wurden vier Geschäftsstellen ausgebombt. Am 22. und 23. November 1943 fiel auch die Hauptverwaltung in der Alten Jakobstraße 81/82 in Berlin einem Bombenangriff zum Opfer. Die Berufskrankenkasse der Techniker - so nannte sich die TK in der damaligen Zeit - hatte dieses Gebäude erst 1939 erworben, nur etwas mehr als vier Jahre später lag es in Trümmern. Im März 1945 wurde durch einen erneuten Fliegerangriff endgültig alles dem Boden gleich gemacht.

Das Bürogebäude und die meisten Geschäftsunterlagen waren zerstört. Lediglich ein Teil der Mitgliederkartei konnte ausgegraben werden. Sie wurde nach Deutsch Krone (heute Walcz) ausgelagert, ging jedoch bei der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee verloren. Bei Kriegsende stand die Kasse vor dem Nichts.

Der Ruf nach der Einheitsversicherung verhallte schnell wieder

Im vom Krieg gezeichneten Deutschland schienen die Würfel gefallen: Sowjetische Besatzer, Westalliierte und auch viele deutsche Experten hielten es für angebracht, das traditionelle „ständische“ System der deutschen Sozialversicherung abzuschaffen. Auflösung aller berufsständischen und betrieblichen Krankenkassen, Vereinheitlichung von Leistungen und Beiträgen, Zentralisierung der Kassenverwaltung - das Rezept zum Neuaufbau des durch den Krieg und seine Nachwirkungen völlig zerrütteten Gesundheitssystems war ebenso einfach wie radikal. Zum zweiten Mal seit 1933 stand damit auch die Existenz der Berufskrankenkasse der Techniker auf dem Spiel.

Mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 war das Projekt Einheitsversicherung jedoch gescheitert, denn die demokratische Mehrheit der Deutschen war für ein Festhalten an der berufsständischen Organisation. Das Grundgesetz und das Sozialversicherungs-Anpassungsgesetz aus dem Mai und Juni 1949 gaben den Berufskrankenkassen wieder Rechtssicherheit. Vor allem haben die Identifikation der Mitglieder mit ihrem Berufsstand und die gute Vernetzung und Kooperation zwischen Gewerkschaften und Angestelltenkassen die Berufskrankenkasse der Techniker vor dem Untergang in der Einheitsversicherung bewahrt.