TK: Mit welchen Bedürfnissen kommen Krebspatientinnen und -patienten vor allem auf Sie zu?

Monika Kohl: Die Anliegen der Betroffenen können sehr unterschiedlich sein. Durch eine Krebsdiagnose verändert sich für die meisten Menschen sehr schnell der gewohnte Alltag. Gleichzeitig treten oft Unsicherheiten im Umgang mit der neuen Situation auf, für die sich Betroffene Unterstützung und Orientierung wünschen. Zum einen kann das der Umgang mit seelischen und körperlichen Belastungen sein, wie zum Beispiel intensive Gefühle, zum anderen aber auch ganz konkrete Fragen, wie beispielsweise zu sozialrechtlichen Angelegenheiten.

Durch eine Krebsdiagnose verändert sich für die meisten Menschen sehr schnell der gewohnte Alltag.
Monika Kohl

Wir arbeiten mit den Betroffenen dann heraus, was die aktuelle Situation aus der jeweiligen Sicht ausmacht und wie sie - je nach eigenen Bedürfnissen, Möglichkeiten und Lebensumständen - damit umgehen können. Jeder Mensch hat eigene Strategien, mit belastenden Situationen umzugehen, sodass im gemeinsamen Gespräch der jeweilige Weg gefunden wird, Handlungsoptionen zu erkennen und gegebenenfalls zu erweitern.

Monika Kohl

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Psychologin und Beraterin bei der Psychosozialen Beratungsstelle 

TK: Wo sehen Sie den größten Aufklärungsbedarf, mit welchen Fragen kommen Betroffene immer wieder auf Sie zu?

Jeder Mensch hat eigene Strategien, mit belastenden Situationen umzugehen.
Monika Kohl

Kohl: Das Spektrum an Fragen ist wirklich sehr breit. Oftmals geht es dabei um den Erhalt der Lebensqualität trotz der Belastungen, um Entscheidungen, bei denen Unsicherheit besteht oder auch konkrete Fragen wie zum Beispiel zu Schwerbehinderung, Reha, Krankengeld oder Erwerbsminderungsrente. Eine Krebserkrankung kann alle Bereiche des Lebens beeinflussen: von der Partnerschaft bis zur Familienplanung über das berufliche Leben bis hin zur Freizeitgestaltung.

TK: Mit welchen Ratschlägen unterstützen Sie Angehörige in der Beratung?

Kohl: Angehörige sind mitunter belasteter, als Erkrankte. Sie machen sich nicht nur große Sorgen um ihre Lieben, sondern sind durch die Erkrankung oft mit zusätzlichen Aufgaben im Alltag konfrontiert. Und nicht selten entsteht der Leidensdruck auch, weil man den Eindruck hat, wenig zur Linderung beitragen zu können. Auch hier gibt es wenig allgemeingültige Ratschläge. Vielmehr betrachten wir die vielfältigen Veränderungen genauer, um hilfreiche Strategien für die Bewältigung der Situation zu erarbeiten. Auch Beratung über den Austausch mit Erkrankten über die neue Situation, die jeweiligen Bedürfnisse und Möglichkeiten zu kennen und mitzuteilen, ist wichtig, um gut durch die verschiedenen Phasen der Erkrankung zu kommen. Wichtig ist, anzuerkennen, dass auch die seelischen und körperlichen Kräfte von gesunden Menschen endlich sind und Angehörige oftmals auch auf die eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten achten sollten. Letzteres gestehen sie sich oft zu wenig ein.

TK: Welche Erlebnisse aus der Krebsberatung sind Ihnen in besonderer Erinnerung?

Kohl: Immer wieder beeindruckt bin ich davon, wie unglaublich resilient (psychisch widerstandsfähig) Erkrankte und Angehörige oftmals sind. Trotz großer Veränderungen, Unsicherheiten, Belastungen und auch Verzweiflung sind viele Menschen doch in der Lage, sich dem Lauf des Lebens anzuvertrauen und das für sie Beste aus der schwierigen Situation zu machen. Und oftmals findet trotz erheblicher Einschränkungen ein persönliches Wachstum statt, das die Menschen zu den für sie wirklich relevanten Dingen im Leben führt.

TK: Durch den medizinischen Fortschritt kann Krebs heute früher erkannt und geheilt werden. Wie hat sich dadurch auch die Krebsberatung verändert?

Mich beeindruckt, wie unglaublich resilient Erkrankte und Angehörige oftmals sind.
Monika Kohl

Kohl: Die dynamische Entwicklung auf dem Gebiet der Krebstherapien eröffnet Perspektiven mit der Krankheit leben zu lernen, was sehr erfreulich ist. Das Thema Lebensqualität wird zu einem zentralen Aspekt in der Beratung. Mehr Möglichkeiten zu haben, geht mit umfassenderen Entscheidungen einher. Dabei gilt es abzuwägen, was für den Einzelnen jetzt und in Zukunft wichtig ist. Sich damit auseinanderzusetzen ist oft eine große Herausforderung, bei der wir gerne unterstützen.

TK: Inwiefern hat sich Ihre Beratungstätigkeit in den letzten Jahren durch den Einsatz digitaler Mittel verändert? Gelingt Ihnen die Ansprache neuer (jüngerer) Zielgruppen?

Kohl: Die Beratungstätigkeit im engeren Sinne verändert sich durch digitale Medien weniger. Im Mittelpunkt steht ja immer der Mensch mit seinen Bedürfnissen und seiner individuellen Situation. Das digitale Beratungsangebot in der Bayerischen Krebsgesellschaft wird oft von jüngeren Betroffenen genutzt, die wie ich finde, selbstverständlicher persönliche Beratungsangebote in Anspruch nehmen.

TK: Sie bieten nun zusätzlich eine Online-Beratung an. Wie unterscheidet sie sich von der persönlichen Beratung?

Kohl: Inhaltlich erst mal wenig. Eine Beratung via Telefon oder Video durchzuführen, ist auch in den Krebsberatungsstellen vor Ort möglich. Die zusätzliche Online-Beratung vereinfacht den Zugang allerdings. Die Terminbuchung ist online und unabhängig von Sprechzeiten möglich und Email-Anfragen können jederzeit gesendet werden. Wer möchte, kann auch anonym beraten werden. Vielleicht überwiegen für das Online-Angebot die ganz konkreten Fragen etwas mehr als bei den persönlichen "face to face" Beratungen, aber das lässt sich anhand der kurzen Zeit, seitdem es das Angebot gibt, noch nicht abschließend sagen.

Zum Hintergrund

Monika Kohl ist Psychologin (M.Sc.) und arbeitet in der Psychosoziale Krebsberatungsstelle München. Diese finden Betroffene in der Bayerischen Krebsgesellschaft e. V. (BKG) in der Nymphenburger Straße 21a in 80335 München. Erreichbar ist die Krebsberatungsstelle unter der Telefonnummer 089 - 54 88-400 oder per Email kbs-muenchen@bayerische-krebsgesellschaft.de. Außerdem ist die BKG auf YoutubeFacebookInstagram vertreten und gibt einen Newsletter heraus.

Die BKG hat ihr psychosoziales Beratungsangebot um eine moderne Online-Krebsberatung für krebskranke Menschen und deren Angehörige erweitert. Ratsuchende können den digitalen Service jederzeit kostenfrei über die Webseite der Gesellschaft buchen unter: https://bayerische-krebsgesellschaft.assisto.online/

Die BKG wird von der TK im Rahmen der Selbsthilfeförderung unterstützt.