Die Inanspruchnahme der Notfallambulanzen in den Kliniken steigt deutschlandweit stetig an. Wenn Menschen medizinische Hilfe benötigen, ist außerhalb der Praxisöffnungszeiten die Notaufnahme oft die erste Wahl. In Teilen ist dies auch damit begründbar, dass Patienten ihre gesundheitlichen Beschwerden selten medizinisch richtig einschätzen. Diese Unsicherheit geht einher mit Ängsten, aus denen heraus vorsichtshalber die Notaufnahme aufgesucht oder der Notarzt gerufen wird. Die Folge: überlastete Notaufnahmen, lange Wartezeiten, überfordertes Klinikpersonal. Im schlimmsten Fall wird dadurch die Behandlung von Patienten blockiert, die tatsächlich notfallmedizinisch versorgt werden müssen.

Sektorales Denken führt zur Fehlsteuerung

Die Ursachen dafür liegen insbesondere in der sektoralen Trennung der verschiedenen Akteure in der Notfallversorgung: Rettungsdienste, Krankenhäuser und ärztlicher Bereitschaftsdienst der kassenärztlichen Vereinigung sind unterschiedlich organisiert. Für den Patienten, der medizinische Hilfe außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten sucht, sind die Zuständigkeiten unklar.
 

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Dr. Johann Brunkhorst

Der aktuelle Meinungspuls der TK zeigt, dass nicht mal jeder zweite Norddeutsche die bundesweite Rufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116 117 kennt. Kein Wunder, dass im Notfall vorsichthalber direkt die Notaufnahme angesteuert wird. So ergab die Umfrage auch, dass mehr als jeder zweite Norddeutsche innerhalb der letzten zehn Jahre eigenständig eine Notaufnahme aufsuchte. Bei 43 Prozent, konnte der Arzt jedoch Entwarnung geben. Das bedeutet, dass vier von zehn Patienten auch in ambulanter Behandlung gut - mindestens aber genauso gut - aufgehoben wären. Hier liegt eine immense Fehlsteuerung vor, weil der Patient nicht durch den ihm adäquaten Behandlungspfad gelotst wird.

Die Notfallversorgung braucht dringend eine Reform

Dass die Notfallversorgung eine Reform braucht, ist auf Bundesebene konsentiert. Dass die Gesundheitspolitik die Voraussetzungen für eine gezielte Notfallversorgung schaffen soll, wünschen sich sieben von zehn Norddeutschen.

Wir brauchen eine koordinierte, effiziente und effektive Notfallversorgung, die die Patienten verstehen und die zu einer spürbaren Entlastung der Notfallambulanzen führt. Doch wie kann die Notfallversorgung in Zukunft aussehen?

Vorschläge dazu hat der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen (SVR) bereits im September 2017 in seinen vorläufigen Empfehlungen gemacht. Dieser spricht sich für die Einrichtung sogenannter Integrierten Notfallzentren an Kliniken, in einer gemeinsamen Trägerschaft von Kliniken und Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), aus. CDU, CSU und SPD haben in ihrem Koalitionspapier diesen Vorschlag aufgenommen.

Portalpraxen als Dreh- und Angelpunkt in der Notfallversorgung

Ein sinnvoller erster Reformschritt ist die Schaffung sogenannter Portalpraxen. Diese sollten im Rund-um-die-Uhr-Betrieb an geeigneten und landesplanerisch festgelegten Krankenhäusern angegliedert werden. An der imland Klinik in Rendsburg und an der Westküstenklinik in Heide wir dieses "Ein-Tresen-Modell" bereits erfolgreich umgesetzt - unter gemeinsamer Trägerschaft von KV Schleswig-Holstein und den Kliniken.

In diesen Portalpraxen wird der Behandlungsbedarf des Patienten individuell beurteilt: Muss er stationär aufgenommen werden oder ist er bei einem niedergelassenen Arzt in besten Händen? Er wird dann in die für ihn bedarfsgerechte Versorgungstruktur weitergeleitet.

Das „Ein-Tresen-Modell“ wird auch vom SVR Gesundheit aufgegriffen. Insoweit kann die Portalpraxis als Vorstufe eines Integrierten Notfallzentrums im Sinne der SVR-Vorstellungen dienen.

Leitstellen von KV und Rettungsdienst perspektivisch zusammenführen

Der Bereitschaftsdienst der KV Schleswig-Holstein wird über eine landesweite, mit der Rufnummer 116 117 erreichbare Leistelle organisiert. Die Leitstellen von KV und Rettungsdienst sollten perspektivisch zusammengeführt werden, nach einheitlichen Kriterien erreichbar sein und so eine integrierte Notfallversorgung realisieren.

Der SVR Gesundheit spricht sich in seinen vorläufigen Empfehlungen für die Schaffung voll integrierter, regionaler Leitstellen und die Erreichbarkeit über eine bundesweit einheitliche Rufnummer (statt 112 + 116 117) aus.