"Krebspatienten gehören nicht ins Bett, sondern in Bewegung", sagt die Sportwissenschaftlerin und Sporttherapeutin Dr. Regine Söntgerath. Sie erklärt, warum Kinder mit Krebs gerade in der akuten Behandlungsphase Bewegung und Sport brauchen.

"Viele Nebenwirkungen der medizinischen Behandlung wie zum Beispiel körperliche Schwäche, Müdigkeit, Schlafstörungen, Schmerzen und Niedergeschlagenheit lassen sich damit reduzieren. Wir stärken das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl der Kinder und Jugendlichen und helfen ihnen, ihren Emotionen spielerisch Ausdruck zu verleihen. Auch das Miteinander unter den Patienten und die Interaktion zwischen Eltern und Kind können angeregt werden – Bewegung und Sport wirken biopsychosozial - also auf körperlicher, psychischer und zwischenmenschlicher Ebene", so die Sporttherapeutin. 

Wir stärken das Selbstwertgefühl der jungen Krebspatienten.
Dr. Regine Söntgerath

Kraft, Ausdauer, Koordination und Entspannung


Gemeinsam mit ihrem Kollegen Markus Wulftange arbeitet sie auf der Kinderkrebsstation des Universitätsklinikums Leipzig. Die Idee der speziellen Bewegungstherapie entstand vor 18 Jahren. Damals entwickelte Wulftange mit dem damaligen Leiter der Kinderkrebsstation ein Programm, das mittlerweile fester Bestandteil der kinderonkologischen Krebstherapie in Leipzig geworden ist: Eine Mischung aus altersgerechtem Kraft- und Ausdauertraining, Koordinationsübungen und Entspannung. "Natürlich unter Beachtung bestimmter Kontraindikationen wie akute Infektionen, Fieber, starke Schmerzen oder Übelkeit", ergänzt Wulftange. 
 
Zunächst wurde die Therapie ausschließlich über Spenden- und Fördergelder bezahlt. Bis vor einigen Jahren die Techniker Krankenkasse (TK) in Sachsen auf das Projekt aufmerksam wurde und als erste Krankenkasse die Sporttherapie für ihre jungen Versicherten finanzierte. Andere Kassen folgten.   

23 Stunden liegen oder sitzen  

Die jungen Krebspatienten sind im Zuge der Behandlung körperlich sehr inaktiv, liegen viel im Bett und bewegen sich insgesamt nur noch wenig: Zwischen 23 bis 23,5 Stunden am Tag verbringen die Patienten bei stationären Aufenthalten sitzend oder liegend, so wissenschaftliche Untersuchungen. Tatsächlich empfohlen sind für Kinder und Jugendliche mindestens 90 bis 180 Minuten Bewegungszeit täglich. Auch bei Gesunden würde sich der Gesundheitszustand bei so viel Inaktivität deutlich verschlechtern.

Neben der Erkrankung, den Nebenwirkungen der Behandlung und der plötzlichen Veränderung des sozialen Umfelds, belastet die körperliche Inaktivität die Patienten also zusätzlich. "Deshalb sollte so früh wie möglich mit einer individuell an den Zustand, das Alter und die Vorlieben der Kinder und Jugendlichen angepassten Bewegungsförderung begonnen werden", sagt Wulftange.

Mit der Bewegungsförderung sollte so früh wie möglich begonnen werden.
Markus Wulftange

Selbstbestimmt und leistungsfähig 

Studien über den Erfolg von Sporttherapie bei Kindern mit Krebs gibt es bisher noch wenige. "Die Altersgruppen und Krankheitsbilder sind sehr heterogen, dies erschwert die Durchführung von qualitativ hochwertigen Forschungsarbeiten", erklärt Söntgerath. "In den vergangenen Jahren hat sich die Forschungslage jedoch deutlich verbessert.

Die vorhandenen Forschungsergebnisse zeigen, dass Bewegung und Sport während der Therapie vielfältige positive Wirkungen haben. Darüber hinaus eröffnen sie die Möglichkeit, sich während der Erkrankung als selbstbestimmt und leistungsfähig zu erfahren. Bewegung und Sport stellen somit eine Ressource während der Behandlung dar und fördern die Krankheitsbewältigung." 

Beim Sport können die Kinder den Krebs vergessen

Der Erfolg ihrer Arbeit gibt den beiden Sporttherapeuten Recht. Fast täglich erleben sie, wie die kleinen Krebspatienten oft erst zurückhaltend und kurz darauf begeistert im Turnraum der Klinik toben. Söntgerath: "Sobald sie die Sprossenwand hochgeklettert, Fußball gespielt oder auf dem Trampolin gehüpft sind, strahlen sie über beide Ohren. Denn sie merken plötzlich, wie viel Kraft in ihnen steckt und wie viel Freude Bewegung macht." 

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Markus Wulftange mit einem jungen Krebspatienten beim Klettern. 

Gemeinsam mit den Eltern lernen die jungen Patienten, dass Sport eine wirkliche Kraftquelle sein kann. "In der akuten Erkrankungsphase und medizinischen Behandlung geht es für die Eltern und ihre Kinder vor allem um das Aushalten, also um den Umgang mit der Ohnmacht, wenig oder nichts tun zu können", so Söntgerath. "Die Sporttherapie bringt sie in die Aktivität, hier können sie mit ihrem Kind Spaß haben und ihr Kind freudig erleben." 

Unterstützung kommt vom Pflegepersonal

Die Übungen können die Eltern selbstständig zu Hause weitermachen, um die körperliche Aktivität ihrer Kinder auch in ambulanten Behandlungsphasen zu fördern. Wulftange: "Manche Eltern berichten zum Beispiel, dass sie mit ihrem Kind täglich spazieren gehen, öfter die Treppe nehmen oder gemeinsam Fußball und Fangen spielen. Diese scheinbar kleinen Dinge können einen großen Unterschied machen."
 
Um das Sportprogramm mit den rund 50 Patienten, die jährlich am Uniklinikum Leipzig behandelt werden, durchführen zu können, benötigen Dr. Regine Söntgerath und Markus Wulftange die Unterstützung der Ärzte und des Pflegepersonals.

"Das Vertrauen in unsere Arbeit erleichtert uns die Organisation des Trainings enorm", so Wulftange. Alle helfen mit, dass die Kinder zum Beispiel vom Infusionsständer abgeblockt werden und sich im Bewegungs-, Fitness oder Boulderraum der Klinik austoben können. Noch leichter wird der Weg in das Training mit der Eröffnung des neuen Krebszentrums: Dann gibt es einen eigenen Bewegungsraum direkt auf der Kinderkrebsstation.

Das Vertrauen in unsere Arbeit erleichtert uns die Organisation des Trainings enorm.
Markus Wulftange

ActiveOncoKids 

Bundesweit bieten gerade einmal 13 von 60 Behandlungszentren für Kinder mit Krebs ähnliche Sporteinheiten an. Um die unterstützende Maßnahme bekannter zu machen engagieren sich die beiden Sporttherapeuten im Netzwerk ActiveOncoKids, ein bundesweiter Zusammenschluss von Personen oder Institutionen, die Bewegung und Sport für Kinder und Jugendliche mit Krebserkrankungen anbieten, sich für die Verbreitung von Sportangeboten für die Patienten einsetzen oder in diesem Bereich forschen.

Seit Jahren Vorreiter

Die Kinderonkologie des Uniklinikum Leipzig ist dank der Arbeit von Regine Söntgerath und Markus Wulftange seit vielen Jahren Vorreiter. Besonders eindrückliche Erlebnisse mit den jungen Krebspatienten haben hier gezeigt: Krebskranke Kinder gehören nicht ins Bett, sondern so oft wie möglich in Bewegung.

"Wir hatten einen Patienten, der isoliert werden musste, weil er mit einem Keim infiziert war. Dem ging es vor allem mental sehr schlecht, er verließ kaum noch das Bett. In der Hoffnung den Heilungsprozess zu verbessern, lockerte man die strengen Regeln und erlaubte unter bestimmten Voraussetzungen die Sporttherapie auch außerhalb des Isolationszimmers", erinnert sich Söntgerath.

"Wir holten ihn mit dem Rollstuhl ab und begannen mit spielerischer Bewegung auf allen Vieren - der Achtjährige war sehr schwach. Eine Stunde später kam er aus dem Sportraum wieder auf die Station, schob seinen Rollstuhl und rief ein fröhliches Hallöchen in das Schwesternzimmer. Die Veränderung seines Zustands war enorm."