"Es braucht Mut, Beziehungen einzugehen."
Artikel aus Berlin/Brandenburg
Auch Krankheit kann einsam machen. Ein Gastbeitrag von Dr. med. M.A. Adak Pirmorady, Leiterin der Hochschulambulanz der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik am Charité-Campus Benjamin Franklin.
Es ist die engste und stabilste Beziehung unseres Lebens: Körper und Seele sind untrennbar miteinander verbunden - in guten wie in schlechten Zeiten.
Genauso, wie psychische und körperliche Gesundheit eng miteinander zusammenhängen, können sich auch Einsamkeit und Krankheit gegenseitig bedingen: Einsamkeit kann den Blutdruck nach oben treiben, die Cortisonausschüttung verändern, den Hormonhaushalt durcheinanderbringen - mit allen negativen Folgen für Haut und Organe.
Was aber viel seltener in den Blick gerät: Auch schwere Krankheiten wie Krebs oder chronische Leiden können mitunter einsam machen.
Eine schlechte Diagnose bedeutet immer eine einschneidende Veränderung im Leben von Menschen. Vielen fehlt die Kraft, Freundschaften zu pflegen und Kontakt aufrechtzuerhalten. Vor allem introvertierte Menschen ziehen sich in einer Krankheit noch weiter zurück. Hinzu kommen vielfach finanzielle Probleme durch Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung, die Treffen erschweren.
Gefährliche Spirale in die soziale Isolation
Die Folgen sind gravierend: Treffen mit anderen Menschen werden noch seltener, es fehlt an persönlicher Kommunikation. Doch gerade diese Kommunikation ist wichtig, um jene Flexibilität und Kreativität auszubilden, die uns Begegnungen mit anderen Menschen erst möglich machen und uns im Umgang mit schweren Lebenssituationen helfen.
Der soziale Rückzug verstärkt sich somit immer weiter, er entwickelt sich zu einer gefährlichen Spirale in die soziale Isolation. Ein Teufelskreis.
Dr. med. M.A. Adak Pirmorady
Nicht selten ist es auch das Umfeld, das Erkrankte in die Einsamkeit führt, sie oder ihn nach und nach allein lässt. Das geschieht fast immer unabsichtlich:
Unbewusste Stigmata bedingen zusätzlich mystische Ängste von Kontamination - selbst mit Krankheiten wie Krebs, die gar nicht ansteckend sind. Es ist eine undefinierbare Furcht vor dem Pech, vor dem Fluch, dem wir lieber aus dem Weg gehen wollen. Dazu kommen häufig Unsicherheit und die Sorge, dem kranken Menschen vielleicht zu nahe zu treten.
Selbstreflexion und klare Kommunikation sind auch hier der Schlüssel: Erkrankte müssen für sich selbst herausfinden, welche Art von Kontakt in welcher Häufigkeit ihnen guttut und das auch deutlich adressieren.
Angehörige können ein sehr wichtiges Reservoir für Erkrankte sein.
Freunde und Angehörige wiederum müssen sich klar machen, was sie leisten wollen und auch dauerhaft leisten können, sie sollten sich üben im Grenzen setzen - auch um eigene Ressourcen einzuteilen, um nicht selbst in eine erschöpfte Resignation zu geraten. Angehörige können ein sehr wichtiges Reservoir für Erkrankte sein. Doch nichts ist schlimmer für die Betroffenen, als Erwartungen zu wecken, die man am Ende doch nicht erfüllen kann.
Ob in Gesundheit oder Krankheit: Beziehungen sind das beste Mittel gegen Einsamkeit. Man muss sich allerdings trauen, Kontakte zu suchen, Ängste zu überwinden, überhöhte Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben. Ja, es braucht Mut, Beziehungen einzugehen.