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Wenn wir einmal bewusst überlegen, in welchen Momenten wir uns besonders wohlfühlen, sind meistens Freundinnen und Freunde, Familienmitglieder, Partnerinnen und Partner oder tolle Bekanntschaften involviert. Das ist nicht verwunderlich, denn soziale Kontakte bereichern unser Leben und halten uns nicht nur mental, sondern auch körperlich gesund. Über diesen ganzheitlichen Ansatz für unsere Gesundheit und den Einfluss, den unsere Lieblingsmenschen darauf nehmen, haben wir mit der Diplom-Psychologin und Buchautorin Ulrike Scheuermann gesprochen.

Frau Scheuermann, wie definieren Sie Freundschaft?

Das empfindet sicherlich jeder Mensch ein bisschen unterschiedlich. Aber was immer eine wichtige Rolle spielt, sind Sympathie und Zuneigung. Denn das Besondere bei Freundschaften ist, dass wir sie uns ja selbst aussuchen. Was in den meisten Freundschaften außerdem als sehr wichtig empfunden wird, ist die gegenseitige Hilfe und Unterstützung. Und die gibt es auf verschiedenen Ebenen: Manche helfen sich eher tatkräftig, krempeln die Ärmel hoch und packen zum Beispiel beim Umzug mit an. Bei anderen steht die emotionale Unterstützung im Vordergrund. Beides sind enorm wichtige Gesundheitsfaktoren. Denn wir wissen, dass wir Menschen um uns haben, die immer da sind, wenn es drauf ankommt. Dadurch sind wir grundlegend ruhiger und damit auch gesünder.

Das Besondere bei Freundschaften ist, dass wir sie uns selbst aussuchen. Psychologin Ulrike Scheuermann

Wie hält uns eine Freundschaft konkret gesund?

Um das zu verstehen, betrachten wir einmal die Kehrseite: Bei Menschen, die sich einsam fühlen, wirkt sich das konkret auf die Gesundheit aus. Denn Einsamkeit führt zu einem erhöhten Stresslevel und Stress wird nicht umsonst von der Weltgesundheitsorganisation als das Gesundheitsproblem des 21. Jahrhunderts bezeichnet: Er ist die Grundlage für viele Krankheiten, wie beispielsweise Herz-Kreislauferkrankungen. Langfristig können durch Einsamkeit aber auch psychische Probleme entstehen. Man könnte ja denken, dass jemand erst durch eine Depression einsam wird, häufig ist es aber andersrum: Am Anfang steht die Einsamkeit und daraufhin folgen immer mehr Symptome einer Depression.

Gesundheit zum Hören: Freundschaften

Gute Freundinnen und Freunde bereichern nicht nur unser Leben, sondern stärken auch unsere Gesundheit. Doch was macht eine ehrliche und gute Freundschaft aus? Darüber sprechen wir in unserer Podcast-Folge Freundschaften  von "Ist das noch gesund?"

Und trotzdem wird den sozialen Kontakten in Sachen Gesundheit noch wenig Zeit und Raum eingeräumt, oder?

Ja, dabei ist die Bewertung von sozialen Kontakten für die eigene Gesundheit sogar noch höher einzuordnen als beispielsweise Fitness und Ernährung. Mittlerweise ist es sogar wissenschaftlich bewiesen, dass soziale Faktoren darüber entscheiden, wie lange und gesund wir leben. Der wichtigste Gesundheitsfaktor ist demzufolge das Eingebundensein in eine Gemeinschaft, also sich zugehörig fühlen zu einer Gruppe wie etwa zur Familie oder zu einem Team. Auf Platz zwei, aber eigentlich mit einem gleich hohen Stellenwert, kommen dann die stabilen nahen sozialen Kontakte: also Partnerschaften, enge Freundinnen und Freunde, Geschwister, eine Kollegin oder ein Nachbar. Das sind Menschen, die man im Notfall auch nachts anrufen kann, wenn irgendwas ist. Erst dann folgt das Nichtrauchen als Gesundheitsfaktor Nummer drei.

Der wichtigste Gesundheitsfaktor ist das Eingebundensein in eine Gemeinschaft. Ulrike Scheuermann

Was mache ich zum Beispiel, wenn ich in eine neue Stadt ziehe, niemanden kenne und vielleicht auch nicht so viel Zeit habe. Wie schafft man es soziale Kontakte aufzubauen?

Da gibt es natürlich die altbekannten, aber sehr wirksamen Tipps, wie: im Sportverein anmelden oder sich im Stadtteil engagieren. Viele Menschen sind durch einen Umzug allerdings sehr verunsichert und fühlen sich einsam. Dann wird es immer schwieriger neue Kontakte zu knüpfen. Ich empfehle deswegen einen niedrigschwelligen Ansatz, bei dem die ganz kleinen Kontaktpunkte genutzt werden, die man sowieso am Tag hat: Etwa die Nachbarn im Haus grüßen, auch wenn man sich noch nicht so gut kennt. Da ist es auch völlig egal, worüber man redet. An der Supermarktkasse kann man etwa über die Länge der Warteschlange sprechen und mit dem Barista im Café über die Lieblingskaffeesorte. Es geht dabei nicht so sehr um den Inhalt, sondern darum, überhaupt das Gefühl zu bekommen, mit jemandem in Kontakt zu sein. Das ermutigt und motiviert, sodass man mit der Zeit auch wieder zugänglicher wird.

Interessant ist: In Studien zeigt sich, dass diese kleinen flüchtigen Bekanntschaften enorm viel zum Lebensglück und unserer Zufriedenheit beitragen. Man hat eben nicht mehr das Gefühl, komplett allein durch die Welt zu gehen.

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Verbun­den­heit

Was wirklich zählt: Gute Beziehungen zu anderen. Das zeigt eine Langzeitstudie über mehr als 80 Jahre.

Welchen Einfluss hat beziehungsweise hatte die Pandemie auf Freundschaften? Der physische Kontakt ist ja teilweise komplett eingebrochen.

Das war und ist natürlich eine große Herausforderung. Allerdings haben wir ja dank der Technik unglaublich gute Möglichkeiten, Kontakte trotz Distanz pflegen zu können. Und viele berichten inzwischen, dass sich Freundschaften dadurch sogar intensiviert haben, weil sie kostbarer geworden sind. Sie laufen nicht mehr einfach so mit, sondern man muss etwas dafür tun. Und gerade im Mangel spürt man die Kostbarkeit dessen, was man vermisst. Wir merken im Moment also verstärkt, wie wichtig soziale Kontakte und Freundschaften für uns sind, weil sie eben nicht mehr selbstverständlich sind. Umso wichtiger ist, dass man sich gegenseitig noch deutlicher seine Zuneigung mitteilt. Das kann viel Nähe herstellen oder vertiefen.

Gerade im Mangel spürt man die Kostbarkeit dessen, was man vermisst.  Psychologin Ulrike Scheuermann

Nähe entsteht vor allem dadurch, dass man sich von seinem Alltag erzählt und auch Unsicherheiten miteinander teilt. Gerade in typischen Männerfreundschaften kam das vor der Pandemie ziemlich selten vor. Dabei hat gerade diese emotionale Öffnung so einen gesundheitsfördernden Effekt. Denn wir wissen alle, wie gut es sich anfühlt, sich jemandem anzuvertrauen.

Corona hat einige Freundschaften auf die Probe gestellt. Beispielsweise, wenn es um Themen wie Lockdown oder Impfen geht. Wie kommen Freundinnen und Freunde da gemeinsam durch?

Es gibt die Möglichkeit, solche vermeintlich schwierigen Themen zu "parken". Vor allem dann, wenn die Auffassungen eben sehr unterschiedlich sind. Statt immer wieder von neuem zu diskutieren, ist es manchmal besser diese Konfliktpunkte beiseitezuschieben und bei Bedarf noch mal in Ruhe darüber sprechen, wenn die Situation nicht mehr so angespannt ist.

Und die andere Möglichkeit ist, dass man sich lediglich auf der emotionalen Ebene begegnet und versucht die Gefühle vom jeweiligen Gegenüber zu akzeptieren. Meistens landet man sehr schnell bei den Ängsten, die beide Seiten haben - auch wenn die Auslöser sehr unterschiedlich sind. So entsteht ein gemeinsamer Nenner.

Merkt man dabei auch, wie viel eine Freundschaft aushalten kann - oder wann eine Grenze überschritten ist?

Ja, genau. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, zu merken, dass das Miteinander nicht mehr passt. Und es ist wichtig, sich auch das zuzugestehen. Denn Freundschaften, genau wie alle anderen Beziehungen, müssen nicht automatisch ein Leben lang halten.

Wir müssen sehr bewusst entscheiden, wem wir unsere Zeit und Aufmerksamkeit schenken.  Ulrike Scheuermann

Eine Freundschaft zu beenden, kann also auch förderlich für die Gesundheit sein?

Auf jeden Fall. Es gibt schließlich auch ungesunde Beziehungen, in denen man merkt, dass die Freundschaft überhaupt nicht mehr guttut. Das kann zum Beispiel daran liegen, dass man ständig gestresst ist, weil man selbst nicht zum Zuge kommt, sondern sich alles immer um die andere Person dreht. Wenn man sich nicht gesehen, wertgeschätzt oder unterstützt fühlt, gerät die Beziehung aus dem Gleichgewicht. Und dann ist es in der Regel empfehlenswert, sie auch zu beenden. Es heißt, dass wir lediglich fünf enge soziale Kontakte in unserem Leben haben können, mehr schafft man nicht. Dazu gehören auch Partnerinnen und Partner und Familienmitglieder, wir müssen also sehr bewusst entscheiden, wem wir unsere Zeit und Aufmerksamkeit schenken.

Wenn eine Freundschaft endet - so traurig das ist - entsteht also immer auch Raum für neue Kontakte?

Ja, und das hat auch viel mit der eigenen, persönlichen Entwicklung zu tun. Manchmal entwickelt man sich gemeinsam weiter, aber manchmal eben auch nicht. Das ist nichts Schlimmes oder Verwerfliches. Es kann sein, dass dann erstmal eine Leerstelle entsteht und es sich ungewöhnlich anfühlt. Aber gleichzeitig bekommen wir so die Chance, in diesem Raum etwas Neues zu schaffen.