„Krampfadern sind kein Luxusproblem“
Interview aus Schleswig-Holstein
Im Interview spricht Dr. Katharina Moser-Notbom, Fachärztin für Gefäßchirurgie am Venenzentrum Lübeck, über die schonende Behandlung von Varizen - und welche Rolle die Digitalisierung in ihrer Praxis spielt.
Seit April gibt es in Schleswig-Holstein ein neues Versorgungsangebot für Menschen mit Krampfadern (Varizen). Kern des Vertrages ist eine schonende, minimalinvasive Behandlung mit Laser- oder Radiofrequenz, die in spezialisierten Praxen in Lübeck und Husum durchgeführt wird. Patientinnen und Patienten sollen dadurch schneller, sicher und mit weniger Belastung für den Alltag versorgt werden. Im Interview spricht die Lübecker Gefäßspezialistin Dr. Katharina Moser-Notbom, Fachärztin für Gefäßchirurgie am Venenzentrum Lübeck, über die Vorteile des Verfahrens, typische Risikofaktoren und die Rolle der Digitalisierung in ihrer Praxis.
TK: Frau Dr. Moser-Notbom, was ist der größte Vorteil der Laser- oder Radiofrequenzbehandlung gegenüber der klassischen Operation bei Krampfadern?
Dr. Moser-Notbom: Aus Sicht der Patientinnen und Patienten ist vor allem die Kombination aus einem schonenden Verfahren und einer schnellen Erholungszeit entscheidend. Wir arbeiten minimalinvasiv, das bedeutet kein Schnitt in der Leiste oder Kniekehle. Dadurch gibt es praktisch keine Wundheilungsstörungen, weil wir eben nicht "aufschneiden" müssen, und die Blutungs- und Infektionsgefahr ist sehr gering. Für die Patientinnen und Patienten kommt hinzu, dass über 90 Prozent am nächsten Tag wieder voll belastbar sind. Nach einer offenen Operation müssen wir dagegen meistens mindestens eine Woche krankschreiben, bei ausgeprägten Befunden bis zu drei Wochen. Das Langzeitergebnis dieses Verfahrens ist bei korrekter Durchführung dabei genauso gut wie bei der klassischen Operation.
Dr. Katharina Moser-Notbom
TK: Für welche Patientinnen und Patienten eignet sich dieses Verfahren und wo stößt es an seine Grenzen?
Dr. Moser-Notbom: Heute eignet sich die sogenannte endovenöse Behandlung für die große Mehrheit der Betroffenen. Grenzen gibt es vor allem bei sehr stark geschlängelten Venen, bei denen wir keine gerade Strecke von etwa zehn Zentimetern finden. Die Laserfaser ist zwar biegsam, aber sie kommt nicht um jede Kurve herum. Dies ist vor allem bei wieder auftretenden Venen nach Erstoperationen der Fall. Bei primären Krampfadern, also bei Erstbefunden, ist der Anteil der Patientinnen und Patienten, die ich nicht endovenös behandeln kann sehr gering.
TK: Viele Menschen empfinden Krampfadern als schambehaftet, vor allem wenn sich die Beine stark verändern. Wie erleben Sie das in Ihrer Praxis?
Dr. Moser-Notbom: Das ist tatsächlich immer noch ein großes Problem. Es gibt Menschen, die trauen sich nicht mal im Hochsommer kurze Hosen anzuziehen oder fahren nicht mehr an den Strand. Ich erlebe in meiner Praxis aber das ganze Spektrum: Manche kommen mit minimalen Befunden, bei denen ich sagen muss: "Ich finde gar nichts, was ich sinnvoll behandeln kann." Andere haben extrem ausgeprägte Krampfadern, die sie über Jahre versteckt haben. Wichtig ist mir: Bei fortgeschrittenen Befunden geht es längst nicht mehr nur um Optik. Ab einem bestimmten Stadium steigt das Risiko für Thrombosen und die Gefahr eines sogenannten "offenen Beins". Wenn wir dann minimalinvasiv behandeln, können wir beides erreichen: Wir senken das medizinische Risiko und nebenbei sieht das Bein wieder deutlich besser aus. Das ist natürlich ein sehr schöner Nebeneffekt, der für die Lebensqualität eine große Rolle spielt.
TK: Krampfadern gelten oft als "Frauenthema". Unsere TK-Daten zeigen aber, dass auch ein erheblicher Anteil der Betroffenen Männer sind. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?
Dr. Moser-Notbom: Absolut. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Krampfadern tatsächlich stark mit Frauen verknüpft, vielleicht weil das Thema Optik dort oft präsenter ist. In meiner Praxis sehe ich aber sehr viele Männer mit teils gravierenden Befunden. Was mich manchmal ein bisschen ärgert, ist, dass Krampfadern von manchen noch als "Luxusproblem" abgetan werden. Das trifft vielleicht auf frühe Stadien mit vor allem kosmetischer Belastung zu. Aber ab Stadium drei, wenn das Bein dick wird, und spätestens bei Stadium vier mit deutlichen Hautveränderungen sprechen wir über ein klar medizinisches Problem. Von einem Luxusproblem kann dann wirklich keine Rede mehr sein - egal, ob es eine Frau oder ein Mann ist.
TK: Welche Faktoren begünstigen die Entstehung von Krampfadern und was können Menschen selbst vorbeugend tun?
Dr. Moser-Notbom: Es gibt drei zentrale Faktoren, die wir gut beeinflussen können: Gewicht, Bewegung und langes Stehen. Man darf sich zwar nicht täuschen, denn es gibt sehr viele schlanke Menschen mit ausgeprägten Krampfadern - da ist die genetische Veranlagung entscheidend. Aber wenn jemand stark übergewichtig ist, drückt der Bauch in der Leistengegend auf die Abflusswege und das Blut kann schlechter nach oben abfließen. Der zweite Punkt ist Bewegungsmangel. Viel Sitzen bedeutet, dass die Wadenmuskelpumpe kaum arbeitet und die Venen im Kniegelenk sowie in der Leiste abgeknickt werden. Zum dritten ist langes Stehen ungünstig. Typische Beispiele sind stehende Berufe wie die OP-Pflege, dort empfehle ich unbedingt Kompressionsstrümpfe. Was den bekannten "Mythos" angeht: Vom bloßen Beine-Übereinanderschlagen bekommt niemand Krampfadern. Entscheidend ist das Gesamtbild aus Veranlagung, Gewicht, Bewegung und beruflicher Belastung.
TK: Sie arbeiten mit modernen, minimalinvasiven Verfahren. Welche Rolle spielt darüber hinaus die Digitalisierung in Ihrer Praxis?
Dr. Moser-Notbom: Ich habe mich 2022 in meiner Praxis in Lübeck niedergelassen und zur elektronischen Patientenakte gab es zu dieser Zeit keine Alternative mehr, Papierakten sucht man bei uns vergebens. Sonographie- und Funktionsuntersuchungen sind direkt mit der Praxissoftware verknüpft, die Aufnahmen stehen also in Echtzeit in der Akte zur Verfügung. Wir dokumentieren außerdem durch Fotos, etwa von Hautveränderungen, Wunden oder Verlaufskontrollen. Dafür nutzen wir Praxishandys, auf denen wir die Patientinnen und Patienten in der Software aufrufen. Das Foto landet dann ohne Umweg über eine lokale Speicherung direkt in der elektronischen Akte. Der nächste Schritt ist für uns, künftig auch Anamnesebögen und Aufklärungsunterlagen vollständig zu digitalisieren. Dafür schaffen wir aktuell Tablets an und binden die zertifizierten Aufklärungsbögen ein, die sich automatisch aktualisieren. Künstliche Intelligenz spielt bisher nur eine kleine Rolle, zum Beispiel im Qualitätsmanagement. Insgesamt sorgt die Digitalisierung aber dafür, dass wir strukturierter arbeiten, Doppelarbeiten vermeiden und am Ende mehr Zeit für die Behandlung und den Austausch mit unseren Patientinnen und Patienten bleibt.