TK: Im "Internationalen Leibniz-Zukunftslabor Künstliche Intelligenz" am L3S forschen seit diesem Sommer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt in Hannover. Welche Ziele verfolgen Sie mit diesem Labor?

Prof. Dr. Wolfgang Nejdl: Im Mittelpunkt der Forschung des am L3S angesiedelten Zukunftslabors stehen neue Ansätze und Algorithmen für intelligente, zuverlässige und verantwortungsbewusste Systeme. Das interdisziplinäre Forschungsteam integriert eine Vielzahl von Ansätzen, die für KI relevant sind. Reproduzierbarkeit und Robustheit der Verfahren sind ebenso wichtig wie Privacy by Design, was bedeutet, dass der Datenschutz bereits bei der Konzipierung und Entwicklung von Software und Hardware zur Datenverarbeitung berücksichtigt wird. Und schließlich sollen Ergebnisse intelligenter Systeme erklärbar, fair und zurechenbar sein.

Prof. Dr. Wolf­gang Nejdl

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Direktor des Forschungszentrums L3S

Das Leibniz-Zukunftslabor hat das Ziel, sich in Deutschland als einer der zentralen Ansprechpartner für künstliche Intelligenz und deren Anwendung im Bereich der personalisierten Medizin zu etablieren. Gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern wird das Zukunftslabor daher eine Vielzahl kooperativer Forschungs- und Innovationsprojekte mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Leibniz Universität und der Medizinischen Hochschule Hannover durchführen.

TK: Sie sprechen von intelligenten Lösungen für den Anwendungsbereich der personalisierten Medizin. Was ist hiermit gemeint? 

Prof. Nejdl: Individuelle Therapien, auf den einzelnen Patienten abgestimmte Medikamente und präzisere Diagnosen – das soll personalisierte Medizin leisten. Dafür müssen riesige Datenmengen verarbeitet und analysiert werden, und die entwickelten Lösungen müssen zuverlässig und erklärbar sein.

TK: Welche Forschungs- und Innovationsprojekte im medizinischen Bereich sind geplant?

Prof. Nejdl: Wir werden die medizinischen Schwerpunkte für das erste Jahr gemeinsam mit unseren Kollegen aus der Medizinischen Hochschule Hannover in den nächsten ein bis zwei Monaten festlegen. Mögliche Schwerpunkte, in denen wir in Hannover genügend Patienten-Kohorten und Daten verfügbar haben, umfassen die Behandlung von Leukämie bei Kindern, bessere personalisierte Therapien für Brustkrebs, Unterstützung bei der Intensivbehandlung von Kindern, Ursachen von Psychosen und Früherkennung von neurogenerativen Erkrankungen sowie Lungenentzündungen und chronische Lungenerkrankungen (COPD). 

TK: Wie ist Ihre Einschätzung, in wieweit ist es möglich, die Ergebnisse von KI-Anwendungen in die ärztliche Behandlung mit einfließen zu lassen?

Prof. Nejdl: Wir versuchen, im Rahmen unserer medizinischen Schwerpunkte den kompletten Bereich von der Forschung bis zur klinischen Anwendung abzudecken, was auch die Verbesserung von Therapien in der klinischen Praxis mit einbeziehen wird. 

TK: Sowohl bei der Bewältigung als auch bei der Prävention von Krankheiten spielt die Analyse großer Datenmengen eine immer wichtigere Rolle. Die TK befürwortet eine feste Etablierung von KI im Gesundheitswesen. Gibt es Anwendungen, bei denen Sie sich vorstellen können, mit Krankenkassen zusammen zu arbeiten?

Prof. Nejdl: Selbstverständlich, die obigen Schwerpunkte haben großes therapeutisches Potential, und bei der Einführung in die klinische Praxis ist auch die Kooperation mit Krankenkassen ein wesentlicher Aspekt. 

TK: Vielen Dank!

Zur Person

Prof. Dr. Wolfgang Nejdl arbeitet seit 1995 im Rahmen einer C4-Professur für Informatik an der Leibniz Universität Hannover. Er studierte Informatik an der TU Wien und war von 1992 - 1995 C3-Professor an der RWTH Aachen. Er arbeitete außerdem als Gastwissenschaftlicher und -professor am Xerox PARC, Stanford University, University of Illinois at Urbana-Champaign, EPFL Lausanne, PUC Rio, Politecnico di Milano und Università di Trento.

Prof. Nejdl leitet seit 2001 das Forschungszentrum L3S und forscht in den Bereichen Suche und Information Retrieval, Social Web und Social Media sowie Data Mining und Künstliche Intelligenz. Aktuelle Projekte sind u.a. SimpleML, HAISEM-Lab, SoBigData++, die europäischen Graduierten-Kollegs NoBIAS, Cleopatra und Knowgraphs, die Projekte CI-Variability, PRESENt, BacData zum Einsatz von KI-Methoden in der Medizin und das vom BMBF finanzierte Internationale Zukunftslabor für Künstliche Intelligenz.