100 Jugendliche erhalten die familien-basierte Therapie, weitere 100 eine stationäre Regelversorgung in einer Klinik mit einem Schwerpunkt in der Behandlung von Essstörungen. Wer welche Behandlungsform erhält, wird per Zufallsverfahren entschieden. 

Gemeinsam mit elf weiteren Krankenkassen und 23 Kliniken deutschlandweit unterstützt die TK das Projekt "FIAT". Geleitet wird es von der Berliner Charité. In Bayern sind die Ludwig-Maximilians-Universität und das Universitätsklinikum Würzburg an der Studie beteiligt. 

Im Interview spricht Prof. Dr. med. Marcel Romanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Würzburg, über das Thema Magersucht und erläutert, wie die FIAT-Studie aufgebaut ist.

TK: Welche Herausforderungen gibt es bei der Behandlung von magersüchtigen Kindern und Jugendlichen?

Prof. Dr. Marcel Romanos: Die Anorexia nervosa ist eine schwere Erkrankung, die oft unterschätzt wird. Wir wissen aus älteren Studien, das mehr als ein Drittel der betroffenen Kinder und Jugendlichen im Verlauf ohne Behandlung sterben würden. Zum Glück ist die Behandlung mittlerweile so viel besser geworden, dass dies nur noch selten dazu führt. Besonders kompliziert ist für die Betroffenen und ihre Familien, dass die Krankheitseinsicht nicht immer gegeben ist. Das macht die Krankheit auch so heimtückisch, insbesondere, wenn sie chronifiziert und über lange Zeit besteht.

Gerade die sozialen Medien können insbesondere Mädchen durch die Identifikation mit idealisierten Rollenmodellen in vulnerablen Phasen negativ beeinflussen.
Prof. Dr. Marcel Romanos

TK: Welche Ursachen kann eine Magersucht haben?

Prof. Romanos: Wir gehen bei allen psychischen Störungen immer von einem Wechselspiel von Anlage und Umwelt aus. Wir wissen mittlerweile gut, dass verschiedene angeborene Persönlichkeitseigenschaften das Risiko für eine Anorexia nervosa erhöhen können. Dazu gehören zum Beispiel Perfektionismus und Zwanghaftigkeit, andererseits ist aber auch gut untersucht, dass Umweltbedingungen und Einflüsse durch die Medien das Risiko erhöhen. Gerade die sozialen Medien können insbesondere Mädchen durch die Identifikation mit idealisierten Rollenmodellen in vulnerablen Phasen negativ beeinflussen.

TK: Wie lange dauert bei einer fortgeschrittenen Magersucht in der Regel die stationäre Behandlung?

Prof. Romanos: Die stationäre Behandlung ist nur eine Phase der gesamten Therapie und man darf es sich nicht so vorstellen, dass die Kinder und Jugendlichen geheilt entlassen werden können. In der stationären Therapie geht es zum einen um die Wiedererlangung eines gesunden Gewichts, weil insbesondere die Dauer, in welcher die Kinder untergewichtig sind, die Prognose verschlechtert. Allerdings dauert die stationäre Behandlung umso länger, je ausgeprägter das Untergewicht - die Leitlinien empfehlen eine Gewichtszunahme pro Woche von 0,5-1 kg. Neben dem Gewichtsmanagement ist ebenso die psychotherapeutische Behandlung wichtig, die nach dem stationären Aufenthalt zwingend ambulant fortgesetzt werden muss.

Prof. Dr. med. Marcel Romanos

 Prof. Dr. med. Marcel Romanos Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie Zentrum für Psychische Gesundheit (ZEP) am Universitätsklinikum Würzburg  

TK: Warum ist die FIAT-Studie aus Ihrer Sicht notwendig?

Prof. Romanos: Mit der FIAT-Studie wird ein anderer ambulanter Ansatz erprobt. Hier wird den Betroffenen und der Familie sehr viel Verantwortung im Therapieprozess gegeben. Das kann eine Reihe von Vorteilen mit sich bringen, zum Beispiel dass die Kinder und Jugendlichen in ihrem Umfeld besser integriert bleiben und Probleme bei der Reintegration nach dem stationären Aufenthalt auf die Art und Weise vermieden werden können. Wir müssen jedoch wissen, ob diese Konzepte angenommen und von den Familien in der Fläche auch umgesetzt werden können, insofern ist dies in einem kontrollierten Studiensetting sinnvoll. In jedem Fall sehe ich in dem Konzept einen wichtigen Schritt in Richtung Ambulantisierung unseres Versorgungssystems und wir benötigen diese innovativen Modelle, um im Sinne einer gestuften Versorgung verschieden intensive Behandlungsmöglichkeiten anbieten zu können.

TK: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass eine Familie die Therapie daheim umsetzen kann?

Prof. Romanos: Zunächst muss die Familie dazu bereit sein und die erforderlichen zeitlichen Ressourcen aufbringen können. Die Eltern müssen in der Lage sein, sich die telemedizinischen Anleitungen anzueignen und umzusetzen. Sie müssen auch dazu bereit sein, vorherige schädliche Verhaltensweisen zu ändern. Aber ebenso ist es auch wichtig, dass die ganze Familie diesen Prozess emotional tragen und begleiten kann. Manchmal bestehen auch bei den Eltern psychische Belastungen oder klinisch relevante Störungen, die zunächst einer Behandlung bedürfen. Insbesondere muss aber geprüft werden, ob für das betroffene Kind eine akute Gefährdung besteht und die Erkrankung so stark ausgeprägt ist, dass eine Krankenhausbehandlung unumgänglich ist.

Die Eltern müssen in der Lage sein, sich die telemedizinischen Anleitungen anzueignen und umzusetzen.
Prof. Dr. Marcel Romanos

TK: Wie kann es gelingen, dass Elternteile trotz des kritischen Gesundheitszustandes ihres Kindes die Therapie zum Teil übernehmen? Fühlen sich betroffene Eltern nicht schnell überfordert? Wie schaffen Sie ein gutes Setting für alle Familienmitglieder?

Prof. Romanos: In diesem Konzept ist es zentral, dass Eltern als Teil des Lösungsprozesses wahrgenommen und eingebunden werden. Das macht auch für die Eltern einen Unterschied im Selbstverständnis, wenn sie erkennen, dass ihr Verhalten ihrem Kind helfen, aber auch potentiell schaden kann. Alle neuen Verhaltensweisen müssen schrittweise erlernt und in den Alltag eingebaut werden und es ist nicht zu erwarten, dass dies immer ohne Konflikte und ohne Probleme abläuft. Daher ist auch die kontinuierliche therapeutische Begleitung essenziell, um diese Belastungen aufzufangen und Lösungsstrategien mit der Familie zu erarbeiten.

TK: Woran können Sie erkennen, dass der familien-basierte Ansatz nicht funktioniert und Sie in die Klinik umsteuern müssen? Finden Sie dann schnell genug einen Platz?

Prof. Romanos: Ein einfacher, aber wesentlicher Marker für den Verlauf ist natürlich die Gewichtsentwicklung. Aber auch die emotionale Belastung kann für die Kinder und Jugendlichen so groß werden, dass eine stationäre Behandlung als Entlastung wahrgenommen werden kann. Auch Eltern können das Signal geben, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen sind. In Deutschland haben wir eine regionale Versorgungsverpflichtung, so dass in jeder Region eine kinder- und jugendpsychiatrische Klinik existiert, die in akuten Krisensituationen aufnahmeverpflichtet ist. In akuten Krisen werden daher die betroffenen Kinder immer sehr schnell aufgenommen. 

Die Aufnahme von betroffenen Kindern und Jugendlichen in die Studie läuft noch bis Ende 2026. Weitere Informationen zur Studie und zur Teilnahme gibt es online.