"Ein Hitzetag kostet Deutschland über 400 Millionen Euro"
Interview aus Bayern
Die Umweltmedizinerin und Wissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann erforscht, wie sich der Klimawandel auf die Gesundheit auswirkt. Im Interview erklärt sie, warum Allergien zunehmen, wie wir uns vor Hitze schützen können und warum Tropenkrankheiten längst nicht mehr nur in den Tropen auftreten.
Claudia Traidl-Hoffmann untersucht im Labor am Universitätsklinikum Augsburg die komplexen Zusammenhänge von Umwelt und Gesundheit. Welche Faktoren in der Umwelt fördern unsere Gesundheit und welche können zu chronischen Krankheiten wie Allergien führen? Die Professorin für Umweltmedizin hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Mit Aufklärung und Prävention will sie die Zahl der Menschen mit Allergien auf etwa zehn Prozent reduzieren - aktuell sind 15 Prozent der Menschen in Deutschland betroffen. Wir haben sie zum Interview getroffen.
TK: Was hat der Klimawandel mit der Zunahme von Pollen-Allergien zu tun?
Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann: Dazu kann man grundsätzlich vier Dinge sagen: Erstens wird die Pollensaison länger. Durch die Erderwärmung fliegen die Pollen bei uns das ganze Jahr über. Zweitens fliegen mehr Pollen pro Tag. Die Pflanzen sind unter Stress und deswegen produzieren sie mehr Pollen, gerade die Birken. Und drittens wird der Pollen selbst aggressiver. Er produziert mehr von dem Eiweiß, das bei uns die Allergie auslöst. Dieses Eiweiß gehört zu dem Abwehrsystem des Pollen und entsteht als Stressreaktion auf Umweltverschmutzung oder Trockenstress. Und der vierte Punkt ist: Wir haben neue Pollen. Das beifußblättrige Traubenkraut ist ein neuer Pollen, eine neue invasive Spezies, die zu uns gekommen ist und die gerade im Herbst Menschen unter Asthma leiden lässt.
TK: Pollen können so aggressiv werden, dass sie schwere Asthma-Anfälle auslösen. Ein besonderes Phänomen ist das Gewitter-Asthma. Was hat es damit auf sich?
Prof. Traidl-Hoffmann: Dieses so genannte Gewitter-Asthma hat man zuerst in Australien beobachtet. Dort gab es eine Periode, in der außergewöhnlich viele Menschen mit einem so genannten Status asthmaticus in die Klinik eingeliefert wurden, die schlimmste Form des Asthmaanfalls. Zunächst gab es dafür keine Erklärung. Aber dann konnte man einen Zusammenhang mit einer starken Gewitterperiode herstellen. Wir haben daraufhin untersucht, ob es so etwas auch bei uns gibt. Und tatsächlich gibt es auch in Bayern mehr Asthmaanfälle, wenn Pollen fliegen und es gewittert. Es handelt sich um ein komplexes Zusammenspiel, bei dem auch Schimmelpilzsporen eine Rolle spielen. Einfach erklärt werden die Pollenpflanzen in kleinere Fragmente unterteilt, kommen so in tiefe Lungenabschnitte und lösen wahrscheinlich einen Krampf in der Lunge aus, der dann zum Asthmaanfall führt.
Im Gespräch
TK: Wie helfen Sie Menschen mit Allergien?
Prof. Traidl-Hoffmann: Die Problematik geht ja sogar noch weiter. Es sind nicht nur Allergikerinnen und Allergiker betroffen. Es betrifft auch auf Menschen, die niemals vorher eine Allergie hatten. Und deswegen müssen wir jeden frühzeitig warnen. Wir haben gemeinsam mit dem Bayerischen Gesundheitsministerium die PollDi App entwickelt. Sie zeigt für den Raum Augsburg und Bad Hindelang, wie viele Pollen wo genau fliegen, aktualisiert für drei Stunden. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz sagen wir nicht nur den Pollenflug vorher, sondern auch das Wetter und die Schadstoffe. Meiner Meinung nach brauchen wir diese Frühwarnsysteme bundesweit und sogar personalisiert. Daran arbeiten wir zurzeit.
TK: Was raten Sie Menschen, die stark an Allergien leiden?
Prof. Traidl-Hoffmann: Pollen können Schleimhäute blockieren und deshalb für Schnupfen und andere Infektionskrankheiten empfänglicher machen. Deshalb macht es Sinn, bei starkem Pollenflug eine FFP2-Maske zu tragen. Nicht nur um sich vor den Pollen zu schützen, sondern eben auch, damit man sich nicht gleich eine Infektion einfängt, wenn man angeniest wird.
TK: Apropos Infektionskrankheiten: Mit den steigenden Temperaturen gibt es nicht mehr nur Pollen, es kommen auch exotische Insekten zu uns - zum Beispiel die Tigermücke. Steigt damit auch die Gefahr, sich hierzulande mit Tropenkrankheiten zu infizieren?
Prof. Traidl-Hoffmann: Ja, das ist ein Tsunami, für den die Infektionsmedizin schon heute Lösungen sucht. Die Tigermücke hat am Gardasee und in Südfrankreich bereits zu Dengue-Fieber Virusinfektionen geführt. Das Gute ist: Gegen Dengue-Fieber haben wir eine Impfung. Man kann sich also schützen, aber die Tigermücke ist trotzdem tückisch: Sie fliegt auch tagsüber, ist nicht zu hören und sehr klein. Hinzu kommen andere Krankheiten, die ich früher im Medizinstudium noch als Tropenkrankheit kennengelernt habe. Dazu zählen das Chikungunyafieber und das West-Nil-Fieber, das bereits in Berlin vorkam. Das Risiko, sich eine "Frühsommer-Meningoenzephalitis" zu holen - also eine durch Zecken übertragene virusbedingte Gehirn- und Hirnhautentzündung -, beginnt längst nicht mehr erst im Frühsommer. Die Zecken breiten sich nämlich genauso wie die Pollen-Saison aus. Konkret zeigt sich das auch durch mehr Borreliose-Fälle, da Borrelien bei höheren Temperaturen aktiver sind.
Das Interview zum Anhören im Maschinenraum Gesundheit
Das Gespräch mit Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann finden Sie als Podcast auf den gängigen Plattformen, zum Beispiel auf spotify.
TK: Vor diesen neuen Infektionskrankheiten kann man sich entweder durch eine Impfung schützen und wenn es diese nicht gibt, dann beispielsweise durch Zeckenschutz oder Mückenabwehr. Die Erderwärmung in den Griff zu bekommen, ist hingegen eine gemeinschaftliche Aufgabe und braucht vor allem politische Maßnahmen. Sie beraten unter anderem die Bayerische Staatsregierung. Was empfehlen Sie?
Prof. Traidl-Hoffmann: Prävention sollte die Politik ganz nach oben stellen. Sie spart Geld, weil jeder Mensch, der gesund ist, arbeiten kann und die Krankenkassen weniger kostet. Insofern ist der gesunde Mensch das Beste. Gesundheit ist unser höchstes Gut. Leider haben wir kein Gesundheitssystem, sondern ein Krankheitssystem, weil wir uns um Krankheiten kümmern. Das sollten wir weiterhin tun, aber wir müssen die Gesundheit nach vorne stellen. Nur so können wir resilienter gegenüber den Umweltveränderungen werden.
TK: Welche Präventionsmaßnahmen brauchen wir beispielsweise in Städten, um Menschen vor Hitze zu bewahren?
Prof. Traidl-Hoffmann: Ich bin für eine "Health-in-all-Policies". Bei jeder gesellschaftlichen Aktion müssen wir immer die Gesundheit mitdenken, auch bei der Städteplanung. Derzeit haben wir Asphalt-Wüsten, zu viel Straßenverkehr und eine hohe Schadstoffbelastung. Wir brauchen mehr Bäume und Wasser und müssen den öffentlichen Nahverkehr erweitern, um weniger auf das Auto angewiesen zu sein. Es bringt nicht, Parkplätze einfach nur teurer zu machen oder zu streichen. Deutschland hat viel Luft nach oben und es gibt viele Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Durch ganz Paris kann man zum Beispiel wunderbar mit dem Fahrrad fahren.
TK: Wie kann sich jede und jeder selbst vor Hitze schützen?
Prof. Traidl-Hoffmann: Der erste und wichtigste Schutz vor Hitze ist: die Hitze ernst nehmen. In Deutschland arbeiten zwei Millionen Menschen draußen. Für sie ist Hitzeschutz gleich Arbeitsschutz. Wir sehen hier im Universitätsklinikum Menschen, die morgens völlig gesund und abends an einem Hitzschlag gestorben sind, weil sie nämlich ohne Kopfbedeckung auf einer schwarzen Dachpappe gearbeitet haben. Ein Hitzetag kostet Deutschland an die 400 Millionen Euro, weil es zum Beispiel zu Produktivitätsverlusten und Arbeitsausfällen sowie zu Fehltagen durch hitzeinduzierte Krankheiten und Unfälle kommt. Das hat dieses Jahr das Bundesministeriums für Arbeit und Soziales im Bericht Klimabedingte Risiken für die Arbeitswelt berechnen lassen.
Wenn es draußen 35 Grad hat, fällt es auch Drinnen schwer, konzentriert zu arbeiten. Deshalb sollte man dafür sorgen, dass der Raum kühl ist, indem man ihn morgens verschattet. Ich rate auch, feuchte Tücher aufzuhängen, die Füße in einem kalten Topf Wasser zu baden und vor allem ein Glas Wasser pro Stunde zu trinken. Ältere Menschen und erkrankte Menschen sollten Hitzetage im Blick haben und sich mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin absprechen. Bei hohen Temperaturen muss beispielsweise die Dosierung bestimmter Medikamente angepasst werden. Außerdem müssen Arzneimittel gekühlt gelagert werden, wenn es in den Räumen tagsüber zu heiß wird.
TK: Wie gelingt es, mehr Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen?
Prof. Traidl-Hoffmann: Das Thema Klimawandel und Gesundheit muss deutlich stärker und verbindlicher in den Lehrplan integriert werden und fester Bestandteil aller Schularten werden - von der Grundschule bis hin zur beruflichen Ausbildung und den Hochschulen. Entscheidend ist dabei, Klimawandel nicht nur als Umwelt- oder Naturwissenschaftsthema zu behandeln, sondern als gesellschaftliche und gesundheitliche Herausforderung, die jeden Menschen betrifft.
Kinder und Jugendliche sollten früh verstehen, wie eng Umwelt, Klima und Gesundheit miteinander verbunden sind - etwa durch die Auswirkungen von Hitze, Luftverschmutzung, Allergien oder psychischen Belastungen. Gleichzeitig braucht es konkrete Beispiele aus dem Alltag und positive Handlungsansätze, damit nicht Ohnmacht entsteht, sondern Selbstwirksamkeit und Resilienz gefördert werden. Auch Lehrkräfte benötigen hierfür entsprechende Fortbildungen und Materialien. Darüber hinaus sollten Schulen selbst Orte gelebter Nachhaltigkeit und Gesundheitsförderung werden - beispielsweise durch Hitzeschutzkonzepte, mehr Begrünung, gesunde Ernährung oder Bewegungsangebote.
Wichtig ist außerdem eine breite gesellschaftliche Kommunikation: Wissenschaft, Medien, Politik und Gesundheitswesen müssen gemeinsam verständlich vermitteln, dass Klimaschutz immer auch Gesundheitsschutz ist. Gerade die gesundheitlichen Auswirkungen machen die Klimakrise für viele Menschen unmittelbar erfahrbar - und können so helfen, mehr Bewusstsein und Bereitschaft zum Handeln zu schaffen.
Zur Person
Claudia Traidl-Hoffmann ist Professorin für Umweltmedizin an der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg und leitet als Chefärztin die Hochschulambulanz für Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg. Darüber hinaus ist sie Direktorin des Instituts für Umweltmedizin bei Helmholtz Munich. Außerdem sitzt Prof. Traidl-Hoffmann im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen und ist Sonderbeauftragte für Klimaresilienz und Prävention des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention.