TK: Herr Professor Seifert, an Hitze kommt angesichts des Klimawandels kaum noch jemand vorbei. Was bedeutet das speziell für die Pharmakologie?

Prof. Dr. med. Roland Seifert: Für die Pharmakologie ist das im Grunde ein neues Arbeitsgebiet. Die Frage, wie Arzneistoffe bei höheren Umgebungstemperaturen wirken, wurde bisher nicht systematisch behandelt. Wenn Patientinnen und Patienten in den Beipackzettel schauen oder Ärztinnen und Ärzte in die Fachinformation, finden sie viele Rubriken: unerwünschte Wirkungen, Wechselwirkungen, Vorsichtsmaßnahmen, Schwangerschaft, ältere Menschen oder Kinder. Aber es gibt keine eigene Rubrik zum Thema Hitze.

Das bedeutet: Weder Ärztinnen und Ärzte noch Patientinnen und Patienten können dazu schnell und systematisch Informationen abrufen. Auch im Internet oder über KI-Anwendungen ist dieses Wissen bislang nicht verlässlich und strukturiert aufbereitet. Die Pharmakologie ist, wie viele andere gesellschaftliche Bereiche, vom Klimawandel eher unvorbereitet getroffen worden. Jetzt müssen wir rasch reagieren.

TK: Gibt es bereits neue Erkenntnisse dazu, welche Arzneimittel bei Hitze besonders problematisch sein können?

Heute geht es beim Schwitzen nicht mehr nur um Körpergeruch, sondern im Extremfall um das Überleben.
Prof. Roland Seifert

Prof. Seifert: Es gibt Erkenntnisse, aber sie sind noch nicht systematisch genug aufbereitet. Ein besonders wichtiges Beispiel sind Arzneistoffe mit sogenannter anticholinerger, genauer "muskarinrezeptor-antagonistischer", Wirkung. Solche Wirkstoffe hemmen unter anderem die Funktion der Schweißdrüsen. Schwitzen ist zwar unangenehm, aber ein essenzieller Schutzmechanismus gegen Hitzeschäden. Wenn dieser Mechanismus nicht mehr richtig funktioniert, steigt das Risiko einer Überhitzung deutlich.

Prof. Dr. med. Ro­land Seifert

Foto von Prof. Dr. med. Roland Seifert, Direktor des Instituts für Pharmakologie der Medizinischen Hochschule Hannover Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Direktor des Instituts für Pharmakologie der Medizinischen Hochschule Hannover

Solche Wirkungen finden sich in ganz unterschiedlichen Arzneimittelgruppen. Für den Sommer besonders relevant sind Arzneimittel gegen Reiseübelkeit, etwa Scopolamin-Pflaster. Scopolamin wirkt gut gegen Reiseübelkeit, hemmt aber ebenfalls das Schwitzen. In den USA, wo man schon länger mit hohen Temperaturen zu tun hat, wurden im Zusammenhang mit solchen Pflastern sogar Todesfälle beobachtet.

Eine weitere relevante Gruppe sind Schilddrüsenhormone. Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland bekommen sie verschrieben. Werden sie überdosiert, kann die Wärmeproduktion des Körpers steigen und damit bei hohen Außentemperaturen auch das Risiko einer Überhitzung.

Auch serotonerg wirkende Arzneistoffe können eine Rolle spielen. Dazu gehören beispielsweise Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder Monoaminooxidase-Hemmer, die unter anderem bei Depressionen und Angststörungen eingesetzt werden. Bei einer Überdosierung kann es zu einem Serotonin-Syndrom kommen, bei dem eine Überhitzung des Körpers auftreten kann.

Aufpassen muss man zudem bei entwässernden Arzneimitteln, sogenannten Diuretika. Sie werden häufig bei Herzinsuffizienz oder Bluthochdruck eingesetzt und können den Flüssigkeitsmangel im Körper verstärken.

Und schließlich ist auch Ibuprofen relevant. Es gehört zu den am häufigsten verwendeten Schmerzmitteln in Deutschland - sowohl ärztlich verordnet als auch in der Selbstmedikation. Eine einzelne Einnahme ist in der Regel nicht das Problem. Bei längerfristiger Einnahme kann Ibuprofen jedoch die Nierenfunktion beeinträchtigen. Dadurch kann der Elektrolythaushalt gestört und die Anpassung des Körpers an Hitze erschwert werden.

Das Problem ist: Viele dieser Arzneimittel werden sehr häufig verwendet, und bei vielen denkt man zunächst gar nicht an Hitze. Genau deshalb müssen wir darüber sprechen.

TK: Wie gut ist das Gesundheitswesen insgesamt auf den Zusammenhang zwischen Hitze und Medikation vorbereitet - also  Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte oder anderes Gesundheitspersonal?

Prof. Seifert: Wenn man ehrlich ist: eher gering. Im Medizinstudium war das Thema bislang kaum präsent, in der Facharztausbildung ebenfalls nicht. 

Dabei ist die Problematik nicht neu. Die Hitzewelle 2003 war in Deutschland ein deutlicher Einschnitt. Ich erinnere mich noch an die braunen Blätter im August. Seitdem hätte man Zeit gehabt, Fachinformationen und Beipackzettel anzupassen. Das ist aber nicht passiert.

Ein Grund ist aus meiner Sicht auch, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das solche Dinge überwacht, zu wenig Personal hat. Außerdem ist es bislang nicht gesetzlich vorgeschrieben, Angaben zur Wirkung von Arzneimitteln bei Hitze zu machen. Deshalb sind Initiativen wichtig, die Aufmerksamkeit schaffen. Wenn solche Themen von Krankenkassen, Fachgesellschaften und Medien aufgegriffen werden, kann daraus auch politischer Druck entstehen. Aus meiner Sicht braucht es langfristig eine eigene Rubrik: Wirkung des Arzneistoffs bei Hitze. Das wäre ein erster wichtiger Schritt.

TK: Sind Länder, die schon länger mit hohen Temperaturen umgehen müssen, bei diesem Thema weiter?

Prof. Seifert: Nicht systematisch. Ich habe viele Jahre in den USA gelebt, auch in Regionen, in denen es sehr heiß war. Dort verlässt man sich vielfach auf Klimaanlagen. Aber auch Länder wie Frankreich oder Spanien müssen sich stärker anpassen. Eigentlich bräuchten wir eine europäische Regelung. Das wäre wünschenswert - und ich denke, dass sie kommen wird. Sie muss kommen.

Eine europäische Regelung muss kommen.
Prof. Roland Seifert

TK: Könnten digitale Hilfsmittel helfen - etwa eine App, die bei bestimmten Medikamenten auf Hitzebelastungen hinweist?

Prof. Seifert: Ja, solche Lösungen kann man sich gut vorstellen. Eine App könnte zum Beispiel eine Liste von Risikomedikamenten enthalten, deren Wirkung sich bei Hitze verändern kann. Dazu müsste dargestellt werden, worauf Patientinnen und Patienten achten sollten und wann ärztlicher Rat notwendig ist.

Ein solcher Schritt könnte vom Bundesgesundheitsministerium, aber auch von Krankenkassen angestoßen werden. Ich glaube nicht, dass von Seiten der Gesetzgebung sehr schnell eine umfassende Lösung kommen wird. Deshalb könnten digitale Angebote ein erster pragmatischer Schritt sein.

TK: In Niedersachsen stand im Rahmen der GMK auch das Thema Versorgungssicherheit stark im Fokus. Welche Rolle spielt dabei die Pharmakologie in Zeiten des Klimawandels?

Prof. Seifert: Eine große Rolle. Versorgungssicherheit hat mehrere Ebenen. Die eine betrifft die Wirkung von Arzneimitteln bei Hitze. Eine andere ist eher pharmazeutisch: die Lagerung von Medikamenten. Viele Arzneimittel sind hitzeempfindlich. Das gilt besonders für moderne Arzneimittel wie Antikörper, die bei vielen immunologischen Erkrankungen eingesetzt werden und sehr wirksam sind. Viele dürfen nicht über 25 Grad gelagert werden.

Darüber hinaus spielt die Pharmakologie auch bei Lieferengpässen eine Rolle. Das hat zwar nicht unmittelbar mit dem Klimawandel zu tun, ist aber für die Versorgungssicherheit zentral. Wir erleben immer wieder Probleme bei der Lieferung grundlegender Arzneimittel. Ein wichtiger Schritt wäre, sich bundesweit auf einen Kanon unverzichtbarer Arzneistoffe zu verständigen. Diese Wirkstoffe sollten dann auch innerhalb der EU hergestellt werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hat dazu bereits eine Liste erstellt, an der die Pharmakologie mitgewirkt hat. Wir sehen uns also durchaus in gesellschaftlicher Verantwortung. Versorgungssicherheit heißt: Was ist überhaupt verfügbar? Was ist bei Hitze problematisch? Und was muss bei Wirkung und Lagerung beachtet werden?

TK: Was raten Sie Menschen, die regelmäßig Medikamente einnehmen, gesundheitlich angeschlagen oder älter sind? Was können sie konkret tun?

Prof. Seifert: Zunächst gelten die allgemeinen Regeln: ausreichend trinken, die heißesten Stunden des Tages meiden, sich vor direkter Sonne schützen. Das klingt banal, ist aber sehr wichtig.
Ganz entscheidend ist außerdem: Medikamente nicht eigenmächtig absetzen oder verändern. Wenn ein Arzneimittel ärztlich verordnet wurde, hat das in der Regel einen guten Grund. Es wäre kontraproduktiv, wenn sich zum Beispiel eine Atemwegserkrankung wie Asthma in einer Hitzephase verschlechtert, weil Medikamente abgesetzt wurden. Wer sich unsicher fühlt oder Beschwerden entwickelt, sollte ärztlichen Rat einholen.

Was Patientinnen und Patienten aber beeinflussen können, ist die Selbstmedikation. Bei Schmerzen sollte man während Hitzeperioden z. B. vorsichtig mit Ibuprofen sein. Paracetamol ist im Hinblick auf Hitze weniger problematisch, weil es nicht in gleicher Weise die Nierenfunktion beeinträchtigt.

Und schließlich gilt: Illegale Substanzen wie Ecstasy, Amphetamine, Methamphetamine oder Kokain sind bei Hitze besonders gefährlich. Sie können die Wärmeproduktion des Körpers erhöhen. In Verbindung mit körperlicher Belastung, Menschenmengen, Alkohol oder direkter Sonne kann das zu schweren Überhitzungen bis hin zum Kollaps führen.
 

Zur Person

Prof. Dr. med. Roland Seifert ist Direktor des Instituts für Pharmakologie der Medizinischen Hochschule Hannover, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pharmakologie und Mitherausgeber des Arzneiverordnungs-Reports.