"Man muss das wollen", sagt Ulf Zitterbart. Gelassen sitzt er im Stuhl, wenig Emotion schwingt in seinen Worten, die etwas für ihn Selbstverständliches ausdrücken. Ulf Zitterbart redet von seinem "Job". Denn so nennt er das, womit er seine Brötchen verdient - einen Job eben, keine Berufung oder dergleichen. Ulf Zitterbart ist Allgemeinmediziner. Er ist das, was man gemeinhin als Landarzt bezeichnen würde.

Im beschaulichen Kranichfeld, südlich von Weimar, lebt und arbeitet der 46-Jährige Familienvater in einer Gemeinschaftspraxis. In der Provinz also - knapp über 3300 Einwohner zählt die Gemeinde mit den drei Ortsteilen. Doch von Trostlosigkeit und immer den gleichen mäßig interessanten Fällen in seinem "Provinzwartezimmer" kann Ulf Zitterbart nicht berichten.

Der älteste Patient ist 102

Ganz im Gegenteil: Gerade die Abwechslung und Vielfalt sind es, die ihn so an seiner Arbeit begeistern. "Zwei bis 102", antwortet Zitterbart auf die Frage, wie alt denn seine Patienten sind. Und die kommen mit den unterschiedlichsten Anliegen zu ihm in die Praxis.

Nicht dass er sich über kranke Menschen freue. Aber es sei schon eine immer neue spannende Herausforderung, aus Patientengesprächen und Untersuchung Diagnosen zu erschließen. Ein breites Spektrum an Wissen sei da gefordert und - ebenfalls ganz wichtig - stets ein offenes Ohr zu haben für die Anliegen der Patienten.

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Landarztpraxis von Dr. Ulf Zitterbart in Kranichfeld, Thüringen (Fotograf: Sascha Fromm)

7 Uhr morgens beginnt der Arbeitstag von Landarzt Ulf Zitterbart. "In der Regel ist bis in die Mittagsstunden Sprechstunde", beschreibt er den weiteren Ablauf. Die Nachmittage nutzt er an drei Tagen in der Woche für Hausbesuche, der Rest der Zeit geht für Büroarbeit drauf.

Hausbesuche - wichtige Pflicht

Die Hausbesuche empfindet Zitterbart nicht als zeitraubende Belastung, sondern als wichtige Pflicht. "Es kann nun mal nicht in jedem Dörfchen einen Hausarzt geben, aber die Menschen haben ein Recht auf medizinische Versorgung vor Ort."

Deswegen macht nicht nur Ulf Zitterbart selbst Hausbesuche bei seinen Patienten. In der Kranichfelder Gemeinschaftspraxis arbeitet auch eine von 441 in Thüringen tätigen nichtärztlichen Praxisassistentinnen. Als eine Art "Schwester Agnes" macht diese auch Hausbesuche.

Silversurfer nutzen technische Helferlein

In einigen Fällen könnten Hausbesuche theoretisch durch telemedizinische Lösungen unnötig werden. Dem steht das Fernbehandlungsverbot entgegen, weiß auch Ulf Zitterbart. Seine Patienten und er stünden der Telemedizin dennoch sehr aufgeschlossen gegenüber, wie er sagt. Hier und da komme es durchaus vor, dass technische Helferlein genutzt werden.

"Erst kürzlich kam eine Patientin und zeigte auf dem Tablet Bilder vom Hautausschlag ihres Mannes. In dieser Situation wusste ich sofort, dass hier eine medizinische Behandlung notwendig ist. Auch war offensichtlich, worum es sich handelt." Was Zitterbart ebenfalls auffällt: Die Zahl der "Silversurfer" steigt und steigt, auch die älteren Patienten informieren sich im Internet.

Neben drei Fachärzten, einer Ärztin in Weiterbildung, sechs Schwestern, Reinigungskraft und Hausmeister sowie einer Auszubildenden gehören regelmäßig auch Medizinstudenten zum Team der Kranichfelder Provinzpraxis, die zugleich akademische Lehrpraxis ist.

"Natürlich gehen viele Studentinnen und Studenten eher in die Städte, um dort den Praxisalltag kennenzulernen. Sicher hat das auch was mit der Anbindung an Bus und Bahn zu tun", konstatiert Zitterbart. Aber die, die zu ihm kommen, geben durchweg positives Feedback.

Praxisluft statt Landarztquote

Was die Frage nach einem möglichen Ärztemangel auf dem Land angeht, bleibt der 46-Jährige gelassen. "Ich bin kein Pessimist, der Nachwuchs kommt", sagt er kurz und knapp. Seine Aussage schließt er unter anderem aus dem, was er als Prüfer erlebt, wenn er die Facharztprüfung angehender Allgemeinmediziner übernimmt.

Vom Konzept einer Landarztquote hält Ulf Zitterbart nicht viel. Bewerbern den Zugang zum Medizinstudium zu erleichtern, wenn diese sich für eine gewisse Dauer verpflichten, als Landarzt zu arbeiten, hält er für verfehlt. "Du kannst doch keinem 18-Jährigen sagen, dass er in zwölf Jahren für zehn Jahre als Landarzt arbeiten wird", kann sich Zitterbart ein Schmunzeln kaum verkneifen.

Viel entscheidender sei es, dem Fach Allgemeinmedizin einen größeren Stellenwert zuzugestehen. In Ansätzen geschehe das bereits. Was der Kranichfelder Landarzt außerdem für sinnvoll erachtet: "Mehr Praxis im Studium. Eine bessere Orientierungshilfe gibt es nicht." Was Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten für angehende Landärzte angeht, sieht Zitterbart beispielsweise bei Land und Kommunen noch Handlungsspielräume, beispielsweise was das Bereitstellen von Wohnraum oder Kita-Plätzen angeht.

Ob der Landarzt ein Beruf mit Zukunft sei, antwortet Ulf Zitterbart gelassen und mit der bekannt emotionslosen Selbstverständlichkeit. "Es ist nur dann ein Beruf mit Zukunft, wenn auch das 'Land' eine Zukunft hat."

Die Anerkennung von Allgemeinmedizinern ist noch ausbaufähig

Er als Familienmensch habe sich bewusst für die Tätigkeit auf dem Lande entschieden. Die Infrastruktur sei in den meisten Regionen Thüringens soweit gegeben, dass man keine allzu großen Abstriche machen muss. 20 Minuten dauert die Fahrt mit dem Auto von Kranichfeld nach Weimar oder Erfurt. Bis auf ein Gymnasium findet Zitterbart in dem kleinen Ort alles, was er für sich und seine Familie benötigt.

Drei Dinge, die Zitterbart an seinem "Job" toll findet, fallen ihm sofort ein: die Abwechslung, die Arbeitszeiten und der Verdienst. Als er gefragt wird, was weniger toll ist, grübelt er zunächst. Der Stellenwert der Allgemeinmedizin und die Anerkennung von Allgemeinmedizinern seien noch ausbaufähig.