Wie wirkt sich eine Krankenhausschließung auf die stationäre Versorgung in der von der Schließung betroffenen Region aus? Diese spannende Frage wurde im Rahmen einer Masterarbeit in Kooperation mit der Hochschule Hannover analysiert. Hierzu befragten wir Prof. Dr. Uwe Sander, Hochschule Hannover und Jochen Blaser, Fachreferent der TK-Landesvertretung Niedersachsen.

TK: Die drängendste Frage zuerst: Kam es durch die Schließung des OsteMed Krankenhauses in Zeven im Jahr 2018 zu Beeinträchtigungen bei der Behandlung von akuten Notfällen?

Prof. Uwe Sander: Am Beispiel der Schlaganfallversorgung haben wir keine Beeinträchtigung der Notfallversorgung aus unseren Zahlen ableiten können. Es gab Verschiebungen von Fällen hin zu einer Stroke Unit, was einer von der Versorgungsforschung geforderten stärkeren und gewünschten Konzentration von Fällen in Krankenhäusern entspricht, die über ausreichende strukturelle Voraussetzungen für die Behandlung verfügen. Beim akuten Myokardinfarkt und der Behandlung von Schwerverletzten blieben die Zahlen im Wesentlichen unverändert.

Prof. Dr. Uwe Sander

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiter des Forschungsverbunds Public Reporting und Professor für Medizinisches Informationsmanagement an der Hochschule Hannover

TK: Findet durch die Fusion ein Rückgang stationärer Krankenhausleistungen statt? 

Prof. Sander: Nach der Fusion der Krankenhäuser in Zeven und Bremervörde im Jahr 2018 zu einem Krankenhaus Bremervörde waren die ambulant-sensitiven Leistungen rückläufig, nicht nur in Zeven, sondern in allen Krankenhäusern des Landkreises Rotenburg. Ambulant-sensitive Leistungen sind Fälle, die ein hohes ambulantes Potential aufweisen. Es basiert auf der Annahme, dass zum Beispiel ein richtig eingestellter Diabetiker grundsätzlich keiner stationären Behandlung bedarf, mit Ausnahme weniger Komplikationen.

TK: Wie hat sich das Leistungsgeschehen in der Region nach der Fusion entwickelt, auch im Vergleich zu Niedersachsen gesamt? 

Jochen Blaser: Die Analyse ergab einen Rückgang von 1.825 Casemix Punkten (Leistungsmengen) nach der Fusion. Bewertet man dies monetär mit dem Landesbasisfallwert Niedersachsen (2019: 3.528,55 Euro), so würden sich dadurch 6,4 Millionen Euro weniger Krankenhausausgaben auf Basis der Wohnbevölkerung ergeben. Bei der Analyse sind die Wanderungsbewegungen inkludiert. Eine Ursache dieser Einsparung könnte der Rückgang ambulant substituierbarer und nicht notwendiger stationärer Leistungen sein.

Der "Belegungsdruck" bei Krankenhäusern, die zur Finanzierung ihrer Vorhaltekosten ausreichende Fallzahlen benötigen, könnte sich durch die Konzentration der Leistungen in Bremervörde deutlich reduziert haben. Im gleichen Zeitraum sind in Niedersachsen die Leistungen um 2,4 Prozent gestiegen. 

Jochen Blaser

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Fachreferent stationäre Versorgung der TKLV-Niedersachsen

TK: Wie hat sich die Erreichbarkeit von stationären Versorgungsleistungen verändert, sprich wie haben sich die Fahrzeiten durch die Fusion verändert? 

Blaser: Die durchschnittliche Fahrzeit für die Zevener Einwohnerinnen und Einwohner hat sich von 29 auf 38 Minuten und die durchschnittliche Wegstrecke von 34 auf 45 Kilometer erhöht. Bestandteil dieser Durchschnittsbetrachtung sind allerdings auch Fahrzeiten nach Hamburg und Bremen. Bei Standorten außerhalb des Landkreises wurde eine höhere durchschnittliche Fallschwere verzeichnet. So betrug der Casemix Index (CMI), der die Fallschwere angibt, in Hamburg 1,19 versus 0,79 in Bremervörde. Dies ist vereinbar mit dem Trend, dass Patienten für eine spezialisierte elektive Behandlung längere Fahrzeiten in Kauf nehmen. Zudem nehmen die Mobilität von Patienten und die Bereitschaft, weitere Strecken für eine bessere Qualität auf sich zu nehmen, grundsätzlich zu. Dies zeigt auch der aktuelle TK-Meinungspuls 2021.

TK: Wie wirkt sich der Wegfall des Krankenhauses auf die Wirtschaftlichkeit der bestehenden Krankenhäuser im Landkreis aus?

Prof. Sander: Die Analyse der Wirtschaftlichkeit der bestehenden Krankenhäuser im Landkreis war nicht Gegenstand unserer Untersuchung. Wir gehen davon aus, dass die beobachtete Konzentration von Leistungen zu einer weiteren Verbesserung der Behandlungsqualität und zu einer höheren Auslastung führen kann, was die Erreichung wirtschaftlicher Ziele unterstützen würde. 

TK: Welche Auswirkungen ergeben sich durch die Reduktion der Fallzahl auf die Personalkennzahlen (eingesetztes Personal je Fall)? 

Blaser: Wie oben dargestellt nimmt der Belegungsdruck ab, das heißt die Leistungen sind rückläufig. Dies führt bei einer unterstellten Konstanz des pflegerischen und ärztlichen Personals zu einer doppelten Verbesserung. Auf der einen Seite verbessern sich die Arbeitsbedingungen und es besteht eine geringere Arbeitsverdichtung und auf der anderen Seite bekommen die Patientinnen und Patienten mehr pflegerische oder ärztliche Leistungen. Das Ziel von Fusionen ist aus TK-Sicht nicht der Abbau von Personal in der unmittelbaren Patientenversorgung, sondern eine Verbesserung der Strukturen vor Ort.

TK: Wie lassen sich die Ergebnisse der Krankenhausschließung in Zeven mit den aktuellen Ergebnissen der Enquete-Kommission zur Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung verbinden?

Blaser: Die Ergebnisse unterstreichen die Sinnhaftigkeit von Strukturveränderungen wie sie in der Krankenhausenquete festgelegt wurden. Am Beispiel von Zeven konnte aufgezeigt werden, dass dies nicht zulasten der Versorgungsqualität vor Ort geht. Im Gegenteil: durch eine stärkere Konzentration der Leistungen und damit einhergehenden Spezialisierung ist von einer höheren Qualität auszugehen, bei einer gleichzeitigen Verbesserung der wirtschaftlichen Situation der verbleibenden Kliniken (Skaleneffekte). Darüber hinaus findet eine Entlastung statt, sowohl beim Personal (unmittelbare Patientenversorgung) wie auch bei den Gesamtausgaben im Krankenhausbereich.

TK: Vielen Dank!

Zur Person

Prof. Dr. Uwe Sander ist seit 2016 Leiter des Forschungsverbunds Public Reporting und seit 2008 Professor für Medizinisches Informationsmanagement an der Hochschule Hannover, Forschungsgebiet: Qualitätssicherung und -transparenz im Gesundheitswesen, insbesondere Public Reporting.

Jochen Blaser ist Krankenhaus-Vertragsfachreferent der TK-Landesvertretung Niedersachsen. Er ist auch als Lehrbeauftragter an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und der Hochschule Hannover mit den Schwerpunkten Krankenhausmanagement, Krankenhausfinanzierung und Verhandlungen tätig.