Seit 1993 gehört Frau Dr. Katja Horneffer zu den bekannten Wetterexpertinnen des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) in Mainz. Seit 2020 leitet die studierte Meteorologin das Wetterteam des Senders. Im nachfolgenden Interview erklärt die gebürtige Niedersächsin, wie "Wetter", "Klimawandel" und "Nachhaltigkeit" zusammengehören.
 
TK: Frau Dr. Horneffer, Sie haben 1996 im Fach "Meteorologie" promoviert. Damals galt das "Wetter" oft noch als "Small-Talk"-Thema. Wie hat sich das aus Ihrer Sicht inzwischen verändert?

Dr. Katja Horneffer: Sobald das Gespräch auf das Thema "Wetter" kommt, wird es ernst. Extremwetter und Klimawandel schwingen sofort mit und jeder und jede hat sofort etwas zu erzählen: was ihr oder ihm gerade oder kürzlich widerfahren ist, welche Wetterunbilden sich wo zugetragen haben und die bange Frage, was da wohl als nächstes kommt.

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Dr. Katja Horneffer

TK: Inwiefern beeinflusst der Klimawandel "unser" Wetter?

Dr. Horneffer: Der Klimawandel macht unser Wetter in jeder Hinsicht extremer. Gab es früher auch mal einen trockenen Sommer, ist es jetzt oft schnell die Dürrekatastrophe, und hörten wir früher von Waldbränden in Südeuropa treiben uns nun die Wald- und Buschbrände vor unserer Haustür zum Beispiel auf ehemaligen Truppenübungsplätzen in Brandenburg um. Wenn es regnet, schüttet es oft gleich wie aus Kübeln und Hagelschlag wird immer öfter zum wirklich lebensgefährlichen Wetterphänomen, wenn tennisballgroße Eisklötze vom Himmel stürzen.

 
TK: Gibt es ernstzunehmende wissenschaftliche Zweifel, dass der Klimawandel von Menschen verursacht ist?

Dr. Horneffer: Die kurze Antwort: NEIN!
Die etwas längere: Das Klima würde sich auch gänzlich ohne menschliches Zutun allein aufgrund der Bahnparameter der Erde wandeln. Allerdings viel, viel, viel langsamer. So langsam, dass sich Tiere und Pflanzen anpassen könnten. Das Problem am menschgemachten Treibhauseffekt ist, dass alles so rasend schnell geht - und: dass die Atmosphäre so ein langes Gedächtnis hat. Wir erleben aktuell die Auswirkungen von dem, was wir vor 20 oder 30 Jahren in die Luft gepustet haben. Und selbst wenn wir sofort alle vom Menschen verursachten Emissionen auf null zurückfahren könnten, würden die Temperaturen noch 20, 30 Jahre weiter ansteigen!

 
TK: Können Sie - aus Ihrer Sicht als Meteorologin - darlegen, warum Klimaschutz auch Gesundheitsschutz ist?

Dr. Horneffer: Die größte Gesundheitsgefahr durch Wetterparameter geht von der Hitze aus. Und wir wissen inzwischen, dass durch den menschgemachten Treibhauseffekt die Hitzewellen früher kommen, länger anhalten, größere Regionen betreffen, häufiger wiederkehren und dass es in ihnen auch immer heißer wird! 

Temperaturen jenseits der 35 bis 40 Grad sind für viele Bevölkerungsgruppen schwer erträglich: Für sehr Junge und sehr Alte sowie Menschen mit Vorerkrankungen. Bei Hitze und in der prallen Sonne wird Arbeit draußen mittags nicht mehr möglich sein. Besonders problematisch wird es in den Städten, den urbanen Hitzeinseln. Dort leben Menschen, zum Beispiel auch Obdachlose, die sich oft nicht selber richtig um sich kümmern können, denen die Gefahren durch Hitze weniger bewusst sind, die auch weniger Reserven haben, um eine belastende Hitze-Situation zu überstehen. An Schlaf ist in aufgeheizten Wohnungen während tropischer Nächte kaum noch zu denken. Und die Anzahl der Tropennächte, in denen die Nachttemperatur nicht unter 20 Grad sinkt, nimmt in Deutschland zu.

Erschreckend hoch ist auch bei uns in Deutschland die Übersterblichkeit in den Hitzewellen - also die Anzahl der Menschen, die in Hitzewellen mehr sterben als durchschnittlich ohne eine Hitzewelle im selben Zeitraum gestorben wären. Dringend erforderlich sind also Hitzeschutzpläne. Kühle Orte müssen ausgewiesen werden, Städte müssen grüner werden. Auf die Hitzewelle 2003 hatte Frankreich bereits 2004 reagiert und den "Plan Canicule" entwickelt, bei dem nach einem Vierstufenplan mögliche Gefahren und daraus resultierende Verhaltensempfehlungen im Sommer medial verbreitet werden.

In Zusammenhang mit der Hitze steht auch die UV-Strahlung. Sonnenbrand ist absolut zu vermeiden: nicht nur als Vorstufe für Hautkrebs in späteren Jahren, sondern auch weil Sonnenbrand im Akutfall eine ernsthafte Erkrankung, eben eine Verbrennung ist.

Effektiver Klimaschutz könnte zudem verhindern, dass sich Infektionskrankheiten und Allergien ausbreiten. Denn höhere Temperaturen begünstigen oft, dass sich Krankheitserreger ausbreiten oder die Überträger von Krankheiten, wie zum Beispiel Zecken, Mücken oder Nagetiere, oder die Auslöser von Allergien, wie Ambrosia neue Lebensräume finden. Steigende Temperaturen verlängern zudem die Vegetationsperiode und damit auch die Pollenflugsaison.

Konkrete Gefahren für Leib und Leben gehen auch von Starkregen und Überschwemmungen, von Dürre und Wasserknappheit aus, von Extremwetterereignissen wie Gewittern mit großen Hagelkörnern, Sturm- und Orkanböen, Tornados und Blitzschlag. Ausbleibende Ernten können Hungersnöte befördern und je lebensfeindlicher die Umweltbedingungen werden, desto eher zwingen sie Menschen zu migrieren.

Wenn wir unseren Energiebedarf künftig nur noch mit Sonne und Wind decken und auf die fossilen Brennstoffe gänzlich verzichten, senken wir nicht nur die Treibhausgasemissionen, sondern verbessern auch signifikant die Qualität der Luft, die wir alle atmen. Feinstaub und Stickoxide belasten Atemwege besonders in den Städten und verstärken unter anderem Asthma bei Kindern. 

Nicht zu vergessen sind die Auswirkungen auf unsere Psyche: Die schwer zu fassende, von manchen als lähmend empfundene Bedrohung durch den Klimawandel kann Stress auslösen und psychisch belasten.

TK: Wie könnte das Gesundheitswesen - Ihrer Meinung nach - einen Beitrag zum Klimaschutz leisten?

Dr. Horneffer: Indem es sich die richtigen Fragen stellt: Wie heizen Krankenhäuser? Wie hitzeverträglich sind Klinikräume? Befinden sich auf Krankenhausdächern Photovoltaik- und Solarthermieanlagen? Finden Krankentransporte mit E-Autos statt? Gibt es umweltfreundliche und klimaneutrale Medizinprodukte und Mehrweglösungen? Fördern Gesundheitsdienstleister nachhaltige Mobilitätskonzepte, stellen also Fahrräder für die Beschäftigten zur Verfügung oder beteiligen sich an Tickets für den öffentlichen Nahverkehr? Welche Flugreisen zu Kongressen und in der medizinischen Forschung sind verzichtbar? Wie können Narkosegase vermieden, reduziert oder wiederverwendet werden? Gibt es in der Klinik bereits ein Klimamanagement?

In der Patientenberatung sowie auch schon in der Schule muss die Aufklärung über Win-Win-Situationen einen höheren Stellenwert einnehmen: Radzufahren statt Auto ist gut für die Fitness, fleischreduzierte, saisonale und regionale Kost gut fürs Klima und für den Körper. Ärztinnen und Ärzte sollten sich ihrer Vorbildrolle bewusst sein und ihre Gesundheitsexpertise nutzen, da ihnen viele Patientinnen und Patienten Respekt und Vertrauen entgegenbringen.

TK: Was muss Ihrer Meinung nach politisch prioritär angegangen werden, um die Folgen des Klimawandels zu verlangsamen?

Dr. Horneffer: Die Treibhausgasemissionen müssen sinken: Klimafreundliches Verhalten muss belohnt, klimaschädliches Verhalten sanktioniert werden. Wir müssen insgesamt weniger Energie verbrauchen, es müssen also Sparanreize gesetzt werden und sinnvolle Konsumentscheidungen erleichtert werden. Wenn sich Produkte, die das Klima weniger belasten, nur die Besserverdienenden leisten können, läuft doch etwas falsch. Und natürlich ist Klimaschutz eine internationale, eine globale Aufgabe.