TK: Sie sind Berichterstatterin Ihrer Fraktion für die ambulante Versorgung. Wo sehen Sie Reformbedarf?

Dr. Lina Seitzl: In unserem Gesundheitssystem sind knapp 6,2 Millionen Menschen tätig. Sie alle arbeiten tagtäglich daran, dass wir Hilfe erhalten, wenn es uns nicht gut geht. Doch unser System ist historisch gewachsen und leider wenig auf diejenigen ausgerichtet, die es benutzen sollen: Die Patientinnen und Patienten. Durch viele Regelungen und die Institutionalisierung des Gesundheitswesens sind die Patientinnen und Patienten leider etwas aus dem Fokus geraten. Hier müssen wir nun gegensteuern. 
 

Dr. Lina Seitzl MdB

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SPD-Bundestagsabgeordnete aus Konstanz und Mitglied im Gesundheitsausschuss

Ich möchte, dass Patientinnen und Patienten wieder das Gefühl bekommen, dass das System auf sie ausgerichtet ist. Dr.Lina Seitzl

Ich möchte, dass Patientinnen und Patienten wieder das Gefühl bekommen, dass das System auf sie ausgerichtet ist. Ich möchte, dass die Fachkräfte im Gesundheitswesen mit digitalen und effizienten Strukturen arbeiten, die sie unterstützen und Bürokratie reduzieren. Und ich möchte, dass das Geld, das wir in unser Gesundheitssystem stecken, sinnvoll verwendet wird, damit wir in unserem Land besser behandelt werden können und wir alle wieder gesünder werden. Denn da sind wir im europäischen Vergleich nicht gerade Spitzenreiter. 

Ich bin zuversichtlich, dass dies gelingen kann. Wenn wir es schaffen ein patientenzentriertes Primärversorgungssystem zu etablieren, in dem die gute Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen und Berufe im Gesundheitssystem honoriert wird, wird die Versorgung für uns alle erlebbar besser.

TK: An welcher Stelle würden Sie zuerst ansetzen - auch mit Blick auf Ihren Wahlkreis Konstanz?

Dr. Seitzl: Ich denke, dass mein Wahlkreis Konstanz in vielen Punkten exemplarisch für die gesamte Republik steht. Sehr eindrücklich ist mir eine Erfahrung in einer Apotheke in meinem Wahlkreis in Erinnerung geblieben. Eine junge Familie fragte dort verzweifelt die Apothekerin, wo sie denn jetzt einen Kinderarzt für die U2 Untersuchung auftreiben sollen. Niemand wollte sie aufnehmen. Und das kann es wirklich nicht sein.

Hier müssen wir ansetzen: Arzttermine, die nicht aufgeschoben werden können, müssen sofort ermöglicht werden. Dazu zähle ich klar Vorsorge-Untersuchungen. Bei der U2 Untersuchung, die zwischen dem 3. und 10. Lebenstag stattfinden soll, kann es eben schon eine Rolle spielen, ob der Termin heute oder morgen stattfindet - in zwei Wochen brauche ich ihn gar nicht mehr. Ähnlich sieht es aus, wenn ich einen Knoten in der Brust spüre. Auch da möchte ich, dass mich sofort ein Arzt untersucht und eine Überprüfung veranlasst.

Ich möchte auch, dass die Verantwortung, die eigene Therapie zu organisieren, nicht mehr bei den Erkrankten und ihren Angehörigen liegt. In der Regel sind wir Laien - auch ich bin medizinische Lain, obwohl ich mich tagtäglich mit Gesundheitspolitik befasse und Fachexpertinnen und -experten austausche - und wir können unsere Befunde und Laborwerte nicht allein einordnen. Hier muss uns das System besser unterstützen. Es
muss jemanden geben, der meine Therapie überblickt, Ergebnisse zusammenführt und mich, wenn es nötig ist, an die richtige Stelle vermittelt. So etwas fehlt bisher oder ist selten - es ist aber dringend notwendig.

TK: Die TK plädiert für ein Primärversorgungssystem mit digitalgestützter Ersteinschätzung. Wie stellt sich die Koalition eine effiziente Koordination der Versorgung vor?

Dr. Seitzl: Wir haben uns in der Koalition darauf verständigt, ein Primärversorgungssystem einzuführen. An diese Abmachung fühle ich mich gebunden. Wir alle erwarten den ersten Vorschlag aus dem Bundesministerium für Gesundheit nun mit Spannung, doch es liegt uns noch nichts vor. (Stand September 2026) 

Ich erwarte vom neuen Gesundheitsminister, dass er nun zeitnah Vorschläge vorlegt. Natürlich macht sich auch die SPD-Bundestagsfraktion ihre Gedanken, einzelne Aspekte habe ich bereits angesprochen, doch ich möchte der Debatte an dieser Stelle noch nicht vorweggreifen.
Eine gut aufgebaute digitale Ersteinschätzung wird sicherlich eine Rolle spielen müssen.

TK: Wie kann es Politik und Selbstverwaltung gemeinsam gelingen, eine gute (haus-)ärztliche Versorgung für alle zu organisieren?

Dr. Seitzl: Uns kann dies gemeinsam gelingen, wenn wir uns ehrlich machen und die Patientinnen und Patienten in den Mittelpunkt rücken. Wenn wir nur Partikularinteressen vertreten und uns auf den Standpunkt stellen, dass nur mehr Geld ins System fließen müsse, und dann würde sich die Versorgung von selbst verbessern, kommen wir nicht weiter. 

Wir müssen auch darüber sprechen, wie wir eine bessere Aufgabenteilung im Gesundheitssystem hinbekommen. Dr. Lina Seitzl
 

Wir müssen auch darüber sprechen, wie wir eine bessere Aufgabenteilung im Gesundheitssystem hinbekommen. Viel Potenzial der unterschiedlichen Gesundheitsberufe bleibt bisher ungenutzt - zum Nachteil der Patientinnen und Patienten.

Wer im politischen Berlin glaubt, durch die Einführung eines Primärversorgungssystems lasse sich Geld sparen, der hat nicht verstanden, worum es geht. Wir werden die ambulante Versorgung grundlegend umbauen müssen. Und das kostet neben Zeit auch Geld, zumindest kurzfristig. Mittelbar wird aber durch eine besser organisierte Versorgung, klare Zuständigkeiten, die Vermeidung von Doppel- und Fehlbehandlungen
und andere Effekte Geld eingespart werden.

TK: In Konstanz treffen Sie die Teilnehmenden der TK-DocTour 2026 auf deren "Roadtrip zur Zukunftspraxis". Was möchten Sie den Medizin- und PA-Studierenden als Gesundheitspolitikerin mitgeben?

Dr. Seitzl: Sie alle haben sich dafür entschieden, ein Fach zu studieren, dass die Hilfe für den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Sie alle haben dies aus fachlichem Interesse getan, aber auch aus einer Motivation heraus, das Leben für die Menschen besser zu machen; sei es, weil Sie einen Beruf in der Versorgung ergreifen möchten, in der Forschung oder in der Gesundheitswirtschaft. Besonders freut es mich natürlich, wenn Sie einen Beruf in der ambulanten Versorgung ergreifen werden. Denn hier braucht Sie die Gesellschaft mehr denn je.

Ich möchte Sie auf Ihrem Weg und im Rahmen Ihres Studiums dazu ermutigen, ihren Horizont zu erweitern: Schauen Sie nach Links und Rechts - welche anderen Gesundheitsberufe gibt es? Was können Hebammen, Pharmazeutinnen und Pharmazeuten, Psychologinnen und Psychologen, Pflegefachpersonen und die vielen anderen Gesundheitsberufe, was Sie vielleicht nicht können? Wie können sich die unterschiedlichen Berufsgruppen ergänzen? Vernetzen Sie sich an ihrer Uni, engagieren Sie sich in den Fachschaften und Studierendenverbänden und fördern Sie den interdisziplinären Austausch an ihrer Universität oder Hochschule. Davon werden Sie in Ihrem Berufsleben unglaublich profitieren.

Und, zu guter Letzt: Vergessen Sie nie, welche Verantwortung Sie tragen werden. Sie sind die Vertrauenspersonen für die Menschen von morgen. Wie sorgfältig Sie Ihre Arbeit machen, wird darüber entscheiden, ob ein Mensch gesund wird oder stirbt, ob eine Verletzung vollständig ausheilt oder ob ein Mensch eine Behinderung erwirbt.

Zur Person

Dr. Lina Seitzl MdB ist seit 2021 Mitglied des Deutschen Bundestags. Die Abgeordnete aus dem Wahlkreis Konstanz ist für die SPD stellvertretende gesundheitspolitische Sprecherin und Mitglied im Gesundheitsausschuss. Zuvor war sie als Wissenschaftlerin tätig und hat im Themenbereich Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie promoviert.