Innovation made in SH: Wie neue Versorgungsideen entstehen
Interview aus Schleswig-Holstein
Seit mehr als zehn Jahren ist Dr. Frederike Rogge Teil des Teams der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein. Angefangen mit klassischer Vertragsarbeit hat sich ihr Aufgabenfeld deutlich verändert. Innovative Versorgungsthemen stehen heute auf ihrer Agenda. Im Interview spricht sie mit dem Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein, Sören Schmidt-Bodenstein, darüber, wie neue Versorgungsideen entstehen, welchen Beitrag Schleswig-Holstein zur Versorgungslandschaft leistet und was gute Innovationsprojekte ausmacht.
Sören Schmidt-Bodenstein: Frederike, wenn du abends mit deiner Familie am Tisch sitzt: Wie erklärst du, was dein Job bei der TK ist?
Dr. Frederike Rogge: Ganz einfach ist das nicht, weil mein Job ziemlich komplex ist. Runtergebrochen sage ich: Ich versuche, neue Versorgungsideen für die Versicherten in Schleswig-Holstein erlebbar zu machen und möglichst schnell in die Umsetzung zu bringen. Dafür spreche ich sehr viel mit Medizinerinnen und Medizinern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie mit allen, die in der Praxis mit Gesundheitsversorgung zu tun haben - also mit Praxen, Kliniken, Start-ups und auch mit der IT. Ich "scoute" sozusagen neue Ideen und schaue dann, wie wir sie in die Versorgung bringen können.
#SegelSetzen: Interview mit Dr. Frederike Rogge
Schmidt-Bodenstein: In der TK-Landesvertretung bist du bereits seit 2008, das Innovationsthema verantwortest du seit 2017. Wie hat sich die Innovationsarbeit seitdem verändert?
Rogge: Am Anfang haben wir vor allem Selektivverträge zu aktuellen Themen umgesetzt, eben dort, wo es Versorgungslücken oder neue Methoden gab. Heute sind wir deutlich früher gefragt: Menschen kommen mit Ideen auf uns zu, die noch in einer sehr frühen, ziemlich rohen Phase sind. Wir sind dann schon am Anfang dabei, bringen unsere Perspektive ein und können mitgestalten. Das ist die größte Veränderung.
Schmidt-Bodenstein: Wenn du auf Schleswig-Holstein blickst: Wie innovationsfreudig ist das Land auf einer Skala von eins bis zehn?
Rogge: Ich würde Schleswig-Holstein ziemlich gut einschätzen, etwa zwischen sechs und sieben. Wir haben eine starke Basis: Universitätsmedizin, Forschungseinrichtungen, viele engagierte Praxen und Kliniken und auch Start-ups, die im Land angesiedelt sind. Es gibt eine große Bereitschaft, miteinander zu kooperieren, auch mit der Politik und den Krankenkassen. Für eine zehn reicht es aber noch nicht.
Schmidt-Bodenstein: Was müsste passieren, damit wir näher an diese zehn herankommen?
Rogge: Ich würde zwei Punkte besonders hervorheben: Transfer und Tempo. Zum einen geht es darum, wie gut der Transfer von einer guten Idee in die tatsächliche Versorgung gelingt. Zum anderen darum, wie schnell das geht. Da ist noch Luft nach oben. Außerdem sind einige Schnittstellen, zum Beispiel zwischen den Versorgungssektoren, noch nicht gut genug ausgebaut. Auch hier könnte man noch nachschärfen.
Schmidt-Bodenstein: Was kennzeichnet Projekte, die eine gute Chance haben, an den Start zu gehen?
Rogge: Die Ideen, die am besten funktionieren, sind meist relativ fokussiert. Sie haben eine klare Zielsetzung, eine klar umrissene Zielgruppe und eine überschaubare Zahl an Beteiligten. Ein großer Erfolgsfaktor ist, wenn alle relevanten Partner früh zusammenkommen. Dann weiß man schneller, was in der Umsetzung gebraucht wird, zum Beispiel in den Praxen, und kann vor Ort nachfragen und gegebenenfalls nachjustieren.
Schmidt-Bodenstein: Und was hast du aus Projekten gelernt, die nicht geklappt haben?
Rogge: Scheitern gehört bei Innovationen dazu, das ist fast eher die Normalität. Es gibt mehr Ideen, die wir nicht umsetzen, als solche, die tatsächlich in einem Projekt münden. Aus jedem gescheiterten Projekt lernen wir aber. Wichtig ist, früh zu scheitern oder früh die Notbremse zu ziehen, wenn man merkt, dass es kein Erfolg wird. Risiken entstehen zum Beispiel, wenn man zu viele Neuerungen auf einmal einführen will oder ein sehr komplexes Projekt mit sehr vielen Beteiligten aufsetzt.
Schmidt-Bodenstein: Was sollte man denn mitbringen, um deinen Job gut machen zu können?
Rogge: Man sollte auf jeden Fall offen sein für unterschiedlichste Perspektiven, Menschen und Themen und sich schnell in neue Inhalte und Sichtweisen eindenken können. Kommunikation ist ein zentraler Teil meiner Arbeit: Ich spreche mit sehr unterschiedlichen Menschen, baue Netzwerke auf und bringe Partner zusammen, die sonst vielleicht gar nicht miteinander gesprochen hätten. Oft übersetze oder vermittle ich auch zwischen verschiedenen Sichtweisen.
Außerdem braucht man einen langen Atem und eine gewisse Widerstandsfähigkeit. Bis Projekte wirklich in der Versorgung ankommen, dauert es meist ziemlich lange. Wenn es dann aber gelingt, kann die gesamte Gesellschaft davon profitieren.