Tabuthema Proktologie: Experte im Interview
Interview aus Bayern
Versicherte der TK in Bayern können deshalb seit Kurzem auf ein innovatives spezialisiertes Behandlungsangebot zurückgreifen, bei dem proktologische Eingriffe behutsam minimalinvasiv und ambulant durchgeführt werden. Dr. Moritz Komm vom Enddarmzentrum München-Bavaria spricht im Interview über das Verfahren und wie sich proktologische Erkrankungen vermeiden lassen.
TK: Welche körperlichen und seelischen Belastungen erleben Patientinnen und Patienten mit Hämorrhoiden besonders häufig?
Dr. Moritz Komm: Belastende Symptome von Hämorrhoiden sind vor allem Blutungen unterschiedlichen Ausmaßes. Diese zeigen sich teils nur als Blutspuren am Toilettenpapier, teils aber auch durch laufende Blutungen, die länger anhalten. Bestehen diese Blutungen über einen längeren Zeitraum, kann dies zu einer Blutarmut und im Extremfall sogar akut zur Notwendigkeit einer Blutstillung und gegebenenfalls Bluttransfusion führen. Vergrößerte Hämorrhoiden können auch zu einem Gefühl der analen Feuchte, Juckreiz und Stuhlschmieren führen. Auch der Vorfall von Hämorrhoidengewebe durch den After an sich, der mitunter aktiv zurückgeschoben werden muss, wird von den meisten Patientinnen und Patienten als äußerst belastend wahrgenommen.
Diese Symptome können zu Einschränkungen im Alltag und die damit verbundene Scham zum sozialen Rückzug führen. Dabei ist einem Großteil der Patientinnen und Patienten zunächst nicht bewusst, dass viele Menschen betroffen sind und dass es spezialisierte Hilfe gibt.
Einem Großteil der Patientinnen und Patienten ist zunächst nicht bewusst, dass viele Menschen betroffen sind und dass es spezialisierte Hilfe gibt.
TK: Viele Betroffene schämen sich, über proktologische Beschwerden zu sprechen. Wie erleben Sie das im Praxisalltag, und wie begegnen Sie dieser Scham ganz konkret?
Dr. Komm: Der Anus, also das Kontinenz- und Entleerungsorgan, ist in seiner Funktion allgegenwärtig und trägt, sofern er einwandfrei funktioniert, erheblich und das unbemerkt dazu bei, dass wir uns frei bewegen und unserem Alltag nachgehen können. Dennoch ist diese Region nach wie vor eine Tabuzone in weiten Teilen unserer Gesellschaft. Dieses Phänomen verstärkt sich deutlich, wenn man Beschwerden in diesem sensiblen Bereich hat.
Fast jeder Patientin und jedem Patienten, die zum ersten Mal zu uns in die Praxis kommt, ist die Situation zunächst unangenehm. Unsere Ärztinnen und Ärzte befassen sich spezialisiert mit Problemen rund um den After und Dickdarm. Sobald unsere Patientinnen und Patienten feststellen, dass sie professionell, verständnisvoll und wertschätzend in ihrer belastenden Situation aufgenommen werden und das Gespräch und die Untersuchung in einer entspannten Atmosphäre stattfinden, fällt die Scham von unseren Patientinnen und Patienten ab. Dies ermöglicht einen offenen Austausch, in dem sich unsere Patientinnen und Patienten wahrgenommen fühlen und so eine zielgerichtete und effektive Therapie eingeleitet werden kann.
TK: Wie läuft ein typischer Behandlungspfad im Vertrag ab - von der ersten Vorstellung in der Sprechstunde bis zur Nachsorge nach einem Eingriff?
Dr. Komm: Es gibt verschiedene Möglichkeiten Hämorrhoiden zu behandeln. Ob eine Therapie effektiv ist, hängt maßgeblich davon ab, ob das empfohlene Verfahren zur individuellen Situation der Patientin und des Patienten passt. Da es also in der Hämorrhoidentherapie kein "one size fits all" gibt, muss nach einer Erstuntersuchung eine genaue Befunderhebung erfolgen, bei der wir als Behandler auch die Zielsetzung und Bedürfnisse der Patientin oder des Patienten aufnehmen und die therapeutischen Möglichkeiten und die damit verbundenen Vor- und gegebenenfalls Nachteile erklären.
Im Gespräch
Sollte der Befund durch eine Radiofrequenzablation (RAFAELO) gut zu behandeln sein und dies auch dem Wunsch der Patientin oder des Patienten entsprechen, erfolgt die Aufklärung über und Einwilligung in den Vertrag mit der TK. Eine separate ärztliche Behandlungsaufklärung sowie die Terminierung der Behandlung erfolgt in der Regel innerhalb weniger Wochen. Die Behandlung selbst erfolgt meistens problemlos in einer lokalen Betäubung und dauert ungefähr 20 Minuten. Die erste Kontrolluntersuchung findet höchstens zwei Wochen nach dem Eingriff statt. Eine einfache Schmerzmedikation aus Ibuprofen oder Novalgin reicht meist aus, um Beschwerden nach dem Eingriff zu lindern.
Die Behandlung selbst erfolgt meistens problemlos in einer lokalen Betäubung und dauert ungefähr 20 Minuten.
TK: Wann setzen Sie welches Verfahren ein?
Dr. Komm: Bei einem Großteil der Patientinnen und Patienten ist die einfache Stuhlregulation durch eine reichliche Flüssigkeitszufuhr und einen hohen Ballaststoffverzehr sowie die Anpassung der Entleerungsgewohnheiten schon ausreichend, um die Beschwerdefreiheit zu erzielen. Betonen möchte ich, dass sich vor allem eine invasive Hämorrhoidenbehandlung immer an den Beschwerden der Patientin oder des Patienten orientieren muss. Bestehen trotz vergrößerter Hämorrhoiden keine Beschwerden, sollte man zurückhaltend mit der Empfehlung zu einer invasiven Therapie sein.
Bei fortgeschrittener klinischer Situation oder unzureichender Wirkung der Basismaßnahmen kann die Verödungsbehandlung (Hämorrhoiden ersten Grades und ersten bis zweiten Grades) erfolgen. Bei Hämorrhoiden zweiten und zweiten bis dritten Grades, manchmal auch dritten Grades kann die problematische Hämorrhoide durch ein Gummiband (Barronligatur) abgebunden werden. Alternativ und insbesondere bei Hämorrhoiden dritten Grades kommt die Radiofrequenzablation als minimalinvasive Behandlungsmethode zum Einsatz. Bei fortgeschrittenen Befunden sowie bei Fortbestehen der Beschwerden nach dem Einsatz oder Kontraindikationen gegen den Einsatz minimalinvasiver Methoden wird in aller Regel die Hämorrhoidenoperation empfohlen.
TK: Welche Vorteile haben diese minimalinvasiven Techniken im Vergleich zu klassischen Hämorrhoiden-Operationen, etwa in Bezug auf Schmerzen, Komplikationen und Heilungsdauer?
Dr. Komm: Die Radiofrequenzablation ist ein Verfahren, das insbesondere für symptomatische Hämorrhoiden dritten Grades angewendet wird. Dies ist ein Stadium, in dem vor Etablierung der Radiofrequenzablation, in aller Regel die wesentlich invasivere Operation empfohlen wurde. Letztere kann nur in Vollnarkose erfolgen. Meist geht es zwar mit erheblichen, aber gut zu behandelnden Schmerzen einher und bringt eine mehrwöchige Wundheilungs- und Erholungsphase und je nach Beruf auch eine entsprechende Arbeitsunfähigkeit mit sich. In einigen Fällen gibt es auch heute noch keine erfolgsversprechende Alternative zur klassischen Operation.
Wenn sich der Befund für eine minimalinvasive Radiofrequenzablation eignet, ist diese ein wesentlich schonenderes Verfahren. Es bedarf keiner Narkose und es entsteht keine äußere Wunde. Viele Patienten brauchen nach der Behandlung keine Schmerzmittel oder kommen durch die Einnahme einer niedrig dosierten Medikation gut zurecht. In die meisten beruflichen Tätigkeiten kann sofort wieder eingestiegen werden. Die Wundheilung verläuft im Wesentlichen unbemerkt und braucht dabei ungefähr vier Wochen. Wie bei jeder Art der invasiven oder operativen Behandlung jeden Bereiches können Komplikationen eintreten. Das allerdings ist bei der Radiofrequenzablation äußerst selten.
Die wichtigste Maßnahme zur Prävention eines Hämorrhoidalleidens ist die gute Stuhlregulation.
TK: Wie schnell können Patientinnen und Patienten nach dem Eingriff in der Regel wieder nach Hause und ihrem Alltag nachgehen?
Dr. Komm: Die Radiofrequenzablation findet in aller Regel in einer lokalen Betäubung und ambulant statt. Das bedeutet, dass die Patientinnen und Patienten unsere Praxis nach einer kurzen Nachbeobachtungsphase wieder verlassen können. In ausgewählten Fällen oder auch auf Wunsch der Patientin oder des Patienten kann der Eingriff in Narkose durchgeführt werden. Auch das ist ambulant gut möglich. Da nur mit geringen Schmerzen nach der Maßnahme zu rechnen ist, kann dem Alltag und auch der beruflichen Tätigkeit entweder unmittelbar danach oder spätestens nach wenigen Tagen wieder nachgegangen werden. Neben der Umsetzung der Basismaßnahmen zur Stuhlregulation, kann sich die Patientin oder der Patient beschwerdeorientiert uneingeschränkt belasten. Nur Fernreisen sollten in den zwei bis drei Wochen nach der Behandlung nicht geplant sein.
Enddarmzentrum München-Bavaria
TK: Welche Patientengruppen profitieren besonders von diesem Angebot und welche typischen Beschwerden sehen Sie am häufigsten?
Dr. Komm: Wenn die minimalinvasive Radiofrequenzablation bei korrekter Indikation, also bei einem passenden Befund durchgeführt wird, profitiert jeder Patient und jede Patientin von den Vorteilen der geringeren Schmerzen, kürzeren Wundheilung, schnelleren Erholung und der zügigeren Rückkehr in den gewohnten Alltag im Vergleich zur klassischen Operation. Die schnelle und schmerzarme Beseitigung oder Linderung von Blutungen, Feuchte, Juckreiz, Stuhlschmieren oder eines wiederkehrenden Gewebsvorfalles ohne Narkose und Krankenhausaufenthalt findet Anklang bei jeder Patientin oder Patienten, für den dieses Verfahren in Frage kommt.
TK: Laut S3-Leitlinie sind fast 70 Prozent der Erwachsenen irgendwann von symptomatischen Hämorrhoiden betroffen. Stichpunkt: Prävention - wie könnte man Hämorrhoidalleiden in der Bevölkerung verringern?
Dr. Komm: Ja, das ist richtig und deckt sich mit unserer Erfahrung. In unseren Breitengraden sind eine eher ballaststoffarme Ernährung und eine geringe Trinkmenge die Regel. Dies führt zu einem kompakten Stuhl, der unter Pressen entleert werden muss. Dies kann dauern und die "Auszeit" mit Handy oder Zeitung auf der Toilettenschüssel ist oft willkommen. Über einen längeren Zeitraum hinweg können diese Verhaltensweisen Probleme durch Hämorrhoiden verursachen.
Die wichtigste Maßnahme zur Prävention eines Hämorrhoidalleidens ist die gute Stuhlregulation, insbesondere das Aufrechterhalten eines ausreichenden Stuhlvolumens durch Ballaststoffe und reichliche Flüssigkeitszufuhr. Durch das Stuhlvolumen werden alle natürlichen Reflexe aktiviert, die eine Entleerung mit geringem Druck und geringen Scherkräften auf die Hämorrhoidenzone ermöglichen. Eine möglichst kurze Entleerung ist zu empfehlen. Als Merkhilfe kann das TONE-Schema dienen: Three minutes (maximal drei Minuten auf der Toilette sitzen), once a day (einmal am Tag), no straining (kein Pressen), enough fibres (ausreichend Ballaststoffe). Wenn man diese Empfehlungen beachtet, sinkt die Wahrscheinlichkeit deutlich, eines Tages einen Proktologen zu benötigen.
Weitere Informationen zu ambulanten proktologischen Eingriffen in Bayern gibt es online. Die spezialisierten Vertragspartner der TK in Bayern: