Magersucht: Wie Familie zum Therapie-Team werden kann
Interview aus Sachsen
Die FIAT-Studie vergleicht einen hierzulande neuen Behandlungsansatz für Kinder und Jugendliche mit Magersucht, die Familien-basierte telemedizinische Therapie (FBT), mit der Institutionellen Anorexia nervosa Therapie. Prof. Stefan Ehrlich erklärt im Interview, worin sich der neue Behandlungsansatz unterscheidet und welche Chancen die familienbasierte Therapie bietet.
Die familienbasierte Therapie (FBT) für Magersüchtige wird primär per Telemedizin durchgeführt, während die konventionelle Therapie stationär stattfindet. Ziel ist es, die Versorgung zu verbessern und betroffene Familien früher und wohnortnäher zu erreichen. Die Techniker Krankenkasse ist als Konsortialpartner an der FIAT-Studie beteiligt; bundesweit nehmen 22 Kliniken und elf Krankenkassen teil. In Sachsen sind die Universitätskliniken in Leipzig und Dresden eingebunden.
TK: Warum braucht es gerade jetzt neue Behandlungswege für Magersucht?
Prof. Ehrlich: Vor allem, weil die Versorgung vielerorts nicht ausreicht. Stationäre Plätze sind häufig über Monate belegt, und in dieser Zeit kann sich die Erkrankung verfestigen. Die Krankheit ist nicht nur lebensbedrohlich, Untergewicht ist zudem medizinisch riskant und kann etwa Kreislaufprobleme, Ohnmachten oder eine verminderte Knochendichte nach sich ziehen. Eine wirksame, niedrigschwelligere Behandlung könnte deshalb viel Leid und Zeitverlust vermeiden.
Prof. Dr. med. Stefan Ehrlich
TK: Welche Chance sehen Sie in der familien-basierten, telemedizinischen Therapie?
Prof. Ehrlich: Sie könnte die Behandlung näher an den Alltag der Familien bringen und damit auch Regionen erreichen, in denen spezialisierte Angebote fehlen. Wenn die Studie erfolgreich ist, ließe sich die Versorgung möglicherweise nicht nur über Zentren, sondern in enger Kooperation mit den lokalen Kinderärztinnen und Kinderärzten unterstützen. FBT kann nur medizinisch stabilen Patientinnen und Patienten angeboten werden, sodass das medizinische Monitoring mit Gewicht, Blutdruck und Laborwerten eng eingebunden werden muss. Genau darin liegt die Stärke des Ansatzes: Er verbindet Alltagsnähe mit fachlicher Struktur.
Das Ziel ist, die Familie zu stärken, statt sie unter Verdacht zu stellen.
TK: Was macht die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Anorexie besonders anspruchsvoll?
Prof. Ehrlich: Magersucht ist nicht nur eine psychische Erkrankung, sondern immer auch ein somatisches Risiko. Deshalb braucht es Teams, die kinderpsychiatrische und kinderärztliche Kompetenz zusammenführen und auch bei der Wiederernährung sorgfältig auf mögliche Komplikationen achten. Hinzu kommt, dass die Krankheitseinsicht oft eingeschränkt ist und viele Betroffene ambivalent auf Behandlung reagieren. Gerade deshalb empfehlen Leitlinien speziell geschulte Teams.
TK: Warum ist die Familie in diesem Modell so wichtig?
Prof. Ehrlich: Eltern werden in der FBT nicht als Mitverursacher betrachtet, sondern als zentrale Ressource. Die Krankheit belastet das gesamte Familiensystem, und genau dort setzt die Therapie an. Eltern übernehmen in der Anfangsphase eine sehr aktive Rolle bei Mahlzeitenbegleitung und Ermöglichung der dringend erforderlichen Gewichtszunahme, also Aufgaben, die sonst eher im stationären Setting liegen. Das Ziel ist, die Familie zu stärken, statt sie unter Verdacht zu stellen.
TK: Welche Rückschlüsse ziehen Sie aus den bisherigen Erfahrungen im Ausland?
Prof. Ehrlich: Internationale Daten aus den USA und England sprechen dafür, dass familienbasierte Therapie die Übergänge zwischen Klinik und Zuhause verbessern kann. Das ist besonders relevant, weil nach stationären Aufenthalten Rückfälle keine Seltenheit sind. Häufig gelingt die Gewichtszunahme zunächst gut, doch im Alltag fehlt dann das schützende, hochstrukturierte Umfeld. Aber das sind Hypothesen, wir müssen sie erst einmal für Deutschland, für diesen telemedizinischen Ansatz beweisen. Dafür ist die Studie da. Allerdings muss man sagen, dass die Patientinnen und Patienten in diesen Ländern nicht so schwer betroffen waren, aber hier versuchen wir auch schwer Betroffene einzuschließen.
TK: Wie erklären Sie die Zunahme von Fällen in den vergangenen Jahren?
Prof. Ehrlich: Es gibt selten einen einzelnen Auslöser. Meist kommen biologische, familiäre und soziale Faktoren zusammen. In Familien mit Essstörungen sieht man gehäuft entsprechende Belastungen, was auf eine genetische Mitveranlagung hindeutet; zugleich spielen Leistungsdruck, Vergleichsdynamiken und kulturelle Einflüsse eine wichtige Rolle. Die Pandemie hat diese Entwicklung im Kinder- und Jugendbereich zusätzlich verstärkt.
Der Ansatz wird stationäre Behandlung nicht für alle ersetzen, aber er kann das Spektrum sinnvoll erweitern.
TK: Wie läuft die neue Therapie praktisch ab?
Prof. Ehrlich: Die Sitzungen finden per sicherer Videoschaltung statt und werden bei Bedarf verdichtet oder durch persönliche Termine ergänzt. Die Gewichtszunahme ist am Anfang das wichtige Ziel. Wenn das nicht erreicht wird, kann die Behandlung stufenweise intensiviert werden, bis hin zu kurzen stationären Interventionen. So bleibt das Modell flexibel, ohne seine klare Struktur zu verlieren. Entscheidend ist, dass Fortschritte eng überprüft und Behandlungswege konsequent angepasst werden.
TK: Was bedeutet es für Familien, wenn sie in der Studie per Zufall einer Behandlungsgruppe zugeteilt werden?
Prof. Ehrlich: Das ist methodisch notwendig, auch wenn es emotional nicht immer leicht ist. Nur so lässt sich fair prüfen, ob die neue Therapie tatsächlich wirksam ist und nicht nur wegen einer höheren Anfangserwartung besser abschneidet. Familien wissen daher vorab, dass sie entweder die familienbasierte oder die stationäre Behandlung erhalten können. Gerade diese Offenheit ist die Voraussetzung dafür, dass die Ergebnisse später wissenschaftlich belastbar sind. Gleichzeitig gilt: Wer an einer Studie teilnimmt, profitiert oft von der sehr engmaschigen Begleitung und der genauen Struktur. Wir gehen davon aus, dass beide Therapieformen wirken, nur deshalb ist die Studie zulässig.
TK: Wo sehen Sie die größte Bedeutung dieser Therapie für die Zukunft?
Prof. Ehrlich: Ich sehe vor allem die Chance, Versorgungslücken zu schließen und mehr Familien früher zu erreichen. Zugleich könnte der Ansatz helfen, Rückfälle nach der Entlassung zu verringern und Übergänge in den Alltag stabiler zu machen. Er wird stationäre Behandlung nicht für alle ersetzen, aber er kann das Spektrum sinnvoll erweitern. Genau das ist für ein Krankheitsbild mit so hohem Leidensdruck ein wichtiger Schritt.