Im Rahmen einer Masterarbeit wurde im Vertragsbereich stationäre Versorgung der TK-Landesvertretung Niedersachsen in Kooperation mit der Hochschule Hannover analysiert, wie sich die stationären Krankenhausleistungen nach der Schließung des OsteMed Martin-Luther-Krankenhaus Zeven (Landkreis Rotenburg) in der durch die Schließung betroffenen Region entwickelt haben.

Im April 2018 hatte der Kreistag des Landkreises Rotenburg beschlossen, dass das OsteMed Martin-Luther-Krankenhaus Zeven im Landkreis Rotenburg geschlossen und im Gegenzug ein ambulantes Gesundheits- und Therapiezentrum gegründet wird. Das Krankenhaus verfügte über 80 Planbetten. Gründe für die Schließung waren zu wenige Patient:innen, akuter Ärztemangel, zu hohe Kosten und ein zukünftig absehbarer, zusätzlicher Investitionsbedarf. Als weitere Maßnahme wurde der zweite Krankenhausstandort der OsteMed Kliniken in Bremervörde durch die Verlagerung von 60 Betten auf 162 Betten gestärkt. Seitens der Krankenkassen wurde die Fusion unterstützt, da dadurch der Standort Bremervörde zukunftsfähiger aufgestellt werden konnte. Im Landkreis Rotenburg gibt es darüber hinaus noch das freigemeinnützige Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg mit einer Bettenzahl von 577 somatischen Betten.

Vor dem Hintergrund, dass die Betten und das Budget aus Zeven nicht vollständig in das Fusionskrankenhaus verlagert wurden, war es von großem Interesse, ob und wie sich die Versorgung durch die Schließung in Zeven verändert.

Erhebliche Verringerung der Fallzahlen der ambulant-sensitiven Diagnosen

Ein interessantes Ergebnis war, dass sich die Fallzahlen der ambulant-sensitiven Diagnosen im Landkreis Rotenburg nach der Schließung erheblich verringerten. Das Augenmerk auf die Entwicklung der ambulant-sensitiven Diagnosen im Krankenhaus zu richten basiert auf der Annahme, dass z.B. ein richtig eingestellter Diabetiker grundsätzlich keiner stationären Behandlung bedarf - mit Ausnahme weniger Komplikationen. Zu den ambulant-sensitiven Diagnosen gehören insbesondere Gastroenteritis, Diabetes, Schlafstörungen, Asthma und Hypertonie.

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Bei den ambulant-sensitiven Diagnosen  war bei der Analyse die hohe Anzahl an Notfallaufnahmen im Landkreis Rotenburg im Jahr 2019 auffällig, bei denen Patienten ohne Überweisung durch einen niedergelassenen Arzt aufgenommen wurden (408 von 637 Patienten). Dieser hohe Anteil von 64 Prozent könnte auf Versorgungsdefizite außerhalb der Kernarbeitszeiten des niedergelassenen Bereichs und diesbezügliche Optimierungsmöglichkeiten der ambulanten Notfallversorgung im Landkreis Rotenburg hinweisen.

Veränderte Nachfrage der Patienten

Ein weiterer Kernpunkt der Analyse bezog sich insgesamt auf eine veränderte Nachfrage der Patient:innen aus Zeven nach Krankenhausleistungen nach der Schließung. Hierbei konnte ein Rückgang der insgesamt in Anspruch genommenen Leistungsmengen festgestellt werden. Die Berechnungen basieren auf einem Belegungsanteil der Ersatzkassen von 20 Prozent. Bei Hochrechnung auf die gesamte Krankenhausbelegung ergäbe sich dadurch ein Wegfall von 1.825 Casemix Punkten (Leistungsmengen) bei der Versorgung von Patienten des Wohnortes Zeven.

Bewertet man dies monetär mit dem Landesbasisfallwert Niedersachsen (2019: 3.528,55 Euro), so würden sich dadurch 6,4 Millionen Euro weniger Krankenhausausgaben im Landkreis Rotenburg ergeben. Ein Grund für den Nachfragerückgang kann der geringere "Belegungsdruck" sein, den Krankenhäuser haben, da sie zur Finanzierung ihrer Vorhaltekosten ausreichende Fallzahlen benötigen und der sich durch die Konzentration der Leistungen auf weniger Krankenhäuser verringert. Berücksichtigt man zusätzlich die Erhöhung der landesdurchschnittlichen Morbidität in Niedersachsen, ergeben sich sogar Einsparungen von 9,8 Millionen Euro.  Der Rückgang der Leistungen würde einem Wegfall von 48 Krankenhausbetten im Landkreis Rotenburg entsprechen.

Bei einer Hochrechnung des Landkreises Rotenburg mit seinen 163.782 Einwohnern auf das Land Niedersachsen mit 7.993.608 Einwohnern entspräche dies somit einer Einsparung von 2.354 Betten in Niedersachsen und rund 479 Millionen Euro von 6.440 Millionen/Euro an Ausgaben.

Kein Versorgungsdefizit

Der Analyse zum Rückgang der Nachfrage führt zwangsläufig zu der Frage, ob es dadurch zu Defiziten in der Versorgung kam? Um diese Fragestellung zu beantworten wurden exemplarisch die drei Akutleistungen Schlaganfall, Myokardinfarkt und die Versorgung von Schwerverletzten betrachtet. Dabei konnte kein Versorgungsdefizit aufgrund der Schließung festgestellt werden. Allein die durchschnittliche Fahrzeit hat sich dabei für die Zevener Einwohner von 29 auf 38 Minuten und die durchschnittliche Wegstrecke von 34 auf 45 Kilometer erhöht. Dies muss aus TK-Sicht kein Nachteil sein, denn Ergebnisse aus wiederholten Patientenbefragungen unserer Versicherten zeigen, dass sie für eine qualitativ hochwertige Behandlung auch bereit sind, längere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen.

Fazit

Als Fazit lässt sich feststellen, dass die Schließung des Zevener Krankenhauses zu einem Rückgang von Fällen mit hohem ambulanten Potenzial, zu einem Rückgang der Leistungsmengen (Casemix-Punkten) und zu einem erheblichen Einsparungspotential führte. Defizite in der Versorgung waren nicht erkennbar, allerdings eine Verlängerung durchschnittlicher Wegstrecken für Patienten. 

Da diese Untersuchung nur auf einen Landkreis fokussiert, ist die Verallgemeinerungsmöglichkeit eingeschränkt. Eine Untersuchung weiterer Standortschließungen wäre insofern notwendig. Darüber hinaus auch zusätzliche Analysen zur Qualitätsentwicklung in den von Schließungen betroffenen Regionen durch Nutzung der Daten der strukturierten Qualitätsberichte der Krankenhäuser oder von Patientenzufriedenheitsbefragungen. Zudem wären Erhebungen bei der jeweilig betroffenen Wohnbevölkerung zur Akzeptanz von Krankenhausschließungen wünschenswert. 
 

Jochen Blaser

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Fachreferent stationäre Versorgung der TKLV-Niedersachsen